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„Sofort im sechsten Gang“
Hessische Geschichte ist ihm vertraut: Philipp Demandt vor Warhols „Goethe“. Foto: Boris Roessler/dpa
Museen

„Sofort im sechsten Gang“

Philipp Demandt ist seit einigen Monaten Städel-Chef. Der Nachfolger von Max Hollein kommt aus Berlin und findet: Frankfurt hat eine bemerkenswerte Dynamik.

09.01.2017
  • DPA

Frankfurt. Seit Anfang Oktober ist Philipp Demandt als Nachfolger von Max Hollein Direktor dreier Frankfurter Museen. Ein Gespräch darüber, wie man es schafft, den Namen einer Ausstellungshalle zu einem Adjektiv zu machen und wieso Berlin von Frankfurt lernen kann.

Wie ist Ihr Eindruck von Frankfurt?

Philipp Demandt: Hier herrscht eine außergewöhnlich hohe Taktung. An den drei Häusern ist eine Dynamik, die bemerkenswert ist: Ich habe in drei Wochen in Schirn, Städel und Liebieghaus vier Ausstellungen eröffnet! Wenn man nach Frankfurt kommt, ist man im Prinzip sofort auf der linken Spur – im sechsten Gang.

Wann beginnt die erste Schau, die Ihre Handschrift trägt?

Abgesehen von kleineren Slots sind die Ausstellungsprogramme der Jahre 2017 und 2018 komplett geplant, 2019 in Teilen. Diese Langfristigkeit ist nicht selbstverständlich und eine Stärke der Häuser. In der Schirn freue ich mich 2017 besonders auf unsere große Einzelausstellung zu René Magritte und 2018 auf Jean-Michel Basquiat. Im Städel begegnen sich 2017 unter anderem die Maler Pierre Bonnard und Henri Matisse.

Gibt es Themen oder Künstler, die Sie gern anpacken würden?

Konkrete Titel will ich noch nicht nennen, aber es gibt Themen, die mich interessieren. Ich würde gerne den Bereich der Skulptur stärken, insbesondere die Skulptur des 19. und 20. Jahrhunderts. In der Schirn könnte ich mir mehr Themenschwerpunkte zur Illustration und Grafik vorstellen. Ähnlich wie der Comic wird zeitgenössische Illustration noch kaum museal wahrgenommen: Den Museen für Angewandte Kunst ist sie oft zu künstlerisch und den Kunstmuseen zu angewandt.

Die musealen Aufgaben Sammeln, Forschen und Bewahren sind in der Öffentlichkeit weniger präsent.

Museen tun gut daran, nicht nur als Schaufenster zu funktionieren. Wir leben nicht nur von Ausstellungen: Wir restaurieren Kunstwerke, wir erforschen und katalogisieren die Bestände, wir vermitteln. Und schließlich arbeiten wir daran, all diese Bereiche umfassend sichtbar zu machen. Zum Beispiel geben wir 2017 in der Liebieghaus Skulpturensammlung einen Einblick in die Provenienzforschung. Es geht um die Erwerbungen zwischen 1933 und 1945. Unser Fach heißt ja nicht Kunst, sondern Kunstgeschichte.

Wollen Sie das Profil der drei Häuser schärfen oder sollen sie mehr zusammenwachsen?

Die Profile von Schirn, Städel und Liebieghaus werden auf jeden Fall unterscheidbar bleiben. Das Städel kann auf die Qualität seiner Sammlung bauen und daraus große, bedeutende Ausstellungen entwickeln. Einige der schönsten Bilder der Kunstgeschichte hängen in Frankfurt! Die Schirn hat keine eigene Sammlung, aber mit ihrem Fokus auf Diskurse und Trends aus der Perspektive der unmittelbaren Gegenwart trotzdem ein klares Profil. Sie ist die einzige Ausstellungshalle, die es geschafft hat, zu einem Adjektiv zu werden: Man hört oft, eine Ausstellung ist „schirnig“.

Themen für die Massen und ein Konzept, das vor Fachleuten besteht – wie kriegt man das unter einen Hut?

Indem man allen Mitarbeitern die besten Arbeitsbedingungen gibt. Mein Job besteht vor allem darin, einen Rahmen zu schaffen, in welchem die Kuratoren so frei wie möglich arbeiten und denken und so langfristig wie möglich planen können. Wir zeigen im Städel etwa 2019 eine Van-Gogh-Ausstellung – alleine dieses Projekt hat einen Vorlauf von fünf Jahren. Nur so bekommen Sie die besten Leihgaben oder auch die richtigen Katalog-Autoren. Sie können sich den Forschungsstand gründlich ansehen und die Ausstellung in aller Ruhe entwickeln.

Berlin ist ja bekanntlich arm, aber sexy. Frankfurt ist nicht ganz so sexy, aber auch nicht ganz so arm. . .

Ich erlebe Frankfurt als mindestens so attraktiv wie Berlin. Frankfurt hat alles, was man sich von einer Weltstadt wünscht – und dabei kann man fast alles mit dem Fahrrad erreichen. Was das Geld angeht: In Frankfurt gibt es eine sehr engagierte Bürgerschaft. Und Privatpersonen werden bei der Finanzierung von Projekten immer wichtiger. Viele Bürgerinnen und Bürger sagen sich nach einem erfolgreichen Berufsleben etwa: Ich bin immer gern ins Museum gegangen, jetzt möchte ich etwas zurückgeben.

Die Sammlung des Städel soll vollständig digitalisiert werden. Wie weit ist das Projekt inzwischen?

Bei so einem Unternehmen ist die größte Arbeit, die Voraussetzungen zu schaffen. Das haben wir vollbracht: Die Datenbank steht. Jetzt wird sie nach und nach befüllt und stetig weiterentwickelt. Etwa 1500 umfassend verschlagwortete Werke sind bereits online. Dazu kommen 11 000 Handzeichnungen aus der Graphischen Sammlung. Ziel ist es, alle Unikate der Sammlung zu erfassen, das wären rund 33 000 Exponate. Mein Vertrag läuft fünf Jahre. Mein Anspruch ist, das bis dahin zu erreichen.

Ihr Vater stammt aus Marburg und Ihre Mutter aus Kassel. Haben Sie selbst denn auch eine Beziehung zu Hessen?

Unser Familiensitz liegt 25 Kilometer von Frankfurt, in der Wetterau. Ich habe eine große Familie. Das Haus ist seit 100 Jahren in Familienbesitz. Dort kommen wir immer alle zusammen, wenn etwa jemand heiratet oder an Geburtstagen. Mein Großvater war hessischer Landeshistoriker – hessische Geschichte war in meiner Kindheit ein großes Thema und immer präsent. Und ja: Ich habe auch schon Grüne Soße gegessen. Und zwar seit Kindertagen. dpa

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09.01.2017, 06:00 Uhr

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