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Reutlinger Fakultät ist empört über den Regierungsstil

Sonderpädagogen wehren sich

Chaos zwischen den Ministerien, Unverständnis und Empörung bei den Betroffenen in Reutlingen: Der angekündigte Umzug der Fakultät für Sonderpädagogik von Reutlingen nach Ludwigsburg sorgt für mächtig Wirbel mitten im Sommerloch.

22.08.2012
  • Thomas de Marco

Reutlingen. Am Montag hatten sich Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) und Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) klar für den Umzug der Sonderpädagogik ausgesprochen, bevor Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid (ebenfalls SPD) seine beiden Kolleginnen bremste und erklärte, dass es mit dem Umzug so schnell nichts werde (wir berichteten). Nun rechnet die betroffene Außenstelle der Pädagogischen Hochschule in Reutlingen mit diesem Regierungs-internen Wirrwarr ab.

„Wir kritisieren Form und Inhalt dieser Bekanntgabe massiv“, sagt Studiendekan Jörg Michael Kastl dem TAGBLATT und bezeichnete den Stil der „überfallartigen Presseerklärung“ als empörend. Fakultätsvorstand und Fakultät hätten von dieser Bekanntgabe mitten in der Ferienzeit durch die Medien Kenntnis erhalten. Der Fakultät liege über diese Presseerklärung hinaus keinerlei weitere Informationen vor. Kastl vertritt den urlaubenden Dekan Rainer Trost, mit dem er gestern eine Presseerklärung abstimmte (siehe Extra-Kasten).

Im Gegensatz zum Reutlinger Grünen-Landtagsabgeordneten Thomas Poreski, der den angekündigten Umzug als Fakt sieht und schon von einem Verlust für die Region spricht, geht Kastl mitnichten davon aus, dass die Entscheidung bereits gefallen sei: „Über die Auflösung einer Außenstelle einer Hochschule kann nur die Landesregierung entscheiden. Darunter verstehen wir den Ministerpräsidenten mit seinem gesamten Kabinett.“ Derzeit sei aber nur ein Chaos zwischen den Ministerien zu erkennen.

„Ausgerechnet Grün-Rot hat kein Signal an uns gesandt oder sich mit uns abgesprochen, wie es weitergehen soll. Die Ministerien scheinen davon auszugehen, wir seien eine mittlere Realschule“, ärgert sich Kastl. Wenn Minister Schmid dann schreibe, ein Umzug noch im Jahr 2012 sei ausgeschlossen, werde die ganze Angelegenheit zur mittleren Karikatur: „Wegen der ganzen Infrastruktur sind solche Zeiträume ohnehin undenkbar“, kritisiert der Studiendekan.

Obwohl die Reutlinger Sonderpädagogen in Südwürttemberg bestens vernetzt sind und eine hervorragende Arbeit leisteten, war für Poreski absehbar, dass Wissenschafts- und Kultusministerium eine inklusive Ausrichtung der Lehrerausbildung an einem gemeinsamen Standort in Ludwigsburg als gewichtiger einschätzen würden.

„Ich habe deshalb schon vor einigen Wochen darauf hingewiesen, dass für diesen Fall die Region Reutlingen, für die eine starke Sozialwirtschaft prägend ist, einen überzeugenden Ausgleich erhalten muss, der auch für einen Teil der Beschäftigten der Fakultät für Sonderpädagogik eine Perspektive bietet“, erklärte der sozialpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion gestern. Sein Vorschlag eines ganzheitlich angelegten pflegewissenschaftlichen Studiengangs in Reutlingen finde nicht nur die Unterstützung von Wissenschaftsministerin Bauer.

„In den vergangenen Wochen haben sich eine Reihe von Vertretern aus Wissenschaft und Sozialwirtschaft bei mir gemeldet und großes Interesse an einem solchen Studiengang geäußert“, sagte Poreski. „Jetzt gilt es, die Zeit zu nutzen und mit den infrage kommenden Akteuren ein tragfähiges Konzept zu entwickeln und politisch durchzusetzen.“ Die Stadt Reutlingen sieht der grüne Abgeordnete dabei als Moderatorin in einer Schlüsselrolle. Da derzeit OB Barbara Bosch sowie alle drei Bürgermeister im Urlaub sind, war von der Stadt Reutlingen gestern keine Stellungnahme zu erreichen.

In seiner gestrigen Presseerklärung äußerte sich der Fakultätsvorstand nicht nur „tief enttäuscht“ vom Politikstil der Landesregierung, der zu großer Besorgnis bei Mitarbeitern und Studierenden führe, sondern er belegte auch zwei seiner Meinung nach nicht zutreffende Aussagen: Zum einen die Vorstellung, die Fakultät könne in großem Umfang zur Ausbildung aller Lehrämter beitragen. „Die Lehrkapazitäten der Fakultät sind selbst für die Pflichtlehre des Lehramts Sonderpädagogik knapp bemessen“, heißt es. Zum anderen sei es eine inhaltliche Verdrehung, wenn behauptet werde, die Studierenden seien der Meinung, ein Umzug würde die Studienbedingungen erheblich verbessern. Dekan Rainer Trost und Studiendekan Jörg Michael Kastl seien sich in ihrer Sorge darüber einig, dass ein so ambitioniertes Vorhaben wie die Standortverlagerung einer Einrichtung dieser Größenordnung mit einer Politik der „Kostenneutralität“ betrieben werden solle: „Das ist von vorne herein zum Scheitern verurteilt.“

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22.08.2012, 12:00 Uhr

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