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Mit einem Schlager und einem Kopfsprung begann vor 60 Jahren der Badespaß

„So ein Freibad, ja, das ist doch schön“

16. Juni 1951, ein sonniger Samstag: In Kiel laufen 140 Segelboote zur „Kieler Woche“ aus, in Recklinghausen eröffnet Bundespräsident Theodor Heuss die Ruhrfestspiele und in Tübingen macht Oberbürgermeister Dr. Wolf Mülberger einen Kopfsprung vom Dreimeterbrett. Es war nicht irgendein Kopfsprung, sonst hätten wohl kaum 3000 Zuschauer Beifall geklatscht.

16.06.2011
  • Axel Habermehl

Tübingens Oberbürgermeister Wolf Mülberger war der Erste – jedenfalls offiziell – der sich überhaupt von dem nagelneuen Sprungturm des erst kurz zuvor fertiggestellten Tübinger Freibads ins Wasser stürzte. „Kinder! So ein Freibad, ja, das ist doch schön“, ertönte ein eigens komponierter Schlager, und so oder so ähnlich dachten wohl auch die meisten Eröffnungsgäste. Endlich hatte Tübingen ein öffentliches Freibad, endlich konnten auch all diejenigen ein kühles Bad nehmen, denen Neckar und Steinlach zu seicht, zu dreckig oder zu unfein waren.

„So ein Freibad, ja, das ist doch schön“
Der Sprung vom Dreimeterbrett: Der damalige Oberbürgermeister Wolf Mülberger ließ es sich nicht nehmen, mit dieser sportlichen Einlage das Tübinger Freibad am 16. Juni 1951 vor etwa 3000 Gästen zu eröffnen. Bild: Kleinfeldt

Nur jenen war kaum geholfen, die das kalte Wasser vom Fluss-Baden abgehalten hatte: Das gechlorte Nass des Freibads hatte nämlich gerade einmal eine Durchschnittstemperatur von 17,5 Grad. Aber das schreckte scheinbar nur die wenigsten. Bereits nach etwas mehr als einem Jahr wurde der 150 000. Besucher begrüßt. Kein Wunder, tatsächlich war Tübingen mit den beiden neuen Becken (das Kinderplanschbecken folgte erst 1953) ja auch früh dran. Nicht viele deutsche Städte hatten so kurz nach Kriegsende bereits Geld für ein Freibad übrig. Der Bäder-Boom begann im Schnitt erst rund zehn Jahre später, als die Themen Volksgesundheit und Freizeitgestaltung vermehrt in den Blick der Öffentlichkeit rückten.

Auch Tübingen hatte Anfang der 50er Jahre eigentlich kein Geld, um ein Schwimmbad zu bauen. Doch die Förderer des Projekts waren erfinderisch, gewitzt und gut vernetzt. 1950 hatte sich ein „Werbeausschuss für den Freibadbau“ gegründet und eine Reihe von publikumswirksamen Spenden-Veranstaltungen organisiert: 23 Termine, darunter eine Modenschau, ein Tanzturnier und ein Kinderfest spülten immerhin 20 000 Mark in die Kasse der Freibad-Visionäre. Weitere 3000 Mark kamen zusammen, nachdem eine Weinhandlung 3000 Liter Tübinger Weißherbst gestiftet hatte, den der Förderverein preiswert als „Patenwein“ verkaufte. Schließlich war das Kapital vorhanden, und am 5. Oktober 1950 setzte OB Wolf Mülberger den ersten Spatenstich.

Doch wo waren die Tübinger eigentlich vorher geschwommen? „Ich als Gartenstädtler habe das Schwimmen in der Steinlach gelernt“, erinnert sich der 1949 geborene Erich Lober, heute Tübingens oberster Bademeister. Lober, seit 1990 Leiter des Freibades, und andere Derendinger Kinder stauten damals die Steinlach an einem Wehr, damit der Bach tief genug zum Baden war. Auch in den Wellen des Neckars hatten sich Generationen von Tübingern vergnügt, bis die zunehmende Abwasserbelastung den Badespaß in den Jahren des Wirtschaftswunders nach und nach verdarb.“

