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Keine Ruhe für "Les Bleus"

Skandal um Benzema ist Gift für das französische Nationalteam

Ausgerechnet vor dem Spiel gegen den deutschen Erzrivalen erschüttert ein handfester Skandal die Tricolore-Elf. Bei den Fans untergräbt er auch den Glauben an den Gewinn der EM 2016 im eigenen Land.

12.11.2015
  • PETER HEUSCH

Paris "Hast Du das gelesen?", fragt Laurent quer durch den kleinen Saal des Bistros am Fuße des Montmarte-Hügels und wedelt mit der letzten Ausgabe des "Journal de Dimanche". Die Pariser Wochenzeitung hat ein eineinhalbseitiges Interview mit Karl-Heinz Rummenigge veröffentlicht, welches wohl keinem Fußballfan in Frankreich entgangen sein dürfte.

Laurent, ein 32-jähriges Versicherungsagent und leidenschaftlicher Fan, liest laut vor, was der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München über das morgige Länderspiel: "Wir mögen zwar die amtierenden Weltmeister sein, aber wenn wir einen schlechten Tag erwischen, kann Frankreich uns schlagen."

"Ich fürchte, dass eure Jungs schon einen verdammt schlechten Tag erwischen müssen, um übermorgen gegen uns zu verlieren. Willst du mir nicht jetzt schon einen ausgeben auf den Sieg der Mannschaft?" Mannschaft spricht Laurent übrigens auf Deutsch aus. So pflegen unsere Nachbarn die deutsche Nationalelf immer zu nennen, weshalb das Wort tatsächlich zu den ganz wenigen Schnipseln der Sprache Goethes zählt, die ihren Eingang ins Französische gefunden haben.

Frankreich als eine fußballverrückte Nation zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Wobei man als französischer Fußballfan vor allem eines sein muss: leidensfähig. Wie in diesen Tagen, wo viele schon dabei sind, den Traum vom Gewinn der Europameisterschaft 2016 im eigenen Land zu begraben. Denn wieder einmal sehen sich die "Bleus" in einen handfesten Skandal verwickelt, der sie unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen gegen den Gegner von der anderen Rheinseite auflaufen lässt.

Die Bombe platze am vergangenen Donnerstag. Da wurde gegen Frankreichs bei Real Madrid spielenden Stürmerstar Karim Benzema nach 24-stündigem Polizeigewahrsam ein Ermittlungsverfahren wegen gemeinschaftlicher Erpressung eingeleitet. Die Justiz verdächtigt den 27-Jährigen, in den Versuch verwickelt zu sein, seinen Nationalmannschaftskollegen Mathieu Valbuena (31) mit einem Sex-Video zu erpressen. Benzema beteuerte zwar über seinen Anwalt, nichts mit der Affäre zu tun zu haben. Aber offenbar liegen der Staatsanwaltschaft Telefonmitschnitte vor, die den Spieler schwer belasten. Nur unter Auflagen wurde er auf freiem Fuß gelassen, unter anderem ist ihm jeder Kontakt mit dem Erpressungsopfer Valbuena strikt untersagt.

Da Nationaltrainer Didier Deschamps Benzema und Valbuena im Augenblick also nicht gemeinsam einsetzten darf, berief er keinen der beiden in den Kader. Offiziell begründete Deschamps diese Entscheidung mit einer Oberschenkelverletzung Benzemas und der "mental angeschlagenen Verfassung" Valbuenas. In jedem Fall aber fehlen den "Bleus" mit ihrem Rekordstürmer (27 Tore) und ihrem offensiven Mittelfeldregisseur (8 Tore) zwei gesetzte Schlüsselspieler.

Gerade Benzema ist trotz seiner sportlichen Ausnahmeklasse - er gewann neben der französischen und spanischen Meisterschaft auch die Champions League und wurde 2011, 2012 sowie 2014 zu Frankreichs Fußballer des Jahres gekürt - nie unumstritten gewesen. Dafür hat der "bad guy", der sich aus einem Lyoner Vorstadtghetto bis an die Spitze des Weltfußballs kickte und eisern weigert, vor Länderspielen die Nationalhymne mitzusingen, allzu oft für Schlagzeilen neben dem Platz gesorgt.

Im Juni 2013 stand er gemeinsam mit dem Bayern-Star Franck Ribéry vor Gericht, nachdem ihm Sex mit einer minderjährigen Prostituierten vorgeworfen worden war. Der Prozess endete allerdings mit einem Freispruch. Verurteilt - zu einer Geldstrafe von 18 000 Euro sowie 18 Monaten Führerscheinentzug - wurde er hingegen im Februar 2013, weil er auf einer Stadtautobahn in Madrid mit 216 km/h geblitzt worden war. Erlaubt waren nur 100. Ein weiteres Verfahren ist anhängig, nachdem er sich im Mai ohne Fahrerlaubnis am Steuer seines weißen Rolls Royce erwischen ließ.

Selbst wenn Benzema, dem im Falle einer Verurteilung immerhin fünf Jahre Haft drohen, mit einem blauen Auge davonkommen sollte, bleibt die Frage, wie nachhaltig die Affäre seine Beziehungen zu Valbuena belasten wird. Bis zuletzt nämlich galten die beiden als "dicke Kumpel" und auf ihrem gut funktionierenden Zusammenspiel fußte ein guter Teil der Hoffnungen auf den Gewinn der EM 2016.

Skandal um Benzema ist Gift für das französische Nationalteam
Mathieu Valbuena (links) und Karim Benzema sind keine guten Freunde mehr. Foto: Getty Images

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12.11.2015, 12:00 Uhr

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