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Sorge um die Wissenschaft
Impression vom Campus der renommierten US-Uni Harvard: Die Wissenschaft fürchtet massive Eingriffe, manche Einrichtungen sehen sich von der Schließung bedroht. Foto: Harvard Public Affairs & Communications
Forschung

Sorge um die Wissenschaft

Landtagsabgeordnete reisen in die USA. Dort fürchten Universitäten Einschnitte der Regierung. Drohen Folgen für den Austausch mit Deutschland?

07.04.2017
  • AXEL HABERMEHL

Boston/Stuttgart. Andre Sharon wirkt wie ein Professor aus einem Kinderbuch. Graues Haar, zurückhaltendes Lächeln, konziliante Rhetorik. Wenn der Direktor des Fraunhofer-Zentrums in Boston Besuchern sein Institut vorstellt, wie dieser Tage einer Delegation des baden-württembergischen Landtags, doziert er präzise und eng am Forschungsprojekt. Ein High-Tech-Schrank, in dem vollautomatisiert Tabak angebaut wird, um Impfstoffe zu erlangen? Sharon erläutert den Aufbau im Detail. Ein Boot, das Energie aus Meereswellen „erntet“, um sie im Hafen ins Stromnetz einzuspeisen? Sharon erklärt das Konzept mit Power-Point, eine Hand deutet auf die Leinwand, die andere gestikuliert entspannt.

Fragt man aber den Professor nach der Lage der Wissenschaft unter Donald Trump, legt er die Stirn in Falten, stopft beide Hände in die Taschen und fragt spöttisch? „Wie viel Zeit haben Sie denn?“ Dann berichtet er in drei Sätzen von Finanzierungsstrategien, die Universitäten entwickelten, um vom Präsidenten angedrohte Kürzungen auszugleichen. „Der Haushalt ist noch nicht verabschiedet“, endet Sharon schließlich achselzuckend. „Wir müssen abwarten. Aber es könnte ein Riesenproblem werden.“

Wohin die Landtagsabgeordneten bei der einwöchigen Reise des Ausschusses für Wissenschaft, Forschung und Kunst auch kamen: ob an private Elite-Unis wie Harvard und MIT (Massachusetts Institute of Technology) oder öffentliche Universitäten in New York City oder Connecticut, ob sie mit US-Kollegen sprachen, mit Wissenschaftlern, Diplomaten oder Künstlern – häufig trafen sie auf besorgte Mienen.

Quelle der Sorgen sind Wahlkampf-Versprechen, Äußerungen und erste Amtshandlungen. Trump alarmiert die US-Wissenschaftsszene. In seinem Haushaltsentwurf hat der neue Präsident angekündigt, die staatliche Forschungsförderung erheblich zu mindern – insgesamt, aber auch mit thematischen Schwerpunkten in von ihm missachteten Disziplinen. Das Budget des Bildungsministeriums und von Behörden, die Forschungsprojekte stützen, soll um Milliarden sinken, die Rede ist von Kürzungen um bis zu 30 Prozent.

Manche Einrichtungen sehen sich mit Schließungs-Drohungen konfrontiert, andere mit personellen Eingriffen. Die Umweltschutzbehörde EPA etwa hat nun einen neuen Chef, der bisher einer ihrer rigidesten Kritiker war. Dazu kommt das Einreiseverbot für Bürger von sechs überwiegend von Moslems bewohnten Ländern, das in der international geprägten Wissenschaftsszene auf Ablehnung stößt, ebenso wie Trumps rüpelhaftes Auftreten, sein Hang zu Unwahrheiten, seine Ablehnung alles Kosmopolitischen und sein Chauvinismus nationalistischer Prägung.

Während manche Gesprächspartner der Delegation, etwa einige Unternehmer oder Politiker wie der demokratische Senator Eric Lesser in Boston, beschwichtigen („Hören Sie nicht auf jeden Tweet, der im Fernsehen vorgelesen wird.“), äußern andere harsche Kritik: „Was in Washington passiert, ist kulturelle Inkompetenz“, sagt Daniel Weiner, ein leitender Professor der University of Connecticut. Der Künstler Robert Longo eröffnet seine Atelier-Führung in Manhattan mit den Worten: „Ich entschuldige mich für Donald Trump.“

Reise an die liberale Ostküste

So wurde nicht nur deutlich, dass sich die Landtagsabgeordneten im durch wirtschaftlichen Wohlstand und politischen Liberalismus geprägten Ostküsten-Intellektuellen-Milieu nahezu ausschließlich mit Trump-Gegnern trafen. Es zeigte sich auch, wie polarisiert und emotional zugespitzt sich das öffentliche Klima der USA darstellt.