„So ein Freibad, ja, das ist doch schön“
Solche Bretterbuden wie am rechten Bildrand dienten den Frauen noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts als „Badehäuschen“. Bild: Tübinger Schwimmverein

Und noch früher? Hundert Jahre, bevor Mülberger Anlauf zum Kopfsprung nahm, hatte Tübingen ein gut besuchtes Freibad: Die „Badschüssel“, das legendäre Becken am Ende der Kastanienallee, nahe des 1896 eröffneten Wildermuth-Gymnasiums. Dort, in der „Akademischen Bade- und Schwimmanstalt“, so der offizielle Name der 1851 von der Universität auf städtischem Grund gebauten Anlage, stürzten sich bis zur Schließung 1908, als das Bad der Ammertalbahn weichen musste, männliche Tübinger in den gestauten Mühlbach. Der kleine Seitenzweig der Steinlach floss dort in ein mit Natursteinen ausgelegtes ovales Becken, 65 Meter lang und 33 Meter breit. Es war auf Betreiben des Universitätsturnlehrers Karl Wüst angelegt worden. Zwischen 80 Zentimeter und drei Meter tief war die „Badschüssel“, die diesen Namen ihrer Form wegen vom Volksmund erhalten hatte.

An Attraktionen war das Bad im Übrigen reicher als sein Nachfolger ein Jahrhundert später: Ein großes und ein kleines Sprungbrett waren ebenso vorhanden, wie ein sechs Meter langer, frei schwimmender Holzbalken sowie ein Floß mit Stocherstange. „An schönen Nachmittagen waren Balken und Nachen keinen Augenblick unbesetzt und es fanden oft lustige Kämpfe um deren Besitz statt“, erinnerte sich Rudolf Harter 1951 an die „ideale und romantische Badegelegenheit“ seiner Kindheit.

Deren Genuss habe durch nichts getrübt werden können, „auch nicht durch eine tote Katze, die dann und wann von Derendingen her in die Badschüssel geschwemmt wurde“. Rings um Tübingens erstes Freibad war ein dichter Vegetationsgürtel gepflanzt, der die Schwimmer vor neugierigen Blicken ausgesperrter Tübinger Damen schützen sollte.

„Unsittlicher Vorschlag“ von Isolde Kurz

„So ein Freibad, ja, das ist doch schön“
Sommer, Sonne, Badespaß: Je nach Witterung planschen und schwimmen bis zu 250000 Besucher/innen alljährlich im Tübinger Freibad. Archivbild: Sommer

Diesen war der Zutritt zur „Badschüssel“ verboten – was natürlich einigen Missmut weckte. Isolde Kurz, die später als Schriftstellerin Berühmtheit erlangen und 1913 als erste Frau die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen erhalten sollte, wagte im Alter von 21 Jahren einen Vorstoß: Überdrüssig davon, dass ihr, im Gegensatz zu ihren Brüdern die „Badschüssel“ verwehrt war, sei in ihr „der umstürzlerische Gedanke aufgestiegen, den Senat zu bitten, dass wenigstens an einem Tag der Woche, und wäre es auch nur für eine Stunde, das Schwimmbad den Männern verschlossen und dem weiblichen Geschlecht zur Verfügung gestellt werde“, schreibt sie in ihren Erinnerungen „Aus meinem Jugendland“. Das Ansinnen wurde abgeschmettert und die öffentliche Entrüstung traf die fortschrittliche Isolde. Bald darauf verließ „die Anstifterin des unsittlichen Vorschlags“ Tübingen.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein mussten die Tübingerinnen also noch mit so genannten „Badehäuschen“ vorliebnehmen. Nur in diesen kleinen, auf Stelzen in den Neckar gebauten, grobgezimmerten und mit Tüchern verhängten Bretterbuden durften sich Frauen ins Wasser begeben. Allein, an Schwimmen war in den engen „Moralbädern“ nicht zu denken, und auch die Kleiderordnung lässt uns heute, im Zeitalter des Bikinis ungläubig den Kopf schütteln: Schwarz verhüllt in lange Kleider, Hosen und Baumwollstrümpfe planschten die Tübingerinnen in ihren Holzhäuschen.

