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Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit: Hinter seinem Satz für die Geschichtsbücher stand ein Grundsatzstreit

Sie nannten ihn den Weltökonomen

Er zeigte den Deutschen, dass auch ein Sozi Wirtschaft kann. Viel mehr noch: Der studierte Volkswirt war zeitlebens ein Ökonom mit globalem Blick.

11.11.2015

Von HELMUT SCHNEIDER

Man wird den anderen Kanzlern der Bundesrepublik nicht zu nahe treten mit der Behauptung, dass diese beiden von Wirtschaft am meisten verstanden haben: Neben Ludwig Erhard (CDU), dem Mitbegründer der Sozialen Marktwirtschaft, war das der Sozialdemokrat Helmut Schmidt. Der studierte Volkswirt genoss auch beim politischen Gegner hohes Ansehen für seinen ökonomischen Sachverstand.

Wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb, weil die damals gängige Deutung den "Sozis" gewissermaßen erbbedingt die Unfähigkeit zuwies, mit Geld umgehen zu können. Auch wenn Schmidts Partei- und Vorgänger als Finanzminister (bis 1972), der Wirtschaftsprofessor und "Superminister" Karl Schiller, derlei politische Propaganda schon zuvor Lügen gestraft hatte. In der eigener Partei hielt sich auch in Sachen Wirtschaftskompetenz die Begeisterung über Schmidt in Grenzen. Eben erst hat Erhard Eppler (88), langjähriger Entwicklungsminister der SPD und linker Vordenker der Partei, des Altkanzlers ökonomischen Kurs bitter bilanziert: Schmidt habe "vor allem Schulden" hinterlassen.

Das mag mit Blick auf die reinen Zahlen nicht ganz falsch sein. Es ist allerdings nur verständlich aus der Zeit heraus. Denn in der Tat steht Schmidts Kanzlerschaft an einer wirtschaftspolitischen Zeitenwende. Die goldenen Jahre des deutschen Wirtschaftswunders - keine Arbeitslosigkeit, keine nennenswerte Staatsverschuldung, dafür ständiges Wachstum - gingen spätestens mit der ersten Ölkrise 1973 zu Ende.

Was folgte, war in den Wirtschaftslehrbüchern so nicht vorgesehen: Die vom britischen Ökonomen John Maynard Keynes empfohlenen staatlichen Konjunkturprogramme, notfalls auch schuldenfinanziert, trieben nicht nur die Inflation nach oben, sondern - was theoretisch ausgeschlossen schien - auch die Arbeitslosigkeit. "Stagflation" nennen das die Ökonomen.

In diese Zeit fällt auch Schmidts Satz, der ihn in der Welt der Wirtschaftspolitik unsterblich macht: Fünf Prozent Inflation seien ihm lieber als fünf Prozent Arbeitslosigkeit. Schmidt verteidigte damit die ökonomisch vorherrschende Theorie des Keynesianismus, die mit der Stagflation gerade an ihre Grenzen gestoßen war. Aufwind bekam die ökonomische Gegenposition der so genannten Monetaristen, die auf Geldpolitik und - wie man heute sagen würde - Strukturreformen zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit setzten. Diese beiden Denkschulen waren alles andere als pure Konstrukte aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft.

In diese Zeit ideologischen Streits mit praktischen Konsequenzen für die von nun an steil ansteigende Staatsverschuldung, fiel das meist bewundernde, manchmal auch spottende Wort vom "Weltökonom" Schmidt. Er hat es später als Publizist, der den Deutschen die Welt der Wirtschaft erklärte, immer wieder aufs Neue unterfüttert.

Die Umwälzungen waren tatsächlich globaler Natur: Das Weltwährungssystem der Nachkriegszeit mit seinem an das Gold gebundenen festen Wechselkursen brach zusammen. Gleichzeitig begann der Aufstieg der internationalen Finanzmärkte, die in die Finanzkrise von 2007 mündete. Die internationalen Finanzjongleure, deren Herdenverhalten alles außer Kontrolle bringen können, waren ihm nie geheuer.

Gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing, mit dem er befreundet war, schuf Schmidt den Europäischen Rat, beide brachten sie das europäische Währungssystem auf den Weg, aus dem später der Euro werden sollte. Auch die Gründung der G7-Gruppe, in der sich die wichtigsten Industrienationen abstimmen, geht auf den Weltökonom Schmidt zurück. Wenig verwunderlich, dass sein Augenmerk in der jüngeren Vergangenheit ganz von seinem globalen Blick bestimmt ist. Chinas ökonomischen Aufstieg "grenzt an ein Wunder", schrieb er in einem seiner letzten Bücher.

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Erstellt:
11. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
11. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. November 2015, 12:00 Uhr

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