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Sicher in die Pedale treten
Halt vor dem Stoppschild, ein Fuss auf den Boden, Blick zurück vor dem Weiterfahren: Im Kurs lernen Flüchtlinge das Einmaleins des Radfahrens. Foto: Madeleine Wegner
Straßenverkehr

Sicher in die Pedale treten

Viele Flüchtlinge fahren mit dem Rad, doch nur wenige sind mit den Schildern und Regeln vertraut. Spezielle Kurse sollen das ändern.

09.12.2016
  • VON MADELEINE WEGNER

Tübingen. Stopp!“, ruft Gernot Epple, er hält an, nimmt den Fuß vom Radpedal und schaut sich um. Hinter ihm halten neun Männer auf ihren Rädern ebenfalls an. An der kleinen Kreuzung steht ein Stopp-Schild. „Hier müssen Radfahrer anhalten. Der Fuß sollte dabei den Boden berühren“, erklärt Epple. Auf dem Boden der Tübinger Freiluft-Halle sind schmale Straßen aufgemalt, an den Straßenrändern und Kreuzungen stehen Miniatur-Straßenschilder.

Die neun Männer, die an diesem Vormittag auf den Übungsplatz gekommen sind, leben seit einigen Monaten in Deutschland. Sie sind aus Syrien und aus dem Irak geflüchtet. Das Fahrrad bedeutet für sie auch ein kleines Stück Freiheit: Fahrkarten für Bus und Bahn sind teuer, das Rad ist für viele eine günstige und mitunter die einzige Möglichkeit, mobil zu sein. Doch die Verkehrsregeln in Deutschland kennen viele nicht.

„Wir haben Meldungen von Einwohnern bekommen, dass Flüchtlinge unsicher im Straßenverkehr unterwegs sind“, sagt Karolina Glowacka, Mobilitätsberaterin bei der Stadt Tübingen. Deshalb hat die städtische Stabsstelle für Klima- und Umweltschutz zusammen mit dem ADFC ein Rad-Sicherheitstraining für Flüchtlinge organisiert.

„Bei uns fahren vor allem Kinder und Jugendliche Rad, Erwachsene nehmen eher das Auto“, sagt einer der Syrer. Das Rad sei hier in Tübingen jedoch praktisch, weil man schneller in der Stadt unterwegs sei. So mancher Erwachsene unter den Flüchtlingen hat erst in Deutschland Radfahren gelernt.

„Natürlich ist das für uns ein großes Thema“, sagt Robert Newart, Geschäftsführer der Landesverkehrswacht. „Flüchtlinge, die hier geltende Verkehrsregeln nicht kennen, brauchen natürlich Unterstützung“, sagt Newart, „und unsere Präventionsangebote sind dafür besonders geeignet.“ Die meisten Jugendverkehrsschulen im Land gehören den Verkehrswachten.

Etwa jede dritte der 58 Verkehrswachten im Land bietet solche Sicherheits-Schulungen an. Nach Schätzungen Newarts gab es bisher 50 bis 60 Kurse. Auch bundesweit arbeitet die Verkehrswacht an einem gemeinsamen Konzept für solche Trainings.

Die Zusammenarbeit mit den Behörden und Ehrenamtlichen, die Flüchtlinge unterstützen, sei wichtig, um den Kontakt zu den Menschen herzustellen. „Wir brauchen die Schnittstellen“, sagt Newart. In Tübingen haben Glowacka und ihre Kolleginnen in einer Unterkunft die Bewohner persönlich angesprochen und für das Rad-Training geworben. Sonst wären nicht genügend Teilnehmer für den Kurs zusammengekommen.

Zehn Monate hätten Stadt und ADFC-Kreisverband gebraucht, um diesen Kurs zu organisieren, sagt Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer. Polizei und Verkehrswacht hätten sich dafür nicht zuständig gefühlt. In anderen Orten funktionieren solche Kooperationen. In Münsingen beispielsweise bietet das Landratsamt Reutlingen in Zusammenarbeit mit Polizei und Verkehrswacht ähnliche Trainingskurse an.

Wie misst man den Reifendruck richtig? Wie zieht man Bremsen nach? Beim ersten Tübinger Kurs bietet die mobile Fahrradwerkstatt „Gepäckträger“ der Martin-Bonhoeffer-Häuser einen Radcheck an. Hier etwas Luft nachpumpen, dort ein wackliges Rücklicht flicken – im Großen und Ganzen sind die Räder gut in Schuss. Nur ein paar Häuser von der Unterkunft, in der die neun Männer leben, gibt es eine Fahrradwerkstatt. Dort bieten engagierte Ehrenamtliche – wie in vielen anderen Orten auch – Werkzeug und Hilfe bei der Reparatur der meist gespendeten Räder an.

„Für mich ist es wichtig zu wissen, was für Regeln es gibt, damit ich sicher auf der Straße Rad fahren kann“, sagt ein Mann aus dem Irak. „Ich fahre auch Auto, deshalb kenne ich die Regeln schon, aber ich wollte sicher gehen“, sagt ein junger Mann aus Syrien. „In Syrien ist es heller auf den Straßen, da braucht man kein Licht“, sagt ein anderer.

Epples Fazit nach einer ersten Übungsrunde auf dem Platz: Fast jedes Stoppschild wurde überfahren, zu wenig Schulterblicke. Der ADFC-Fachmann erklärt im Laufe der gut zwei Stunden nicht nur, dass Radfahrer sehr wohl Licht brauchen, sondern auch, was Vorfahrt- und Hauptstraßenschilder bedeuten und, was einen Radweg von einer Fahrradstraße unterscheidet. Außerdem gebe es einen Unterschied zu manchen anderen Ländern: Im Grundsatz halte man sich in Deutschland an die Verkehrsregeln, sagt Epple: „Man lebt sicherer, wenn man das weiß.“

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09.12.2016, 06:00 Uhr

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