Bis ins 20. Jahrhundert badeten beide Geschlechter zwar im selben Wasser, aber räumlich getrennt. Um die Jahrhundertwende hatte die Stadt ein hölzernes, auf Pontons schwimmendes Bad im Neckar verankert. Oberhalb der Alleenbrücke schwamm das 25 Meter lange und zehn Meter breite Flussbad für Männer. 1908 kam ein eigenes „Frauenbad“ dazu, das aber nicht lange überdauerte: Während der Holzknappheit nach dem Ersten Weltkrieg sollen die Tübinger beide Schwimmbäder abgebaut haben, um an Baumaterial zu kommen.

In der Zeit zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg herrschte dann ein ziemlich ungeregelter Badebetrieb am Neckar. Wiederholte Beschwerden über die rohen Sitten der Schwimmer veranlassten die Stadtväter 1930 dazu, einen Abschnitt des Flusses auf der Höhe des ehemaligen Universitätssportplatzes, rund 400 Meter oberhalb der Eisenbahnbrücke, zum „Neckarfreibad“ zu erklären.

Ab 1933 durften dort beide Geschlechter gemeinsam schwimmen. Ab Mai 1933 grenzten die Nationalsozialisten aber andere Bevölkerungsteile aus. Ein vom Gemeinderat angenommener Antrag der NSDAP bestimmte: „Juden und Fremdrassigen ist der Zutritt zu der städtischen Freibadeanstalt zu verwehren.“ Das Freibad war fortan nur noch „Ariern“ zugänglich.

Diese dunklen Zeiten waren bei Mülbergers Kopfsprung 1951 schon passé. Die Aufhebung der Geschlechtertrennung wurde übrigens ins neue Freibad übernommen – und seitdem sollen sich schon einige Paare hier kennen und lieben gelernt haben. Bademeister Erich Lober erinnert sich an eines, das sogar seine Hochzeitsfotos im Freibad schießen ließ: „Ein Abzug hängt heute noch bei mir im Personalraum.“

Immerhin gut 40 Jahre hielten die Betonbecken von 1951. Anfang der 90er-Jahre traten dann aber größere Schäden auf, eine Generalsanierung war unvermeidlich. „Der Stadt blieb nichts anderes übrig, als zu sanieren“, erklärt Lober. Schon in den 1970er-Jahren hatten die Stadtwerke Sanitätsräume und Umkleidekabinen erneuert, nun waren die Becken dran.

Nach langen Debatten, in die auch die Badegäste per Fragebogen einbezogen wurden, beschlossen die Stadtwerke im November 1993 die Rundum-Erneuerung: Alle Becken wurden an leicht veränderten Standorten neu in die Erde eingelassen. Statt aus Beton bestehen die großen Wannen nun aus Stahl. „Das ist ein riesiger Unterschied“, berichtet Lober. „Früher hatten wir große Wasserverluste.

Außerdem hat sich das Chlor im Becken schlecht verteilt. Heute kommt es in jede Ecke, die Wasserqualität ist um 100 Prozent besser.“ Große Neuerungen also, und trotzdem ist bis heute irgendwie alles beim Alten geblieben. Vor allem bei den Badegästen kann Lober über die Jahrzehnte kaum Veränderungen feststellen. „Klar sind wir heute eine Multikulti-Gesellschaft, aber zu uns kommt im Grunde immer dasselbe Publikum“, sagt er. „Doch, die Frühschwimmer sind mehr geworden“, fügt er an. „Wenn wir um sechs Uhr aufmachen, stehen schon 50 Leute am Tor.“

Eine Gruppe alter Stammgäste aber kommt schon längst nicht mehr: Die französischen Soldaten, die bis zu ihrem Abzug Anfang der 90er-Jahre zweimal pro Woche im Freibad antreten mussten. „Die wurden immer auf Lastwagen hergefahren und saßen hinten in kurzen Hosen. Da haben die arg gefroren“, erinnert sich der Schwimmbad-Chef schmunzelnd.

Info:

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16.06.2011, 12:00 Uhr

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