Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
74 und kein bisschen leise

Siegfried Busch gab sein CDU-Parteibuch wegen S 21 zurück

Ein Häuflein von 25 Demonstranten kam am Dienstag auf dem Mössinger Markt-Platz zum ersten „Schwabenstreich“ zusammen und lärmte gegen Stuttgart 21. „Mehr als erwartet“, freute sich hinterher Initiator Siegfried Busch.

23.09.2010
  • Ulrich Eisele

Mössingen. Der 74-Jährige, einst Musiklehrer am Tübinger Carlo-Schmidt-Gymnasium, ist derzeit das gefundene Fressen für die Medien – als CDU-Mitglied, das aus Protest gegen den Bahnhofs-Abriss nach 30 Jahren sein Parteibuch zurückgab. „Als die Bagger kamen, hat er die Partei verlassen“, lautete die Schlagzeile in einem SWR-Feature.

Wer Busch kennt – und in Mössingen ist er als Dozent an der Jugendmusikschule, Flöten-Spezialist und Musikkritiker wohl bekannt –, weiß, dass er nicht erst seit gestern gegen Stuttgart 21 kämpft. Seit Jahren kritisiert der auf der konservativen Seite beheimatete Ruheständler das Bahnprojekt, seit Januar 2009 auch öffentlich in einem Blog, den er – als Hommage an Fritz Lang – „Metropolis 21“ nennt (www.siegfried-busch.de).

Darin sind gut ein Dutzend Briefe dokumentiert, die er an Projekt-Verantwortliche geschrieben hat: Stuttgarts Oberbürgermeister Schuster und Baubürgermeister Hahn, Trassenplaner Heimerl, die Bahnchefs Mehdorn und Grube, Schmiedel, Oettinger, Ingenhoven, Mappus – zuletzt an Angela Merkel. Einige haben ihm sogar geantwortet. Denn Siegfried Busch ist nicht leicht abzuwimmeln. Er bedient sich gängiger Argumente der Stuttgart 21-Gegner, reichert sie aber eigenständig mit seiner Kritik als Premium-Bahnkunde, CDU-Mitglied und treuer Staatsbürger an.

Normalerweise fährt er mit der Bahncard First

So fing überhaupt alles an: Weil er seit seinem Rückzug aus öffentlichen Ämtern und Verpflichtungen viel mit der Bahn reist – zu den drei Kindern und ihren Familien in Stuttgart, Konzerten in der Landeshauptstadt und anderswo –, hat er einen Blick für Lücken und Tücken im System entwickelt. Dass er, obschon im Besitz einer „Bahncard First 50“, wegen eines fehlenden Fahrscheins „erhöhtes Beförderungs-Entgelt“ zahlen muss – am Mössinger Bahnsteig 2 war plötzlich der Fahrkartenautomat abmontiert –, ärgert ihn. „Der Service wird immer schlechter“, klagt er.

Für Service-Verschlechterung und Vernachlässigung des Regionalverkehrs zugunsten eines überflüssigen Prestige- und Profitprojekts steht in Siegfried Buschs Augen exemplarisch Stuttgart 21. Um seinen Zorn zu verstehen, muss man aber vielleicht auch in Betracht ziehen, dass er in Stuttgart geboren ist, hinterm Hauptbahnhof aufgewachsen, als Kind Bombardierung, Einmarsch und deutsche Teilung erlebt hat.

Heute rätselt er, wie er zu seiner konservativen Prägung kam. Ein Buch aus seinem Elternhaus fällt ihm ein, ein Bildband „So schön ist Deutschland“. Den Verlust des östlichen Drittels empfand er als besonders schmerzlich, was ihn mit der CDU verband. Später pflegte er in der DDR „Wahlverwandschaften“.

Nun hat sich der Patriotismus auf seinen Geburtsort verlagert. „Das ist ein schlimmer Verrat an Stuttgart“, schreibt er in seinem Blog. Bisher liege die Stadt bei der Einfahrt mit der Bahn „wie ein aufgeschlagenes Buch im Blick, jetzt soll dieses Buch zugeklappt werden. Zehntausende von Bahnfahrern gucken dann buchstäblich in die Röhre statt auf unsere schöne Stadt“. Busch hat seinen Erstwohnsitz nach Stuttgart verlegt, „damit ich bei den Kommunalwahlen mitwählen kann“.

Als CDU-Mitglied war er „eine Karteileiche“, wie er unumwunden zugibt. Die Rückgabe seines Parteibuches dürfte ihm nicht schwer gefallen sein. Doch die Erstarrungen einer mehr als vierzigjährigen bürgerlichen Existenz lösen sich nicht so schnell auf. Im TV-Beitrag erzählt der renitente Rentner seinen Enkeln, wie das war, als er sich vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof vor einen Lastwagen setzte – und wenige Augenblicke später von Polizisten weggetragen wurde. „Ich hab‘ auch schon mal eine Nacht im Schlossgarten verbracht“, erwähnt er stolz. Er habe sich „nicht drücken“ wollen.

Protest als Fest, lernen im Vorwärtsgehen

Buschs „Coming out“ verrät viel über die Zusammensetzung des Stuttgarter Widerstands gegen S 21, und warum sich die Landesregierung damit schwer tut. Vor dem Bahnhof diskutiert er manchmal mit Bankern und Ingenieuren, Rentner oder noch berufstätig. Aus jedem Gespräch lernt er etwas. Beeindruckt hat ihn zum Beispiel auch die Kritik des ehemaligen Stuttgarter Bahnhofsvorstehers Egon Hopfenzitz, der aus 14-jähriger Leitungsverantwortung heraus meint, sagen zu können: Kein neuer Tiefbahnhof kann so betriebssicher und bequem gestaltet werden wie der Stuttgarter Hauptbahnhof mit seinen 16 Gleisen! Aber auch zu den Jüngeren, den Robin-Wood-Aktivisten und Punks, hält er Kontakt. „Die sind alle so nett, überhaupt nicht so, dass man Angst haben müsste.“ Die Proteste im Park und vor dem Bahnhof haben für ihn „Fest-Charakter“, die Stimmung empfindet er meist als „gut und entspannt“.

Info: „Schwabenstreich“ jeden Dienstag um 19 Uhr Ecke Falltor-/Bahnhofstraße, Lärminstrumente mitbringen.

Siegfried Busch gab sein CDU-Parteibuch wegen S 21 zurück
Eine Minute lang Krach machen gegen Stuttgart 21 – das war der erste Mössinger „Schwabenstreich“ am Dienstagabend. Siegfried Busch (rechts) spielte den Demonstranten anschließend noch seine beiden Stuttgart-Spottlieder auf der Schalmei vor: die „Schwäb’sche Eise’bahne“ und „O du lieber Augustin, alles ist hin“. Bild: Rippmann

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

23.09.2010, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball