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„Sie müssen anfangen, ihn zu schätzen“
Reinhold Weber
Expertenrunde: Der Mössinger Widerstand war legitim

„Sie müssen anfangen, ihn zu schätzen“

„Seien Sie doch stolz!“ Thomas Schnabel, Leiter des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg, forderte die Mössinger auf, den Generalstreik wertzuschätzen. Und damit war er kein Einzelkämpfer. Es war die einhellige Meinung der Experten auf dem Podium am Freitagabend in der Quenstedt-Aula. Vor rund 100 Zuhörern diskutierten sie über den Widerstand gegen die Nationalsozialisten und seine Würdigung.

29.10.2012
  • susanne wiedmann

Mössingen. Es war die früheste Aktion gegen das NS-Regime. Als am 31. Januar 1933 nicht weniger als 800 Menschen in Mössingen gegen die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler demonstrierten. Für diesen „Sonderfall“ suchten die Experten Antworten darauf, warum der Generalstreik auch heute – nach annähernd 80 Jahren – noch umstritten ist.

Wie war die politische Lage am Ende der Weimarer Republik? Für die NSDAP sei Württemberg „ein schwieriges Pflaster“ gewesen, erklärte Thomas Schnabel, ihre Wahlergebnisse lagen bis 1933 stets weit unter dem Reichsdurchschnitt. Der Historiker führt dieses Phänomen auf die vergleichsweise solide wirtschaftliche Lage und die geringere Arbeitslosigkeit zurück.

„Die Schwäche der NSDAP war Charakteristikum in Württemberg“, betonte auch Reinhold Weber von der Landeszentrale für politische Bildung und blickte auf das regionale Parteiensystem. Hier agierten rechtskonservative Parteien als erfolgreiche Konkurrenten der Nationalsozialisten: neben den Deutschnationalen noch der protestantische Bauern- und Weingärtnerbund (besonders stimmenstark in Mössingen) und das weiter rechts als auf Reichsebene auftretende „Zentrum“, wie die Partei der Katholiken hieß. Die Sozialdemokraten waren ab 1922 nicht mehr in der Regierung vertreten.

Schnabel ergänzte die Situation auf der politischen Linken: Bis zum Ende der Weimarer Republik war die KPD auf dem Land immer schwächer als die SPD. In der Regel verzeichnete sie in katholischen Regionen größere Erfolg als in evangelisch-ländlichen Gebieten. Nicht so in Mössingen. Schnabel und Weber führen diese Abweichungen darauf zurück, dass die Funktionäre aus der Provinz die offizielle Parteillinie der KPD nur widerwillig befolgten.

Dass in Mössingen die Gefahr der Naziherrschaft besser erkannt wurde als anderswo, liegt laut Schnabel auch daran, „dass einfachere Menschen oft sensibler sind und einen geraderen Kompass von Werten, Vorstellungen und Einstellungen haben als Intellektuelle, die vielleicht eher schönreden“.

Aber warum tun sich viele Mössinger nach wie vor schwer, ihre Generalstreiker zu rehabilitieren? „1945 war keine Stunde Null“, das dürfe nicht vergessen werden, betonte Schnabel. „Sie konnten doch das Volk nicht austauschen. Diejenigen, die sich gewehrt haben, sollten ein Vorbild sein, wenn man an seine eigenen Handlungen denkt?“

So ähnlich verhielt es sich in Königsbronn, dem Heimatort des Hitler-Attentäters Georg Elser. „Er war lange umstritten“, berichtete Manfred Maier vom Georg-Elser-Arbeitskreis Heidenheim. Erst seit 2010 erinnert in Königsbronn ein Denkmal an den Widerstandskämpfer. Maier glaubt: „Mössingen hat noch nicht verstanden, welches Alleinstellungsmerkmal die Stadt hat.“ Sie müsste etwas tun – über alle Parteigrenzen hinweg.

