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Musik-Poet

So long, Leonard Cohen

Er war ein Meister des Worts, ein Dichter an der Gitarre. Jetzt ist der kanadische Sänger und Songwriter im Alter von 82 Jahren gestorben.

12.11.2016

Von UDO EBERL

Leonard Cohen, der andere Folksänger, einer im Anzug, der niemals Beat-Poet war und auch nie Hippie-Sänger. Foto: Joel Saget/afp

Montreal. Bis zuletzt verfolgte Leonard Cohen das Zeitgeschehen mit wachem Geist und sein letztes Album „You Want It Darker“ ist ein Vermächtnis, das eindrucksvoller kaum sein könnte. Leonard Cohen starb nun im Alter von 82 Jahren am vergangenen Donnerstag in Los Angeles.

Leonard Cohen war ein Meister des Worts, ein Dichter an der Gitarre. Als die ersten Andeutungen seines Ende Oktober veröffentlichten letzten Albums „You Want It Darker“ im Raum standen, lag die Frage nach der Todesnähe auf der Hand. In einem Interview im „New Yorker“ antwortete er: „Ich bin bereit zu sterben. Ich hoffe nur, es wird nicht zu ungemütlich. Das ist es dann auch schon für mich.“

Cohen, einerseits Mann der klaren Worte, aber auch der lyrischen Form, hatte wenig später wohl doch das Gefühl, er habe sich mit diesen drei knappen Sätzen zu weit aus dem Fenster gelehnt. Bei einer Pressekonferenz zur Veröffentlichung der Scheibe relativierte er mit einem Schmunzeln im Gesicht: „Da habe ich wohl übertrieben. Ich neigte schon immer zur Selbstinszenierung. Meine Absicht ist es, ewig zu leben.“

Wieder ein Großer gegangen

Dies ist Cohen, der in Los Angeles im Alter von 82 starb, nicht vorbehalten gewesen. „Mit tiefem Schmerz teilen wir mit, dass der legendäre Dichter, Songschreiber und Künstler Leonard Cohen gestorben ist. Wir haben einen der meist verehrten und produktiven Visionäre der Musik verloren“, steht auf Cohens Facebook-Seite. In seiner Geburtsstadt Montreal hängen die Fahnen auf Halbmast. „Wenn man die große, unvermeidliche Niederlage zum Ausdruck bringen muss, die uns alle erwartet, dann muss es im strikten Rahmen von Würde und Schönheit geschehen“, hat der Dichter einmal gesagt. Mit dem Tonträger „You Want It Darker“, den er seinen Fans und der Musikwelt hinterlassen hat, ist ihm das gelungen.

Noch einer dieser großen Musiker, der dieses Jahr von uns gegangen ist. Der Kanadier, Lichtgestalt zwischen Folk und Poesie, wird aber sicher nicht Teil der in diesem Jahr neu gegründeten Band im Himmel werden. Dazu war er immer zu sehr Einzelgänger, er hätte vielleicht auch nicht genug Gitarrengriffe drauf. Das Instrument war für ihn immer mehr Mittel zum Zweck. Die Texte waren es, die mit musikalischen Triebkräften den Weg an die Oberfläche suchten. Und tiefe Gefühle in einer Melancholie der unterschiedlichsten Grau- und Pastelltöne zu besingen, war immer seine Stärke.

Im Juli 1934 geboren, wuchs Leonard Cohen in einer tief in der jüdischen Gemeinde verwurzelten und einflußreichen Kaufmannsfamilie in Montreal auf. Mit 13 nahm er erstmals eine Gitarre in die Hand, um ein Mädchen zu beeindrucken, wie er später zu sagen pflegte. Er flüchtete sich als Jugendlicher in die weite Welt der Gedichte und liebte es bald, in den Bars seiner Heimatstadt auf der Bühne zu stehen. Klar war allerdings: Er wollte Schriftsteller werden. 1956 erschien der erste Gedichtband „Let Us Compare Mythologies“, weitere Bücher folgten, bald wurde man auf den Autor über Kanada hinaus aufmerksam. Obwohl schon in den ersten Werken der Grundton seines Schaffens deutlich wurde, blieb er immer ein Suchender.

