Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Erst schlüpfrig, dann rührend

Sommerabende entwickeln sich zum Publikumshit

Auf rund 200 Personen schwoll am Montag die Besucherzahl bei den Rottenburger Sommerabenden an. Die Vorlese-Reihe am Nepomuk-Haus entwickelt sich zu einem Publikumsrenner. Heute ist „Presse-Abend“.

29.08.2012
  • Ulrich Eisele

Rottenburg. Die Tages- und die Weinpresse – auf den ersten Blick wirkt diese Kombination vielleicht etwas konstruiert, doch auf den zweiten ergeben sich daraus möglicherweise interessante Dialoge, wenn sich ein Journalist und ein Winzer gegenseitig Bälle zuspielen: Der TAGBLATT-Redakteur im Vorruhestand Willibald Ruscheinski (Tagespresse) liest aus dem satirischen Roman des Exil-Serben Bora Cosic „Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution“ und der Rottenburger Wengerter Paul Schilling (Weinpresse) gibt schwäbische Gedichte rund um den Wein zum Besten.

Allerdings: Der Montagabend ist nur schwer zu toppen. Da stimmte alles – sogar das Wetter, das die halbe Miete bei den Sommerabenden ist. Es war so warm, dass die charmante Moderatorin Sabine Huber auf der Bühne einen Strip vorführte. Sie hatte sich nach den Erfahrungen des Vorabends – Regen und Kälte – vorsorglich in warme Wollsachen gepackt, die sie dramatisch, Stück für Stück, ablegte. Beim T-Shirt überm langen Leinenkleid war Schluss – trotz einzelner „weiter, weiter“-Rufe.

Ein wenig schlüpfrig waren auch die Lieder, die der Wurmlinger Musiker Christoph Pelgen zum Abend passend ausgesucht hatte: Zur musikalischen Umrahmung der ersten Vorlese-Geschichte, einer Passage aus Günter Grass‘ Blechtrommel, waren dies vergessene Schlager aus den 1920-er Jahren – zum Beispiel „Mit dem Peng und dem Radi Radi Bum Bum Bum“ von Eric Helgar, das so beginnt: „Immer wenn Tom die Trommel schlägt, sind die Mädels aufgeregt.“ Auf der Mandoline und Ukulele begleitete ihn Ilknur Ettling.

Die „Jes“-Beauftragte der Stadt Rottenburg Helga Kuhn las anschließend wohllautend vor, wie der klein geratene Oskar Mazerath vom Oberschulrat begutachtet und von seinen Eltern in eine polnische Schule geschickt wird. Schon am ersten Schultag zerschreit er alle Scheiben im Zimmer sowie die Brillengläser seiner Lehrerin, weil diese versuchte, ihm seine Trommel abzunehmen.

Diesmal klappte es auch mit der Stocherkahntour in der Pause – die zehn Plätze waren sofort ausgebucht. Danach rührte die sechsjährige Amelie das vorwiegend ältere Publikum mit der perfekt vorgetragenen Zubettgehgeschichte „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich habe?“ vom großen und vom kleinen Hasen beinahe zu Tränen.

Nicht weniger rührend dann das Märchen des berühmtesten Dänen Hans Christian Andersen, das Christian Schulz als letzter Vorleser beinahe wie ein Hörspiel vortrug: „Däumelinchen“, das Wunschkind einer alten Frau, ein feengleiches Wesen, erwächst aus einem Gerstenkorn, wird von einer Kröte entführt und von einer alten Feldmaus gerettet. Zur Lesung ging voll und beinahe rund der Mond überm Neckar auf, und das Duo Pelgen / Ettling sang und spielte dänische Lieder.

Sommerabende entwickeln sich zum Publikumshit
Abendliche Pastorale vor dem Nepomuk-Haus: Helga Kuhn liest aus Grass‘ Blechtrommel. Neben ihr das Musiker-Duo Christoph Pelgen/Ilknur Ettling. Bild: Eisele

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

29.08.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball