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NS-Zeit

Söhne besuchen Sterbeort ihrer Väter

Im Lichthof des Landgerichts wurden Widerstandskämpfer hingerichtet. Eine Gedenkfeier erinnert an die Opfer.

12.03.2019

Von JÜRGEN SCHMIDT

Robert Stoessel war vier Jahre alt, als sein Vater verhaftet wurde. Foto: Jürgen Schmidt

Stuttgart. Ende Januar war im Stuttgarter Landgericht eine Dauerausstellung zur NS-Justiz in Stuttgart eröffnet worden, nun wurde zwei Opfern in einer bewegenden Gedenkfeier gedacht. 1943 und 1944 waren Marcel Stoessel und Maxime Perreau zusammen mit anderen französischen Widerstandskämpfern im Lichthof des Justizgebäudes hingerichtet worden. Nun erinnerten die Söhne Roger Stoessel und André Perreau an ihre Väter.

Es sind die Lebensgeschichten von ganz normalen Männern, die sich allerdings auch nach der Besetzung Frankreichs durch Deutschland und unter dem Vichy-Regime ihre Zivilcourage bewahrten, wie aus den Berichten der beiden betagten Männer deutlich wurde. Marcel Stoessel war Arbeiter im elsässischen Mühlhausen und seit jeher in der Arbeiterbewegung engagiert. Stoessel bekannte, dass er selbst gar keine Erinnerung mehr an seinen Vater habe, sondern sich auf die Erzählungen seiner Mutter stützen müsse. Denn Stoessel war, als sein Vater 1942 verhaftet wurde, gerade einmal vier Jahre alt.

Das Vergehen von Marcel Stoessel: Er hatte in der Resistance-Gruppe seiner Heimatstadt Flugblätter gegen die Nazi-Herrschaft verbreitet. Dabei habe er stets darauf geachtet, seine Familie nicht in sein politisches Engagement mit hineinzuziehen. Er habe nie Flugblätter und andere verdächtige Gegenstände zuhause aufbewahrt.

Die Gestapo habe nach der Verhaftung seines Vaters bei mehreren Durchsuchungen bei ihnen zuhause nichts gefunden. Später entdeckte die Familie, dass unter einem Kohlehaufen eine Schreibmaschine versteckt war.

Maxime Perreau war Eisenbahner in Dijon, der Hauptstadt des Burgund. Zusammen mit Kollegen habe er versucht den Eisenbahnverkehr zu behindern, Sabotageakte zu verüben und Waffenlager anzulegen, berichtete sein Sohn André Perreau. Und die Widerstandskämpfer hatten durchaus Unterstützung. Nach ihrer Verurteilung zum Tode durch ein Gericht der deutschen NS-Verwaltung in Dijon seien 2000 Eisenbahner in den Streik getreten und Bürger der Stadt auf die Straße gegangen, um eine Begnadigung zu erreichen. Die weitere Entwicklung zeigte aber, wie perfide die Nazis vorgingen, sagte Perreau. Denn sie sagten dem Vichy-Regime eine Begnadigung zu, brachten die Häftlinge aber nach Deutschland und verkündeten dann, dass dort die Begnadigung nicht mehr gelte.

Beide Männer zeigten sich überrascht von der Einladung nach Stuttgart. „Ich hätte nicht erwartet, dass ich an dem Ort, an dem mein Vater starb, über ihn sprechen darf“, sagte Roger Stoessel. Jürgen Schmidt

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Erstellt:
12. März 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. März 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. März 2019, 06:00 Uhr

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