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Sie prägten die gute Kinderstube

Sonderausstellung im Erpfinger Ostereimuseum

ERPFINGEN (re). Manche bekamen Namen, alle spiegeln die Zeit, in der sie für Kinder fabriziert wurden. Das Erpfinger Ostereimuseum zeigt als Sonderausstellung Puppengesichter des 20. Jahrhunderts.

24.06.2000

Der Stoff, aus dem die Kinderträume waren, heißt Zelluloid. Entwickelt wurde dieser Kunststoff 1869 in New York. Puppen entstanden daraus in Deutschland von 1896 an. Markennamen waren „Schildkröt“ und „Minerva“. Auch Hersteller von Porzellanpuppen boten Puppen in Zelluloid an. Im Gegenzug kopierten die Zelluloid-Hersteller deren Charakterbabys: 1910 ging „Schildkröt“ aus Mannheim mit dem ersten „Bebi“ auf den Markt. Pädagogen und Künstler kritisierten die Massenproduktion. Die Künstlerin Käthe Kruse stellte 1910 in Berlin ihre ersten Stoffpuppen vor — Miniaturporträts ihrer eigenen Kinder.

Doch die Branche entwickelte sich stürmisch. „Schildkröt“ bot schon vor dem Ersten Weltkrieg über 100 Modelle an. 1926 wurde „MiBlu“ zum Mannheimer Markenzeichen: „Milch und Blut“ stand für besonders hellhäutige Puppen. Außerdem bekamen die maschinell gefertigten Puppen Namen — vom „Bebi“ zum „Schlummerle“ in den 60ern. Dazwischen, seit den 30er-Jahren, hatte „Schildkröt“ mit Hans, Inge, Bärbel und Christel Konjunktur.

Zelluloid-Puppen werden derzeit als Sammlerstücke wiederentdeckt. Die Erpfinger Ausstellung zeigt rund 80 Puppengesichter mit Schwerpunkt zwischen 1920 und 1960. Die ältesten „Babypuppen“ sind 100 Jahre alt. „Mit hinterklebter Zunge“, so die Ausschilderung, schauen sie fast gespenstisch aus. Die Babys und Nixen aus den 40ern sind, wen wundert's, rosig und blond. Solide drein blickt Käthe von 1955. Daneben Matrosen und Schwarwaldmädel aus Wirtschaftswundertagen. Die Klamotten, früher oft von Tanten, Omas und Müttern selbst genäht, wurden im Lauf der Puppenge-schichte immer farbiger. Eine Puppendame von 1961 trägt Lila, noch bunt-beliebiger ist der Schaukasten für die 70er- und 80er-Jahre.

Eine kleine Zeitreise und ein Blick in die Erziehungsgeschichte. Kinder üben mit ihrem Spiel zugleich Rollen fürs Erwachsensein. Im 19. Jahrhundert galt: Männer bestimmten durch ihre Arbeit den sozialen Stand der Familie, Frauen sorgten für Haushalt und Kindererziehung. Brave Kinder, so das Biedermeier-Klischee, bekamen eine „Kinderstube“.

Ein Umbruch zeichnete sich bereits Anfang des 20. Jahrhunderts ab. Anstelle neuer Familienstrukturen setzten sich Hitlers Chefideologen durch. Die Ungleichheit zwischen Mann und Frau, argumentierten sie, sei gottgegeben, der autoritäre Mann und die haushaltende Frau galten als Idealpaar. In der Realität führte der von den Nazis angezettelte Weltkrieg viele Frauen in die Berufstätigkeit, weil die Männer fielen oder in Kriegsgefangenschaft gerieten. In den Wirtschaftswunderzeiten der 50er-Jahre setzte sich das Rollenideal des Heimchens am Herd wieder durch. Seit der Nachkriegszeit wird laut Ausstellungskatalog die Kindheit als eigenständige Lebensphase angesehen. Doch noch heute gelte oft: „Jungen spielen nicht mit Puppen.“

Auch Puppenhäuser, zeigt die Ausstellung, übten Erziehungsideale ein. Die Puppenstube stammt wohl aus Nürnberg, Grundtypen waren Küche und Wohnstube. Sie imitierten die Lebenswelt der Erwachsenen und dienten so der bürgerlichen Mädchenerziehung. Ein zeitgenössischer Kommentar: „Die Puppenstuben animieren die kleinen Mädchen zu hausfraulicher Thätigkeit.“

Sonderausstellung im Erpfinger Ostereimuseum
Zelluloid als Stoff, aus dem die Puppen sind. Diese Kunststoff-Stücke boomten vom Jahrhundertanfang bis weit in die Wirtschaftswundertage. Heute sind sie vor allem unter Sammlern beliebt.

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24.06.2000, 12:00 Uhr

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