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Forschergruppe bestätigt Baudatum der Belsener Kapelle

Sieben Sonnen sagen viel

Wie das Fähnlein Fieselschweif standen sie da oben und zückten ihre Taschenrechner: Schüler aus Kirchheim haben das Alter der Belsener Kapelle neu errechnet – und kamen den Befunden der jüngsten dendrochronologischen Untersuchungen überraschend nah.

02.08.2012

Von Ernst Bauer

Belsen. Im Sommer 1140 wurden die Hölzer für den Bau der Kapelle gefällt – so genau konnte jetzt, bei den Untersuchungen zur Renovierung, der Rottenburger Häuserforscher und Mittelalterarchäologe Tilmann Marstaller das Alter der Belsener Kapelle bestimmen. Mit der Jahresring-Analyse, Dendrochronologie, fand er heraus, was schon länger vermutet worden war: Das in die Jahre gekommene, nicht nur am Mauerwerk, sondern auch im Dachgebälk beschädigte romanische Kirchlein ist tatsächlich älter als gedacht (siehe auch Kästchen unten). Mit einer ganz anderen Methode – mathematisch, spekulativ, mittels Astrologie, alter Sonnen- und Mondkalender – kam eine Expertengruppe aus Kirchheim kurz vor den Ferien nun auf ganz ähnliche Zahlen: 1145/46.

Vor zwölf Jahren kamen sie auf 1089

Sie waren schon einmal da. Vor mehr als zehn Jahren, im April 2000, hatten der Kirchheimer Mathematik-Lehrer und seine Schüler – damals allerdings noch in anderer Zusammensetzung, mit inzwischen älteren Semestern – zum ersten Mal das Alter des romanischen Kirchenbauwerks zu ergründen versucht. Sie kamen auf die Jahreszahl 1089. „Das müssen wir vielleicht nochmal korrigieren“, sagte sich Martin Kieß, als er von den neuen Befunden Tilmann Marstallers erfuhr.

Inzwischen ist „Kieß & Co.“, der kleine Forschertrupp vom Ludwig-Uhland-Gymnasium in Kirchheim, als Expertenstab für die Altersbestimmung und Ausrichtung historischer Kirchenbauten landes-, ja bundesweit bekannt. „Wir sind die Einzigen, die solche Sachen machen“, sagte der Mathelehrer jüngst in Belsen nicht ohne Stolz, soeben von einer Mission in Meßkirch, Kreis Sigmaringen, zurück. Dort soll die karolingische Klosterstadt nach dem berühmten St. Gallener Klosterplan rekonstruiert werden. Kieß und seine Schüler dürfen „entscheiden, in welche Richtung dieses Klosterareal gebaut wird“; wobei sie sich in Richtung des Sonnenaufgangs am 1. August orientieren.

Bei der Bestimmung des Alters von Kirchenbauten – etwa des Turms der Sigwardskirche in Wunstorf bei Hannover – suchen sie nach Sonnen- und Mondsymbolen auf dem „Tympanon“, der Schmuckfläche im Bogenfeld von Portalen oder in Giebeldreiecken. In Wunstorf entdeckten sie bloß die Erdkugel mit Kreuz und zwei Sterne – aber darüber die Sonne als gezackten Halbkreis; 23 Zacken zählten sie und schlossen messerscharf: Man befand sich dort im 23. Jahr eines Sonnenzyklus?; weil Sigward von 1120 bis 1140 Bischof war, ließ sich der Beginn des Sonnenjahres genau errechnen: 1111 – plus 23, ergibt das Baujahr 1134.

