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Rückkehr in den Wintersport

Skisport: Olympiamedaillengewinner Jens Gaiser gibt sein Wissen als Trainer weiter

Die olympische Silbermedaille, das war 2006 die mit dem „Loch“ in der Mitte, hängt gleich unten neben der Haustür in einer Vitrine im Flur. Sie verstrahlt noch heute den Glanz einer Karriere, die im Sportkreis Freudenstadt zu den herausragenden gehört – auch wenn der Nordische Kombinierer Jens Gaiser jetzt bald ins siebte Jahr nach dem Sportlerleben startet.

22.12.2012

Von Gerd Braun

Baiersbronn. Vom Wintersport weg ist der Obertaler dagegen bei weitem nicht. Ganz im Gegenteil. Seit der 34-Jährige dem Baiersbronner Stützpunkttrainer Klaus Faißt mit der Betreuung einer dessen vier Trainingsgruppen hilft und dazu noch das Langlauf-Nachwuchstraining beim SV Mitteltal-Obertal leitet, gibt Gaiser mehrfach wöchentlich von seiner jahrelangen Erfahrung aus dem Weltcup weiter. Und das, obwohl der Schornsteinfeger vor allem im vergangenen Jahr auch beruflich stark über Normalmaß gefordert war.

Und da auch das Fußball-Bambini-Team des SV Mitteltal-Obertal aus Ermangelung der sportlichen Leitung zu platzen drohte, erklärte sich Jens Gaiser kurzerhand bereit, auch hier zusammen mit zwei Kameraden Verantwortung zu übernehmen. Dieser Einsatz kommt übrigens auch dem fast fünfjährigen Filius Nils zugute, der in dieser Mannschaft sehr viel Freude am Fußball hat. Natürlich ? ganz Papa und Mama ? steht der Junior auch schon voll auf Wintersport. Dieses Wochenende will er an der Langlauf-Talentiade teilnehmen, und als vor ein paar Tagen noch ausreichend Schnee für alpines Skivergnügen im Nordschwarzwald lag, glänzte der Kleine schon mit ausgereiften Carving-Schwüngen.

Das Bedürfnis, etwas zurückgeben zu können, was ihm in seiner aktiven Karriere andere Trainer und Funktionäre ermöglicht haben, motivierte Jens Gaiser zudem, dass er beim schwäbischen Skiverband das Amt, das einst sein Förderer und größter Fan, der inzwischen verstorbene Ernst Pfau, begleitet hatte, übernahm.

Ansonsten ist aus dem 108-maligen Weltcup-Teilnehmer ein „ganz normaler? Familienvater geworden, mit dem sich inzwischen auch die Kundschaft angefreundet hat. „Am Anfang bin ich schon viel zu meinem Sportlerleben gefragt worden?, erinnert sich Jens Gaiser an seinen beruflichen Einstieg nach seinem sportlichen Ausstieg nach dem Weltcup am 20. Januar 2007 im österreichischen Seefeld. Die jüngeren der von ihm mitbetreuten Nachwuchssportler wüssten nicht viel von seiner Karriere, erzählt der 34-Jährige, „da heißt?s dann vielleicht mal, dass ich auch mal ein ganz Guter gewesen bin.?

Bleibender Lohn einer hart erkämpften Karriere ist die Silbermedaille von Pragelato bei den Winterspielen von 2006. Da übernahm Jens Gaiser im Teamwettbewerb die Verantwortung des Schlussläufers ? weil das sonst keiner machen wollte. Weder Olympiasieger Georg Hettich, noch Björn Kircheisen und auch nicht Ronny Ackermann, in sieben Weltcupjahren der Zimmerkollege Gaisers. Mit „Acker? hält der Ex-Kombinierer, der aufgrund seiner Körpergröße und wohl auch seines Flugverhaltens beim Skispringen den Spitznamen „Jumbo? trägt, immer noch regelmäßig Kontakt und hat den neuen Bundestrainer der Kombinierer auch schon mal mit der Familie in Oberhof besucht hat.

Wie kaum ein anderes Rennen ist der olympische Teamwettbewerb dem Obertaler noch in Erinnerung ? und wohl auch all jenen, die ihn damals live oder im Fernsehen verfolgt haben. Gaiser war mit gut 20 Sekunden Vorsprung auf den ausgefuchsten Österreicher Mario Stecher in Führung liegend auf die letzten fünf Kilometer gestartet ? und war in der Höhe Pragelatos total „blau gelaufen?, wie die Langläufer sagen. „Ich sah nur noch schwarz vor Augen und hab? die Ziellinie kaum noch wahrgenommen?, erinnert sich Gaiser, der mit letzter Kraft noch Silber vor dem heranstürmenden Finnen Hannu Manninen verteidigt hat.

Nach zehn Jahren Nordische Kombination auf Weltcup-Niveau, über die sich gewiss Bücher schreiben ließen, hielt sich Jens Gaiser zunächst mit Volleyball beim SV Baiersbronn fit, musste aber aus beruflichen Gründen vorerst aussteigen ? was ihm nebenbei auch körperlich nicht gerade schade. „Langlaufen kann ich fast endlos, ohne dass ich Probleme bekomme; aber bei den ganzen schnellen, dynamischen Bewegungen wie etwa beim Volleyball krieg? ich doch meistens Rückenprobleme?, erzählt Gaiser, bei dem mitunter grenzwertiges Training für absoluten Spitzensport auch körperlich gewisse Spuren hinterlassen hat.

Wenn er dann mal gefragt wird, warum er denn noch arbeiten müsse und ob er denn nicht seine Schäfchen ins Trockene gebracht habe, dem begegnet Jens Gaiser durchaus mit einem süß-sauren Lächeln. „Man macht das, weil man damit aufgewachsen ist und man da auch reinwächst ? aber ganz bestimmt nicht wegen Geld?, erklärt der zweimalige Olympiateilnehmer, „es hat zwischendurch Zeiten gegeben, da hätte ich nicht einmal das Geld für die Miete zusammenbekommen.?

Die Zukunft der Nordischen Kombination betreffend, hegt Jens Gaiser durchaus eine gewisse Skepsis. „Wir sind in der Kombination durch Ronny Ackermann und danach seit Ende der 90er-Jahre eigentlich immer vorn dabei, und trotzdem gibt es keinen Hype wie beispielsweise beim Biathlon?, meint er. Seine Frau Sandra hat dafür eine plausible Erklärung: „Die Kombination ist einfach zu kompliziert. Ich habe selbst etwa zwei Jahre gebraucht, bis ich die ganzen Regeln verstanden habe.?

Einen genussreichen Urlaub mit seiner Frau Sandra und Sohn Nils, wie hier auf Mallorca, hätte Jens Gaiser in seiner Zeit als Aktiver nicht ganz so einfach mit der Vorbereitung auf die Weltcup-Wettbewerbe vereinbaren können. Privatbild

Die Sprungski hängte Jens Gaiser Anfang 2007 nach dem Weltcup in Seefeld an den berühmten Nagel. Privatbild

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Erstellt:
22. Dezember 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Dezember 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Dezember 2012, 12:00 Uhr

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