„Hier ist etwas ins Wanken geraten“, sagt Baden-Württembergs Ministerin Theresia Bauer (Grüne). Diese aggressive Verachtung von Wissenschaft hat mich sehr beeindruckt.“ Keinesfalls dürfe man jetzt „die guten Beziehungen zu den USA schleifen lassen“. Die Wissenschafts-Kontakte beider Länder sind eng. Mindestens 7000 deutsche Forscher arbeiten in den USA, Studenten nicht eingerechnet. Viele Unis unterhalten Kooperationen. Wird dieser Austausch beeinträchtigt?

„Es ist alarmierend“, sagt Nina Lemmens, Direktorin des New Yorker Büros des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes (DAAD). „Expertentum und harte Fakten haben für diese Administration offenbar keine Priorität. Das sieht man ja an dem Dekret zur Klimapolitik.“

Lemmens warnt vor Folgen für den wissenschaftlichen Austausch: „Auf Grund unserer Erfahrungen mit dem Verhalten deutscher Studierender nach den verschärften Visaregeln nach 9/11 vermute ich, dass angesichts des ,travel ban‘ künftig weniger deutsche Studenten in den USA studieren wollen.“ Schon jetzt meldeten 40 Prozent der US-Unis und Colleges bei einer Umfrage deutlich weniger internationale Interessenten. Dafür zeichnen sich Zuwächse in Kanada ab.

In den USA sei „ein Klima entstanden, auch an manchen Universitäten, in dem es häufiger zu rassistischen Vorfällen kommt“, sagt Lemmens. Sie fürchtet, dass die Politik Trumps langfristig zu weiteren inneren Verwerfungen führt. „Wissenschaft ist die Zukunft eines Landes. Kein Staat kann es sich leisten, sein Wissenschaftssystem zu schwächen.“

Abgeordnete: Mehr Austausch

Wie soll nun Deutschland, wie Baden-Württemberg reagieren? Die Chance nutzen, um herausragende Wissenschaftler abzuwerben, denen es in den USA zu enggeistig wird, oder deren Projekte keine Förderung mehr bekommen? Die Abgeordneten plädieren geschlossen dagegen. Lieber wollen sie den direkten Austausch auf Bundesstaat-Bundesland-Ebene stärken.

So fordert der Ausschussvorsitzende und Delegationsleiter Andreas Deuschle (CDU), „die Partnerschaft mit Massachusetts und Connecticut in den Bereichen Wissenschaft und Wirtschaft zu intensivieren“. Für eine entsprechende Offenheit habe er starke Signale bekommen. Landtag und Landesregierung sollten dabei zusammenwirken.

Die SPD-Abgeordnete Gabi Rolland sagt: „Wir sollten nicht dem ersten Impuls folgen, uns abzuwenden.“ Auch Nico Weinmann (FDP) sagt: „Wir sind gut beraten, die guten, über Jahrzehnte aufgebauten Beziehungen aufrechtzuerhalten.“ Rainer Balzer (AfD) schlägt vor: „Wir sollten die Idee der dualen Ausbildung in die USA bringen. Es gibt dort eine Lücke zwischen guter höherer Bildung und der Ausbildung von Arbeitern, die nur irgendwie angelernt werden.“

Im Urteil über Trumps Eingriffe in die Wissenschaft gehen die Meinungen auseinander. „Das Ziel einer Regierung muss doch sein, die Wirtschaft voranzubringen und Menschen in Jobs zu bringen“, sagt Balzer. „Wenn sie dazu in der Wissenschaftsförderung andere Schwerpunkte setzt, ist das ganz normale Politik.“ Auch inhaltliche Eingriffe hält der AfD-Abgeordnete für vertretbar: „Ich würde die Förderung für Gender-Forschung in Deutschland glatt auslaufen lassen.“

Ministerin Bauer sagte dagegen, „ein offener Staat muss Wissenschaft auch dann fördern und zulassen, wenn sie der Politik nicht in den Kram passt“. Zwar sei die Lage mit der in den USA nicht vergleichbar, aber auch in Deutschland sehe sie „Ansätze von Distanz und Respektlosigkeit gegenüber der Wissenschaft“.

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07.04.2017, 06:00 Uhr

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