In Belsen war es nicht ganz so einfach, noch einmal nachzurechnen, zumal der Tympanon am Westportal der Kapelle recht verwittert ist. Wie gut, dass es eine Zeichnung in der alten Oberamtsbeschreibung von 1897 gibt, mit damals noch unversehrtem Bogenfeld (siehe unten): sieben Monde, sieben Sonnen und dazwischen das Kreuz. Mit ihren „Sonnenzykluszahlen“ und „goldenen Zahlen“ für den Mondzyklus, die sich auf Kalender aus dem achten Jahrhundert stützen, können die jungen Forscher aus Kirchheim mit ihrem erfahrenen Mathefuchs flugs die entscheidende Jahreszahl einkreisen. Dazu muss man allerdings „nur“ wissen, dass es ein 28-jähriger Sonnenzyklus ist, der im Jahr neun vor Christus begann und „im Schaltjahr um zwei Tage weiter springt“.

41 Sonnenzyklen seit Christi Geburt

„Jetzt könnt ihr mal kurz ausrechnen!“, sagte Kieß an diesem heißen Nachmittag auf dem Belsener Kapellenberg, wenige Tage vor Ferienbeginn, zu seinen Schülern – und jene kamen übereinstimmend auf 41 Zyklen „seit Christi Geburt“. 41 mal 28 ergibt 1146. „Das wissen die alle auswendig.“ Bei den Mondzyklen – der erste wurde auf eins vor Christus gesetzt – ergaben sich „sechzig und ein paar Zerquetschte“; multipliziert mit 19, der Dauer eines Mondzyklus?, macht wiederum 1146. Für Kieß ergo keine Frage: „Sieben Sonnen, sieben Monde – das weist auf 1146 zurück.“ Und warum sind auf dem Tympanon auf der Südseite nur sechs Monde? „Das deutet auf 1145 – durchaus logisch! Der Kirchenbau wird ja bei der Apsis begonnen.“

Die engagierten Kirchheimer Kirchenforscher beeindruckten auch Karl Gruber, den Chronisten des Belsener Liederkranzes, mit ihren Rechenkünsten aus goldenen Zahlen und kalendarischen Zyklen. Mit der „revidierten Datierung“, resümierte Kieß, „könnten wir auch Herrn Marstaller zufriedenstellen“.

Da oben, beim Kreuz auf der Tympanonplatte am Westportal sind sie eingemeißelt, wegen des Baugerüsts für die Renovierungsarbeiten allerdings kaum zu erkennen: sieben Monde und sieben Sonnen. Lehrer Martin Kieß und seine Schüler (von links) Nikolai Tichonow, 16, Frederic Hoss, 20, Julian Oßwald und Nico Reick, beide 14, haben astrologisch das Alter der Belsener Kapelle ergründet.Bild: Bauer

Die Belsener Kapelle zählt zu den ältesten romanischen Chorturmkirchen Baden-Württembergs. Das Kirchlein auf dem Belsener Friedhofshügel wurde – so viel stand bisher fest – wohl bereits vor dem Jahr 1150 erbaut, auf dem von Lorsch dem Benediktinerkloster Hirsau übereigneten Grund.
Im „Codex Hirsauginensis“ ist sie zusammen mit 16 anderen zum Kloster Hirsau gehörenden Kirchen erwähnt. Sie ist den Heiligen Maximinus und Johannes geweiht.
Grabungen aus dem Jahre 1899 vom damaligen Pfarrer Max Duncker im Innenraum zeigten, dass die Kirche auf wesentlich älteren Fundamenten errichtet wurde. Sie hatte damals die durch einen Brand zerstörte karolingische Kapelle ersetzt, die aus der Zeit der Christianisierung stammte.
In einer alten Oberamtsbeschreibung wird auf die Widder- und Stierschädel an der Westfassade verwiesen, „die zweifellos einem römischen Gebäude, wohl einem Tempel, der einst an dieser lieblichen Stelle gestanden, entstammen“.
Das Tympanon (Bogenfeld) über dem Hauptportal der Belsener Kapelle zeigt – hier in einer alten Skizze – neben dem Kreuz sieben Monde und sieben Sonnen.

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Erstellt:
2. August 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
2. August 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. August 2012, 12:00 Uhr

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