Er reiste quer durch Europa, ließ sich einige Jahre auf der griechischen Insel Hydra nieder, veröffentlichte Romane wie „The Favourite Game“ und „Beautiful Losers“, zog dann 1967 nach New York. Die popuäre Folksängerin Judy Collins, die einige seiner Texte wie „Suzanne“ zu Songs werden ließ, ermunterte ihn, als Singer/Songwriter aufzutreten. Im legendären Chelsea Hotel, seiner neuen Kreativ-Heimat, hatte er unter anderem eine Beziehung mit Janis Joplin, die er im Lied „Chelsea Hotel No. 2“ beschreibt. Zu einer seiner Musen wurde in dieser Zeit auch Joni Mitchell.

Bald fand der etwas andere Folksänger, der in seinem Anzug immer zwischen den Stühlen zu sitzen schien, niemals ein Beat-Poet und schon gar kein Hippie-Sänger war, seinen ganz persönlichen Weg. Ein gut aussehender John Cassavetes-Typ, der sich niemals an den billigen Pop verkaufte, nicht auf den schnellen Hit aus war, und vielleicht genau deshalb gleich mehrfach mitten ins Schwarze traf.

Mit „Hallelujah“ schuf er eines der meist interpretierten Lieder unserer Zeit, aber auch sein spätes „First We Take Manhattan“ sollte zum Dauerbrenner werden. Die wenigen Akkorde, die er angeblich beherrschte, reichten, um sich zeitlos und nahezu unangreifbar durch Musiktrends und Musikmoden zu bewegen. „Ich bin der Ansicht, dass wirkliche Stärke darin liegt, sich auf das Wesentliche zu beschränken“, hatte er einmal gesagt. Gerade in seinen grandiosen Texten fand er genau das richtige Maß. Immer wieder wurde er aber auch Opfer dieser Konsequenz.

In den 70ern verlor er sich dem Abgrund nahe in einem Sumpf aus Alkohol, Drogen und Pillen. Plattenfirmen setzten keinen Dollar mehr auf ihn. Der Haucher und Flüsterer war phasenweise völlig out. Seinen späten Song „I'm Out Of The Game“ hätte er also bereits deutlich früher schreiben können.

In einem Zen-Kloster bei Los Angeles kehrte der zweifache Vater vor und nach der Jahrtausendwende der Welt den Rücken. „Je weniger ich von dem war, was ich war, desto besser habe ich mich gefühlt.“

Cohens Songs waren dennoch präsent. Etwa „Waiting For A Miracle“ im Kult-Film „Natural Born Killers“. Das Leben da draußen holte ihn in Form der Steuerbehörden 2004 unsanft ein. Von seiner Managerin um Millionen Dollar betrogen, wurde er sozusagen auf die Bühne zurückgezwungen.

Unser aller Glück, denn gerade in den vergangenen Jahren schrieb Leonard Cohen noch einige seiner ganz starken Songs. Grandios auch seine mehr als dreistündigen Live-Konzerte, die ihn um die ganze Welt führten. Optisch ein sympathischer Großvater mit Hut, am Mikrofon großer Geist und Meister der Worte, die Stimme fast jedes Jahr um eine Note tiefer gelegt. Das ging unter die Haut bis zuletzt. Durch den Rahmen aus Licht, durch den er auf seinem letzten Album mit einer Zigarette in der Hand schaut, wird er auch künftig auf uns herabschauen – kritisch, aber stets auch mit einem warmen Lächeln.

Leonard Cohen posiert 1976 bei Frankfurt auf Bahngleisen. Foto: dpa

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Erstellt:
12. November 2016, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. November 2016, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. November 2016, 06:00 Uhr

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