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„Tübinger, Linksradikaler, Nationaldichter“

Sonderausstellung beleuchtet Ludwig Uhland

Er war aufrechter Demokrat als es noch gefährlich war, Demokrat zu sein. Er war national, als es noch etwas völlig anderes bedeutete, national zu sein. Er war Zeit seines Lebens schüchtern und linkisch. Und doch war er ein Star. Das ist lange her. Das Stadtmuseum erinnert in seiner gestern eröffneten Sonderausstellung an: Ludwig Uhland.

06.10.2012
  • Peter Ertle

Tübingen. Es gibt die Uhlandstraße und das Uhlanddenkmal, das Uhlandgymnasium und den Uhlandsaal im Museum. Dass der Name nicht präsent wäre in der Stadt kann man nicht sagen. Aber über den Namen hinaus? Und über die Stadt Tübingen hinaus?

Uhlands Taschentuch, Uhlands Uhrband

Vor 150 Jahren, als Ludwig Uhland starb, wurde sein Name in einem Atemzug mit den Namen Goethes und Schillers genannt. Noch vor 50 Jahren lernte man seine Gedichte in der Schule. Im Vergleich dazu ist er heute weitgehend aus dem Blickfeld verschwunden. Vor allem das für damalige Verhältnisse und für Uhlands bürgerliches Erscheinungsbild radikal zu nennende politische Engagement scheint vergessen. Das eben will die mit dem Deutschen Seminar und dem Literaturarchiv Marbach organisierte Ausstellung „Ludwig Uhland – Tübinger, Linksradikaler, Nationaldichter“ ändern. Auch der Dichter und der Privatmann werden beleuchtet – die Lage historischer Zeugnisse ist ja auffallend gut. Von wenigen Schriftstellern dieser Zeit hat das Marbacher Literaturarchiv so viele Dokumente, auch das Stadtmuseum weiß etliches beizusteuern. Uhlands Totenmasken. Uhlands Uhrband aus geflochtenem Haar der Gattin. Uhlands Steuererklärung (wirklich, nur ein kleiner Zettel!). Uhlands Brieftasche. Das Türschild nach Uhlands Tod: „Frau Dr. Uhland“. Schnupftabakdosen mit Uhlands Konterfei, die der Dichter selbst als Geschenke überreichte (also ganz so uneitel wie behauptet wird, kann er doch nicht gewesen sein). Ein Taschentuch Uhlands. Unterschriften Uhlands, von Nachkommen aus seinen Briefexposés geschnitten und für den Devotionalienhandel gedacht. Dann blieben sie doch liegen. Und gelangten schließlich nach Marbach.

Die Schau ist in vier thematische Räume gegliedert. Raum I präsentiert drei der bekanntesten Gedichte Uhlands, in Schrift und Ton: „Die Kapelle“. „Der gute Kamerad“. Und das lange „Des Sängers Fluch“, dessen Strophen groß an die Wand gebeamt werden. „Wir wollten, dass man sich einfach einmal in Ruhe mit den Gedichten beschäftigen kann“, sagt Stadtmuseumsleiterin Wiebke Ratzeburg, die mit dieser Lese- und Hörstation bewusst einen Contrapunkt gegen die von Schnitten, kurzer Aufmerksamkeitsdauer und Inszenierungspepp geprägten heutigen Welt setzt.

Raum II präsentiert den Politiker. Uhland saß im Landtag, später auch in der Paulskirche, bis zu deren bitterem Ende. Er saß sehr weit links im Parlament, dessen Sitzordnung bis heute die politische Bedeutung von „rechts“ und „links“ bestimmt. In Audiotheken kann man Uhlands damals enorm fortschrittliche Reden gegen die Todesstrafe oder für die Pressefreiheit anhören – natürlich nicht mit seiner Stimme, die Tonaufzeichnung war noch nicht erfunden.

Den Orden Pour le Mérite lehnte er ab, weil Kollegen für das gleiche, was er tat, mit dem Leben bezahlten: Als Politiker war Uhland prinzipientreu. Gefiel aber nicht jedem: Der alte Goethe, immerhin auch einmal Minister, monierte, ein Dichter dürfe sich nicht in die Niederungen der Alltagspolitik einlassen. Heine erklärte – gewohnt sarkastisch – Uhland gar noch zu Lebzeiten für tot. Ganz unrecht hatten sie nicht. Denn seit sich Uhland politisch in die Pflicht nehmen ließ, versiegte seine dichterische Kreativität.

Raum III stellt den Wissenschaftler Uhland dar. Da ist zum einen die Arbeit des Privatgelehrten an den Sagen, der Volksliedsammlung. Zum anderen sind da seine Seminare in Stylistik, heute würde man es creative-writing-Seminar nennen. (Da ist es sehr sinnig, dass heutige Germanistik-Studenten dem Ausstellungskatalog Beiträge stiften). Uhland war alles andere als spontan, er erarbeitete für alles ein Konzept, schrieb alles auf – eine Grundlage für den Reichtum an heutigen Exponaten, seien es Vorlesungsskripte oder Briefe. An der Universität angestellt war er allerdings nur für fünf Semester, von 1930 bis 1932. Dann wurde er wieder in den Landtag gewählt und bat um Freistellung vom Lehrbetrieb.

Erst die Eltern, dann die Frau

Raum IV: Uhlands Lebensweg, seine private Seite. Uhland als Kind, ein Ölgemälde. Sein Taufkleidchen. Gibt es alles noch. Das Klavier, vor Jahren restauriert. Der Parisaufenthalt 1810 – er beschäftigt er sich mit alten Handschriften. Wenig beachtet bislang seine finanzielle Situation: Erst lebt er lange von den Eltern, dann von seiner Ehefrau, die aus begütertem Hause stammt. Seine 1815 veröffentlichte, einzige Gedichtsammlung, im Stadtmuseum in vielen unterschiedlichen Ausgaben zu sehen, wird zwar zum Bestseller, aber nicht über Nacht. Erst allmählich, mit der steigenden Zahl der Auflagen, wirft sie richtig Geld ab.

Und heute? Gibt es als aktuell erhältliche Ausgaben auf dem Buchmarkt ein Reclambändchen und einen in der kleinen Landesbibliothek bei Klöpfer&Meyer erschienenen Band. Tempi passati.

Info: Die Schau läuft bis 2. Dezember, Di-So 11-17 Uhr, Katalog 19 Euro.

Sonderausstellung beleuchtet Ludwig Uhland
Vitrine mit Taufkleidchen, Ölbild des kleinen Ludwig, das Klavier aus dem Besitz Ludwig Uhlands – am 28. Oktober wird darauf gespielt.

Und das sind die beiden Oktober-Termine aus einer ganzen Reihe von Begleitveranstaltungen zur Ausstellung:
Heute um 20.15 Uhr lesen und sprechen Hermann Bausinger und Wolfgang Alber, die Mitherausgeber der bei Klöpfer&Meyer erschienenen kleinen Landesbibliothek. Sie lesen Texte von Uhlands Dichterfreunden Gustav Schwab, Justinus Kerner, aber auch Berthold Auerbach und Friedrich Theodor Vischer.
Sonntag, 28. Oktober, 11 Uhr: Liedermatinee mit dem Originalklavier Uhlands: Alfred Gross (Piano), Johanna Pommranz (Sopran) und Max Robert Jung (Texte). Romantische Vertonungen und Gedichtrezitationen.

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06.10.2012, 12:00 Uhr

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