Eine Wende bei der Würdigung des Widerstands war die Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker im Jahr 1985, als er den 8. Mai als einen „Tag der Befreiung“ bezeichnete. „Alles was versucht wurde, die Nazi-Verbrechen zu verhindern, gehört seither zur Legitimation der BRD“, betonte Schnabel. Nicht jeder hatte Einfluss wie Claus von Stauffenberg. Nicht jeder konnte eine Bombe bauen wie Georg Elser.

Der Generalstreik sei absolut richtig gewesen, bestätigte ein Mössinger, als auch das Publikum ins Gespräch einbezogen wurde. Dennoch habe diese Aktion tiefe Gräben in Mössingen gerissen, weil die Demonstranten die Firma Merz belagerten, Menschen von der Arbeit weggedrängt, Beschäftigte an Haaren weggezogen hätten. „Ist das legitim?“, fragte er. Auch darüber müsse man diskutieren. Zudem stelle er sich die Frage, ob nicht bekannt war, was der Kommunismus in der Sowjetunion angerichtet habe. Thomas Schnabel hielt dagegen, dass wohl die meisten Deutschen, zumal 1933, nicht im Detail über die Sowjetunion informiert waren. „Gegenfrage: Wissen Sie denn heutzutage, was alles so in Russland läuft, trotz der vielen Medienberichte, die es früher nicht gab?“ Der Historiker warnte davor, nach heutigen Maßstäben zu urteilen. „Mit diesen Kriterien fällt der komplette Widerstand durch.“ Akzeptiere man aber, dass das Dritte Reich für alle eine Katastrophe gewesen sei, dann sei alles, was versucht wurde, diese zu verhindern, legitim und gedenkwürdig. Die Zuhörer stimmten ihm mit Beifall zu.

Entscheidend sei aber nicht nur der 31. Januar 1933. Sondern auch, wie die Mössinger in den folgenden zwölf Jahren und nach Kriegsende damit umgegangen seien. „Das tut bei Ihnen genauso weh wie in jedem anderen Ort.“ Es gehe nicht um Glorifizierung. „Seien Sie doch stolz!“ Dass ein Hausfriedensbruch nicht positiv sei, darüber müsse nicht diskutiert werden. „Aber in dieser Ausnahmesituation! Es ist doch Grundkonsens, dass der Versuch, das NS-Regime zu verhindern, das wichtigste war“, betonte Schnabel und fügt hinzu: „Sie müssen anfangen, ihn zu schätzen!“ Ein weiterer Redner fügte aus dem Publikum hinzu: Die Brüder Löwenstein hätten die Arbeiter der Pausa für den Generalstreik freigegeben, Herr Merz nicht. „Jetzt überlegen Sie mal, woran das lag!“

Konsens gab es am Ende bei der Forderung, den Generalstreik historisch aufzuarbeiten. Komplett. Nicht nur auf den Tag des 31. Januar 1933 beschränkt, der schon intensiv erforscht ist. Aber von Interesse sei auch, wie es am 1. Februar 1933 weiterging. Und wie nach 1945. Auch ein Denkmal oder ein Straßennamen sollten erinnern.

Dem stimmte Oberbürgermeister Michael Bulander zu. Die Wertschätzung der Nazigegner gehöre zum demokratischem Grundkonsens. Es sei wichtig, dass die Stadt etwas tue.Bilder: Wiedmann

„Sie müssen anfangen, ihn zu schätzen“
Manfred Maier

„Sie müssen anfangen, ihn zu schätzen“
Thomas Schnabel

Die Podiumsdiskussion „Was war sonst außer hier? – Ende der Weimarer Republik – linker Widerstand – Erinnerung an den Mössinger Generalstreik“ war der Auftakt einer Veranstaltungsreihe zum 80. Jahrestag des Generalstreiks im kommenden Jahr. Moderiert wurde die Diskussion von der Mössinger Stadtarchivarin Franziska Blum und Elke Thran vom Kreisarchiv Tübingen.

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29.10.2012, 12:00 Uhr

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