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Vor 30 Jahren gründeten Studierende das Bierkeller-Kollektiv und stritten sich fortan übers Kloputzen

Sie sollten Lehrer werden und sie wurden Wirte

Studentenstammtische, wilde Konzertveranstaltungen und heiße Diskussionen über den Bierpreis: Zum 30. Geburtstag des Bierkellers erinnern sich (ehemalige) Kollektiv-Mitglieder an ihre Zeit in der Tübinger Institution des studentischen Nachtlebens.

15.11.2015
  • Miri Watson

Tübingen. „Wir hatten schon einen politischen Anspruch“, sagt Erhard Glück, der zu den Gründungsmitgliedern des Bierkellers zählt, über die erste Zeit. Zum 30. Geburtstag sind aktuelle und ehemalige Mitarbeiter des Bierkeller-Kollektivs zusammengekommen, um ihren Laden gemeinsam hochleben zu lassen.

Dass Glück mit einigen Freunden damals den Laden unter der Mensa Wilhelmstraße übernahm, lag eigentlich an der Lehrerschwemme: „Viele von uns haben auf Lehramt studiert, damals gab es einfach keine Jobs für uns“, sagt der 59-Jährige. Da musste man halt schauen, womit man sonst seine Brötchen verdient. Als das Studentenwerk neue Pächter für den Bierkeller – der auch vorher schon so hieß – suchte, bewarben sich die Lehramts-Absolventen und bekamen den Zuschlag.

„Die Botschaft kam eine Woche zuvor“, sagt der Weinstädter Harald Beck. Zwar sei schon im Sommer die Rede davon gewesen, eine Kneipe zu eröffnen; dass es aber tatsächlich geklappt hatte, erfuhren einige der Gründungsmitglieder erst kurz vor knapp.

Fast alle Mitarbeiter damals waren Laien in der Gastronomie-Branche, trotzdem schafften sie es durch einem guten Draht zu den Fachschaften und zu der studentischen Szene, schnell Fuß zu fassen. Bald gab es ein festes Publikum. An den Stammtischen wurde über die Uni und über Politik debattiert; die Bierkeller-Mitarbeiter diskutierten derweil ihre Arbeitsform: „Es hat einige lange nächtliche Runden gebraucht, bis wir den Entschluss fassten, uns als Kollektiv zu organisieren“, berichtet Beck. Jeder der Mitarbeitenden ist dabei gleichzeitig Chef: Gegenüber dem Studierendenwerk gibt es zwar eine Ansprechperson, alle anderen Aufgaben und die Einnahmen teilen die Kollektiv-Mitglieder zu gleichen Teilen unter sich auf. „Sensationell finde ich, dass sich das 30 Jahre lang in dieser Form gehalten halt“, sagt Glück.

Ein Politikum war von Anfang an der Bierpreis: „Wir wollten eine einigermaßen faire Sache machen“, so Beck; Studierende mit schmalerem Geldbeutel sollten sich den Gerstensaft schließlich auch leisten können. „Wenn wir den Preis erhöhen, dann kann ich meinen Kumpels nicht mehr unter die Augen treten“, war bei diesen Diskussionen ein gängiges Argument. Ein anderer Grundsatz: Der Preis des Schmalzbrotes durfte nie über eine Mark (50 Cent) steigen.

Die Gemütlichkeit ging immer dann flöten, wenn die unangenehmen Aufgaben verteilt wurden: „Der Kloputz war ein umkämpftes Thema“, erinnert sich Peter Widmann-Rau, ebenfalls Gründungsmitglied. Das sei auch noch immer so, bekräftigt Björn Dähn, der Mitglied der aktuellen Besetzung ist. In einem Kollektiv müssten eben „alle alles machen und alle alles können“, so Dähn. Der Kloputz gehört genau so zu den regelmäßigen Aufgaben wie der Ausschank an der Bar, wobei letzterer deutlich beliebter ist.

Auch die Weltanschauungen gingen an manchem Punkt auseinander: So war der Kauf einer Mikrowelle ein Streitpunkt und als Beck die erste Fritteuse vom Flohmarkt anschleppte, waren nicht alle Kollektiv-Mitglieder begeistert. „Bis vor zwei Jahren war das noch unsere Ersatz-Fritteuse“, sagt Dähn.

Während heute die Partys an den Wochenenden ein wichtiges Standbein des Bierkellers sind, war das Programm vor 30 Jahren noch nicht so ausgefeilt: Freitags gab es Konzerte – „da spielte jeder, der wollte“, so Glück; auch Dieter Thomas Kuhn habe sich mal die Ehre gegeben . Der Samstag wurde zum Disco-Abend erklärt. Wichtiger war damals aber der alltägliche Kneipenbetrieb.

Dähn hat in den vergangenen zehn Jahren im Bierkeller gearbeitet, zum Ende des Jahres hört er auf. „Das Gesamtgebilde Bierkeller ist einfach großartig“, sagt der 37-Jährige. Für ihn ganz wichtig: Die Freiheiten, die das Kollektiv bietet. Als es die Idee für das aktuelle Logo gab, hat er sich ein Anatomie-Buch aus der Bibliothek ausgeliehen, um dann nachts einen anatomisch korrekten Totenkopf zu zeichnen.

„Mit den Veränderungen in der Studi-Szene ist auch der politische Anspruch des Bierkellers ein wenig abhanden gekommen“, so Dähn. Immer noch aber wird auf einen günstigen Bierpreis geachtet und Günther Oettinger hätte unlängst auch im Bierkeller nicht auf Bedienung hoffen können. „Im Wichs gibt’s nichts“, ist auch hier die Devise. „Ansonsten wollen wir aber für alle offen sein“, sagt Dähn.

Und das, so hofft er, auch für die nächsten 30 Jahre. „Ich wünsche uns, dass der Bierkeller beim Mensa-Neubau berücksichtigt wird, damit wir weiterhin das studentische Leben in Tübingen bereichern können“, so Dähn.

Sie sollten Lehrer werden und sie wurden Wirte
Sie alle gehörten mal zum Bierkeller-Kollektiv. Am Samstag tauschten sie Erinnerungen aus. Bild: Sommer

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15.11.2015, 12:00 Uhr

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