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Kairo

Sitten-Polizei ohne Manieren

Saudi-Arabien beschneidet die Befugnisse seiner Sittenpolizei. Verfolgungsjagden, Passkontrollen und Verhaftungen sind demnach nicht mehr erlaubt.

15.04.2016
  • MARTIN GEHLEN

Kairo. James Bond hätte das kaum besser gekonnt. Mit göttlichem Furor hechtet der fromme Sittenwächter vom Autodach auf den Mann. Dessen Frau in schwarzer Abaya versucht verzweifelt, den Wüstling zurückzuschlagen, bis Umstehende dazwischen gehen. Neun Sekunden dauerte das wackelige Handyvideo dieser skurrilen Stunteinlage der saudischen Religionspolizei.

Was auf den ersten Blick aussah wie eine verworrene Parkplatzrangelei, bewegte tagelang das Königreich. Fast jeder in Saudi-Arabien kannte danach das Ehepaar aus Riad, den zum Islam konvertierten Briten Peter und seine Frau Abeer. "Abeer, ich bin an deiner Seite", twitterten tausende junger Frauen.

Was war geschehen? Der attackierte Brite hatte in einem Supermarkt nicht bei einem Kassierer, sondern einer Kassiererin bezahlt. Für die drei patrouillierenden Zeloten der Schariapolizei war das ein unerhörter Kontakt der Geschlechter zwischen Nicht-Verheirateten.

Solche Szenen soll es nach dem Willen des Monarchen Salman in Zukunft nie mehr geben, der damit erstmals weit verbreiteter Kritik in seiner Bevölkerung Rechnung trägt. Die Kompetenzen der rund 5000 Sittenwächter werden erheblich beschnitten. Sie dürfen keine Menschen mehr jagen oder verhaften, keine Personalien mehr feststellen und sind verpflichtet, so "höflich und freundlich" wie einst der Prophet Mohammed zu agieren.

Denn nicht immer gingen die Kommandoaktionen im Namen Allahs am Ende glimpflich aus. Im vergangenen Jahr stürzte in Qassim ein Mann von einem Hausdach zu Tode, als Moralwächter ihn nach einer wilden Verfolgungsjagd verhaften wollten. Zuletzt erregte ein Video die Gemüter, auf dem Religionspolizisten eine junge Frau in Riad zu Boden prügeln, weil sie angeblich nicht richtig verschleiert war.

Treibende Kraft hinter dem Vorgehen gegen solche religiösen Auswüchse ist nicht der alte König Salman, der als sehr konservativ gilt, sondern sein Sohn Mohammed bin Salman. Er ist als Vizekronprinz und Verteidigungsminister einer der mächtigsten Männer Saudi-Arabiens. Der 30-Jährige möchte seine Heimat öffnen und modernisieren, um sie weniger abhängig von Öleinnahmen zu machen und ihr Ansehen im Ausland zu heben.

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15.04.2016, 06:00 Uhr

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