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Mit Sigi in den Suppentopf

Sigi Zimmerschied setzt mit „Zeitgeister“ die Bayern-Serie des „Projekt Zukunft“ fort

Der Passauer Kabarettist Sigi Zimmerschied grantelte sich am Samstag im Horber Kloster durch 35 Jahre Bühnenprogramm. Ein „bayerischer Abend“ der Extraklasse.

19.04.2010
  • Michael Zerhusen

Horb. 1971 ging er das letzte Mal zur Beichte. Vier Jahre später gründete er mit Bruno Jonas die Passauer Kabarettgruppe „Die Verhohnepeopler“, und einer „Himmelskonferenz“ in der Peschl-Brauerei folgte ein halbjähriges Ermittlungsverfahren wegen Gotteslästerung (das aber, dem Herrn sei Dank, mit einem Freispruch endete).

Im Horber Kloster geht’s den Kirchenoberen ebenfalls an den Kragen. Als Sigi Zimmerschied ein satirisches Heft in Auftrag geben will, entdeckt der Chef der Druckerei im „Depressum“ (anstelle des Impressums) den Vermerk: „Weiterhin unverantwortlich: das bischöfliche Ordinariat.“ Bei so vergleichsweise harmlosen Anmerkungen belässt es der Kabarettist freilich nicht („Kirche von unten? Von hinten vielleicht“), und auch die Protestanten kriegen ordentlich was ab. Die sind zwar, glaubt er, „an sich humorbereit“, können aber ihre Schuld nicht abtragen. Die Katholiken haben es da leichter, sie gehen zur Beichte und bekennen: „Hochwürden, ich war wieder beim Zimmerschied.“

35 Jahre nach seinem ersten Bühnenauftritt hat der 56-Jährige ein Best-of-Programm zusammengestellt, das allerdings „keine bloße Wiederholung ist“, sondern „kunstvoll alte Nummern mit kleinen Aktualisierungen zu etwas Neuem“ verbindet, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb. „Für den, der die Programme kennt, besteht der Reiz darin, wie sie montiert sind, für den, der die Texte nicht kennt, ist es ein neues Programm“, sagt Zimmerschied selbst. Er war auch in Horb schon einmal zu Gast und traf am Samstagabend im Rahmen der Bayern-Reihe des „Projekt Zukunft“ auf begeisterte Fans.

Kein Wunder: Im „Scheibenwischer“ war er schon zu sehen, hat als Schauspieler in einigen Filmen mitgewirkt und ist mit dem Deutschen und dem Österreichischen Kleinkunstpreis bedacht worden. Aber mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen und anderen offiziösen Institutionen ist Sigi Zimmerschied nicht kompatibel. „Warum muss ich immer so derb sein?“, fragt er sich denn auch, „warum kann ich das Hirn nicht mal ganz weglassen und was für die Jugend machen – a bissle mariobartheln?“

Nun, es ist wohl einerseits „die Gnade des Dialekts“, die ihn so unverblümt granteln lässt, und andererseits sein unvermindert großer Zorn auf jene, die die Macht haben, und uns alle, die wir sie ihnen nicht wegnehmen.

Ob wir mit Sigi in den Suppentopf fallen (als Fettaugen, vornehme Buchstabennudeln oder schlüpfrige Leberknödel) oder ob wir am Klassentreffen mit Anton und Elmar, dem Annerl und der geilen Geli teilhaben dürfen – Zimmerschied entlarvt sie alle: vom CSU-Jockl und bigotten Pfaffen über die verdrucksten Staatsdiener und bramabarsierenden Möchtegern-Revoluzzer bis hin zur versoffenen Nihilistin und spinnerten Esoterik-Tante („Nehmt’s euch bei de Händ‘ und macht einen Kreis“). Er entlarvt sie übrigens nicht nur mit Worten, sondern auch mit einer präzise wechselnden Mimik und Gestik, die das Publikum zu Lachsalven und purer Begeisterung hinreißt.

Als Kabarettist macht er sich, ganz klar, über das moderne Theater lustig („Da gibt’s jetzt Fickmeister statt Fechtmeister“), über ausgeflippte Dramatiker und die allgegenwärtigen Kritiker („ein unverzichtbarer Quell der Heiterkeit“). Zugleich ist er selbst ein begnadeter Mime, wie sich auch in seinem Film „Schartl“ zeigt, den er Anfang der 90er Jahre als Autor, Komponist, Darsteller, Regisseur und Produzent fertiggestellt hat. Ausschnitte daraus zeigt er im zweiten Programmteil – und der ganz normale Wahnsinn, der da zu sehen ist (ein Beamter kanzelt seinen Untergebenen ab, weil er ein Formular vertauscht hat, verwechselt aber selbst in der Reihenhaussiedlung mehrfach Wohnung, Frau und Vogel) passt sich unverbrüchlich in die Riege der ehemaligen Schulkameraden ein, die unter Alkoholeinfluss alle Hemmungen ablegen.

Dass sich schließlich der besoffene Hubert Gedanken über Demokratie und Kultur macht, schließt den Kreis zum Autolackierer Maurer, der sich anfangs durch tägliches Wasserlassen „in die Geschichte Passaus gebrunzt“ hat („ein Chiffre für Vergänglichkeit“). Wer also unter dem Serientitel „Auf die Heimat, Bayern, los!“ krachlederne Urigkeit erwartet hatte, wurde aufs Angenehmste enttäuscht. Ja, man war sogar geneigt, der etwas großspurig geratenen „Projekt Zukunft“-Ankündigung („Wir freuen uns, einen solch großen Künstler im Kloster begrüßen zu dürfen“) Folge zu leisten.

Sigi Zimmerschied setzt mit „Zeitgeister“ die Bayern-Serie des „Projekt Zukunft“ fort
Bayern-Grantl zum Anfassen: Sigi Zimmerschied mischte sich schon mal unters Publikum – und sorgte trotz finsterer Miene für Vergnügen. Bild: mzBayern-Grantl zum Anfassen: Sigi Zimmerschied mischte sich schon mal unters Publikum – und sorgte trotz finsterer Miene für Vergnügen. Bild: mz

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19.04.2010, 12:00 Uhr

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