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„Singen gehört zum Leben“
Vom Township aus auf die Opernbühne: Bukelwa Velem. Foto: Niel Roux
Musik

„Singen gehört zum Leben“

Die südafrikanische Sopranistin Bukelwa Velem hat mithilfe des Chores der Cape Town Opera in Kapstadt den Sprung aus den Slums geschafft.

11.04.2017
  • CHRISTOPH FORSTHOFF

Stuttgart. Die schlichte, unscheinbare Methodist Church von Langa bebt. Bis zum letzten Platz sind die harten Kirchenbänke besetzt, und schon vor dem Beginn des Gottesdienstes im ältesten Township von Kapstadt erfüllen gewaltige Gospelgesangswogen den Raum, die einem Schauder der Ergriffenheit über den Körper jagen. Der Mitteleuropäer wähnt sich inmitten eines Opernchors von Verdi oder Wagner – und doch sind es durch die Bank Laien, die sich hier, begleitet von rhythmisch-anfeuernden Trommelschlägen, auf die Messe einstimmen.

„Wir drücken unsere Emotionen einfach über den Gesang aus“, sagt Bukelwa Velem lachend. Wie alle anderen Besucher hat sich auch die 35-Jährige für den sonntäglichen Kirchgang schick gemacht und einen leuchtend gelben Rock mit blauen Punkten angezogen. Sie setzt aber nicht nur farblich Akzente: Die dunkelhäutige Südafrikanerin ist auch die einzige Profi-Sängerin in dem Gottesdienst – Velem singt seit 15 Jahren im Chor der Cape Town Opera (CTO). „Every day is a good day to give thanks unto the Lord  . . .“

Keine zwei Steinwürfe entfernt beginnt jene Township-Welt, deren Alltagsbilder trist und düster sind: Aids, Kriminalität, Hunger und aus Kisten und Wellblech zusammengestückelte, windschiefe Baracken, in denen hier am Kap der guten Hoffnung noch immer rund eine Million Menschen hausen. Auch Velem war in solch einer „rauen Gegend“ untergekommen, als sie 2002 nach Kapstadt zog. Aufgewachsen in einem Dorf im Südosten der Republik, „wo jeder jeden kannte“, hatte sie eigentlich Sozialarbeiterin werden wollen – „doch zum Studieren reichte das Geld nicht“. So schlug sich der Twen mit Gelegenheits- und Putzjobs durch. Ihr einziger Lichtblick: die allabendliche Probe des Gemeindechors. „Das Singen habe ich schon seit Kindesbeinen geliebt, dort konnte ich alle Mühen und Frusterlebnisse des Tages vergessen.“

Eine Sangesfreude, die in den Traditionen der Volksstämme des Landes tief verwurzelt ist. Zumal die Überlieferungen anders als in Europa nicht auf Schrift, sondern auf Sprache beruhen – oder eben dem Gesang. CTO-Intendant Michael Williams: „Viele traditionelle Stücke beschäftigen sich mit den wichtigsten Dingen des Lebens von der Geburt bis zum Tod – Singen gehört hier zum Leben wie das Atmen.“

Der weiße Südafrikaner muss es wissen: Leitet der Mann mit dem imposanten, kahlen Schädel doch Südafrikas einziges Opernhaus mit ganzjährigem Spielbetrieb seit dessen Gründung 1999. Und bietet damit gerade jungen Menschen wie Velem die Chance zum sozialen Aufstieg.

Ihr Chorleiter im Heimatdorf hatte Velem damals geraten, sich für die alljährlichen CTO-Auditions zu bewerben. Ihre Großmutter kratzte das Geld für die zweitägige Busfahrt nach Kapstadt zusammen – „und als dann der Brief mit der Zusage kam, haben wir beide vor Freude laut geschrien und meine Großmutter hat die ganze Nacht gebetet und dem Herrn gedankt“, erinnert sich die temperamentvolle Frau beim Abendessen an der Uferpromenade, von der aus die berüchtigte Gefängnisinsel Robben Island zu sehen ist.

Seit 15 Jahren lebt die Sopranistin nun ihren „Traum“, singt und schlüpft in Opernrollen oder geht mit den „African Angels“, den afrikanischen Engeln, wie die Chordamen und -herren im Volksmund genannt werden, international auf Tour mit berühmten Opernchören, Gospels und Traditionals wie jetzt in Deutschland. Denn die sechs heimischen Produktionen pro Spielzeit allein vermögen die CTO-Kassen nicht zu füllen, staatliche Subventionen gibt es fast nur für die Jugendarbeit des Ensembles.

Die Jugendarbeit hat weit mehr als Musikvermittlung zum Ziel: „Durch ein Chorprojekt mit Mädchen und Jungen aus allen Schichten, aus den Townships wie von Privatschulen, nahmen die Jugendlichen auf einmal Kontakt zueinander auf“, sagt Matthew Wild, der künstlerische Leiter der CTO. „Manchmal kann es so einfach sein, die sozialen Grenzen einzureißen.“

Sänger werden als Stars gefeiert

So auch auf den Reisen durchs Land, wenn die Sänger selbst in den entlegensten Winkeln Schulen besuchen, um Begeisterung für Klassik und Musiktheater zu entfachen. Zumal die Chorsänger selbst dort inzwischen als kleine Stars gefeiert werden und als Vorbilder gelten. Wild: „Als wir ihnen erzählt haben, dass es unser Job ist zu singen und wir mit dem Chor und unserem Gesang die halbe Welt bereisen, hat das viele unglaublich motiviert.“

Die hohe Arbeitslosigkeit ist das große Thema in den Townships. Aber es ist die Musik, die vielen Menschen Hoffnung gibt, die Begegnung mit der Klassik, die ihre Begeisterung und Leidenschaft weckt. Sei es beim Touristenführer Mario, dessen Vater wie so viele andere Südafrikaner ein großer Fan des berühmten Tenors Mario Lanza war – „der häufigste Jungenname in meiner Generation ist Mario“; sei es bei der Inszenierung von Beethovens Freiheitsoper „Fidelio“ auf Robben Island, wo der Nationalheld Nelson Mandela 21 Jahre lang vom Apartheids-Regime weggesperrt war.

Begeisterung ruft der Chor selbst auf den Werbetouren in Kapstadt hervor, wenn die Sänger mitten auf den Plätzen plötzlich eine Arie anstimmen – und die Umstehenden einstimmen. Und doch gebe es auch hier kritischen Stimmen, räumt Wild ein. „Meine Studenten etwa fragen: Warum singt ihr gerade die Musik der Kolonialherren anstatt unsere eigenen Gesänge aufzugreifen?“

Am Ende aber sei da das eine Band, das alle in Südafrika eine, sagtVelem: die Liebe zum Gesang. „Wir lieben Musik und singen selbst, wenn wir wütend sind und auf die Straße gehen, um gegen die Regierung zu protestieren.“

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11.04.2017, 06:00 Uhr

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