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Leitartikel · ESC

Singen im Gefecht

Der Boykott ist ziemlich allumfassend. Die ukrainische Staatsmacht boykottiert die behinderte russische Sängerin Julia Samoilowa und lässt sie im Mai nicht zum Eurovision Song Contest (ESC) nach Kiew einreisen.

20.04.2017
  • STEFAN SCHOLL

Weil sie auf der von Russland annektierten Krim aufgetreten ist und damit gegen ukrainische Gesetze verstoßen hat. Das russische Staatsfernsehen antwortet mit einem Boykott des Schlagerwettbewerbs. Die Europäische Rundfunkunion EBU erwägt nun einen Ausschluss Russlands vom ESC 2018. Und im russischen Föderationsrat droht man seinerseits mit einem zeitlich unbegrenzten Boykott.  Der Sängerwettstreit hat sich im propagandistischen Wirrwarr des Russland-Ukraine-Konfliktes verheddert.

EBU-Direktorin Inrid Deltenre schimpft auf ein „absolut inakzeptables Verhalten“ der Ukraine. Der ESC solle Millionen Menschen zusammenbringen, er dürfe nicht benutzt werden, „sie gegeneinander aufzuhetzen“. Diese Worte sind hochprozentig mit Heuchelei gesättigt. Seit 2014 trennen die Krim-Annexion und der Krieg in der Ostukraine Millionen Menschen. Wut und Hass sind alltägliche ostslawische Nachbarschaftsgefühle geworden. Die Zungen, die jetzt behaupten, die Russen hätten die Krim-erprobte Rollstuhlfahrerin Samoilowa eigens aufgeboten, um ukrainische Überreaktionen zu provozieren, mögen böse sein. Aber sie sind weniger dumm als jene, die erklären, 2017 ließe sich in Kiew ein unpolitisches gesamteuropäisches Harmoniefest austragen.

Längst nutzen vor allem postsowjetische Staaten den jährlichen Wettbewerb für politische Provokationen. 2009 – ein Jahr nach dem Eingreifen Russlands in den Südossetien-Krieg – rächte sich Georgien und nominierte für Moskau das Schlagerquartett „Stefane and 3G“ mit dem Song „We don't wanna put in!“. Was sich durchaus anhört wie „Wir wollen keinen Putin!“ Die EBU wertete den Text jedenfalls als politisch, die Georgier aber weigerten sich, die Passage umzudichten und boykottierten. Genauso schnitten 2012 die Armenier den Contest im aserbaidschanischen Baku – seit 1991 zanken sich die beiden Länder um die armenische Enklave Berg Karabach.

Zum Gipfel des Politischen aber geriet Stockholm 2016. Für die Ukraine startete die krimtatarische Soulsängerin Jamila, mit einer Ballade über die Deportation ihres Volkes durch Stalin – ein lyrischer Wink mit dem Zaunpfahl auf neue russische Repressalien gegen Krimtataren. Der charmante russische Popstar Sergei Lasarew sollte Jamilas Sieg mit einer bombastisch inszenierten Liebesschnulze verhindern. Die Krimtatarin gewann trotzdem. Moskauer Beobachter aber schimpften, die Nato habe dieses Ergebnis abgekartet.

Nur logisch, dass Russland dieses Jahr Julia Samoilowa auffahren ließ, um die Ukraine schlecht aussehen zu lassen. Mit dem Einreiseverbot hat Kiew vielleicht die kleinst-übelste Antwort darauf gefunden. Angesichts der aufgeheizten Stimmung wären auch Eierhagel, Farbattacken oder Schlimmeres gegen die Russin beim ESC möglich gewesen. Aber man darf schon jetzt gespannt sein, welche Schlagergroßmacht diesmal gewinnt.

leitartikel@swp.de

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20.04.2017, 06:00 Uhr

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