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Sommertheater: Das hier ist kein Ponyhof
Mandy (Lucie Mackert, links) als Kofferträgerin der Urlauber Jeanette (Agnes Decker) und Bert (Paul Schaeffer). Weitere Bilder unter www.tagblatt.de
Im Camping-Musical „Stellplatz 51“mit Bert und Jeanette auf Urlaub

Sommertheater: Das hier ist kein Ponyhof

Ist der Kosmos Camping innerhalb der Spezies Mensch nur ein Sonderfall? Nein, seit Sonntag, der Sommertheaterpremiere von „Stellplatz 51“, wissen wir: Er liefert den Generalschlüssel zur ganzen Gattung.

13.07.2015
  • Peter Ertle

Tübingen. Der Platz hinter dem Technischen Rathaus ist vorzüglich. Einziger Punktabzug: Vermutlich vom Meereswind getragen weht auf die oberen Ränge eine leichte Dixi-Klobrise – sehr naturalistisch. Wahrscheinlich liegt Stellplatz 51 etwas zu nahe bei den Toiletten.

Stellplatz 51 gehört Bert und Jeanette. Der Namens-Anklang an die Hauptfiguren der Rocky Horror Picture Show ist gewollt. Auch hier: ein Musical. Auch dort: etwas Horror. Und viel Komik – wie auch anders, wenn Komiker Bernd Kohlhepp und Theatermusikerin Susanne Hinkelbein sich zusammentun. Wenn dann noch Zimmertheater-Intendant Axel Krauße mit seinem trockenen Humor die Regiefäden zieht. . .

Eine leichte, schön bekloppte Sommermusikkomödie mit viel empirischer Alltagsbeobachtung ist es nun geworden. Und mit einem Pfund Gesellschaftskritik, das nicht als nervig kritische Pflichtschuldigkeit daher kommt, sondern sich sehr natürlich ins Genre einfügt. Schon vom Bühnenbild her (Jörg Zysik) eine Karikatur: Campingplatz-Silhouette mit Showtreppenzitat.

Brutale Realität ohne Mops und Mann

Los geht’s: Dauercamper versus Neulinge, Gruppenzwang versus Individuation, Sehnsucht nach Freiheit und Natur, aber bitte ohne bösen Wolf und mit Parkplatzgarantie. Und eigentlich bin ich mit meinem Freund da, aber wie schon Alexandra wusste, ist der Zigeunerjunge, Zigeunerjunge viel interessanter.

Es treten auf: Das erwähnte, frisch verliebte Paar Bert (Paul Schaeffer) und Jeanette (Agnes Decker). Er liebt Camping, sie hasst es und hatte sich unter „Kempinski“ blöderweise das gleichnamige Hotel vorgestellt.

Campingplatzinhaber Alf, für den man sich im Idealfall Udo Lindenberg als Besetzung wünscht, aber Frank Siebenschuh macht das auch ganz hervorragend. Typ abgelebter Altrocker, cool bis zum Anschlag, der nächtens im Fledermauskostüm seine Runden zieht.

Seine Tochter Mandy (Lucie Mackert), die Tourismus studiert und den Laden auf moderne Vorderfrau bringen will, vom international versierten Internetauftritt bis zur Wellnesswassergymnastik. Ihre Herzlichkeit fusioniert ununterscheidbar mit geschäftsmäßiger Animation.

Herr und Frau Scheuthle (Nicole Schneider, Raffaele Bonazza), zwei eher deutschnational gesinnte Dauercamper und Urgesteinsfaktota, denen beim Rätsellösen für europäische Hauptstadt mit drei Buchstaben nur „Bon“ einfällt.

Frau Wilnowski (Viola Neumann), die die Asche ihres bei einem Grillunfall explodierten Mannes mit sich herumträgt, mehr als ihn aber ihren verschwundenen Mops vermisst, was sie kompensiert, indem sie nächtens gelegentlich verloren dreinschauende Männer fängt und in ihr Zelt verschleppt. Sagt die drei wichtigsten Sätze des Abends: „Das hier ist kein Ponyhof. Das ist die brutale Realität. Das ist ein Campingplatz.“

Thorsten, (Johannes Karl), der das alles für die Uni evaluiert.

Und der Rumäne Zoran (nochmal: Johannes Karl), der von der Wanderarbeitersiedlung ab und zu als erotische Attraktion und männliche Marienerscheinung ins Kempinski schneit, allerdings besser Deutsch sprechend als seine deutschen Anbeterinnen.

Muss man mehr sagen? Wem das jetzt zu sehr nach Komödienstadl klingt, dem sei gesagt: Es ist auch eines. Aber eines mit bodenständigem Trashfaktor und einigen überraschenden Pointen. Wer die Textfassung kennt, merkt, dass sie sich auch selbst überrascht haben bei den Proben. Steht im Skript zum Beispiel noch die in so einem Stück erwartbare, unvermeidliche Clownsnummer des scheiternden Zeltaufbaus, hat Axel Krauße nun eine zauberhafte Zirkusnummer gelingender Zeltartistik draus gebastelt, zusammen mit Herwig Rutts und Christian Dähns Musik eine Bau- und Musikchoreographie, die zurecht Szenenapplaus erntete.

Kempinski für Flüchtlinge?

Der Zeltzauber ist das Startsignal für diesen Abend, der zwanzig Anlaufminuten braucht, lau wie das Abwaschwasser beim gemeinsamen Abspülen, da zünden auch noch nicht alle Hinkelbeinsongs. Aber dann! Wenn die Campingbewohner ihr Duschkabinenmadrigal anstimmen, ein Potpourri, das sich zur überlappenden Collage bekannter Popsongs hochschaukelt – stark! Susanne Hinkelbein verlangt ihren Schauspielern so einiges an Chorqualitäten ab – und die liefern es. Zwei ausgewiesene Musiker aus den Reihen der Mimen, Lucie Mackert und Raffaele Bonazza, erweitern die Zwei-Mann-Combo gelegentlich zur Viererbande.

Und dann kommt der Sprecher der Stadtversammlung und verkündet Unerhörtes: Es wird geprüft, ob Camping Kempinski nicht der ideale Ort für eine Flüchtlingsunterkunft sein könnte. Oha. Aber da wird nun am besten nicht mehr weitererzählt. Und der Schluss soll schon gar nicht verraten werden. Recht ungewöhnlich für so eine Komödie. Aber genau richtig. Und da capo, an weiteren 20 Abenden – bei bislang aussichtsreichen Wetterprognosen.

Info: Das vom Zimmertheater ausgerichtete Sommertheater ist vom 15. bis 19.7./ 21. bis 25.7. / 29.7. bis 2.8. und vom 4.8. bis 8.8., jeweils um 20 Uhr hinter dem Technischen Rathaus, Brunnenstraße 9, zu sehen.

Sommertheater: Das hier ist kein Ponyhof
Später leuchten die Stufen der Showtreppe im potemkinschen Campingdorf vor 250 Zuschauern. Links oben Lucie Mackert und Raffaele Bonazza an den Gitarren, rechts oben die Musiker Christian Dähn und Herwig Rutt, in der Mitte Johannes Karl, unten (von links) Nicole Schneider, Viola Neumann, Agnes Decker. Bilder: Faden

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13.07.2015, 12:00 Uhr

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