Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Welt-Aids-Tag

Spätdiagnosen von HIV werden in Tübingen häufiger

Aus der aktuellen Studie zur Verbreitung von Aids und HIV in Deutschland geht hervor, dass die Zahl sogenannter Late Presenters, HIV-Kranke, bei denen die Infektion erst sehr spät festgestellt wird, zunimmt. Auch die Tübinger Aids-Hilfe ist seit diesem Jahr damit konfrontiert.

01.12.2012
  • moritz siebert

Tübingen. Es war im Frühjahr 2011. Vanessa Schmitz (Name von der Redaktion geändert) fühlte sich müde, hatte über Wochen fast 40 Grad Fieber, Juckreiz und Haarausfall quälten sie. Hohe Belastung und lange Arbeitstage war die heute 33-Jährige gewohnt. Im Mai schließlich brach sie bei der Arbeit zusammen.

Ein halbes Jahr lang ging Schmitz von Arzt zu Arzt. Keiner konnte ihr helfen. Der HNO-Arzt stellte nur eine Pilzerkrankung im Mund fest, der Hausarzt ließ ihre Leberwerte testen, sogar eine Kernspintomografie wurde durchgeführt. Alles blieb ohne Ergebnis. „Ich wusste, dass etwas nicht mit mir stimmt“, sagt Schmitz, „etwas wuselte in mir“. Ein Freund habe ihr schließlich geraten, den Hausarzt zu wechseln. „Jeder Arzt hat nur einen Ausschnitt meiner Krankheit gesehen, keiner das Gesamtbild.“

Ärzte denken zu selten an HIV-Infektion

Erst die neue Hausärztin zählte die Symptome zusammen und riet Vanessa Schmitz zu einem HIV-Test. Am 8. August 2011 teilte die Ärztin ihrer Patientin schließlich mit, dieser sei positiv ausgefallen. „Ich habe nur gelacht, als ich das erfahren habe.“ Weil sie sich an keine Risiko-Situation erinnern konnte, wollte Schmitz die Diagnose zunächst auch nicht glauben. Erst nachdem man ihr mitteilte, die Infektion liege bereits zehn Jahre zurück, dämmerte es ihr.

Schmitz zählt zu den sogenannten Late Presenters, HIV-Kranke, bei denen die Infektion erst sehr spät festgestellt wird. Nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind derzeit etwa ein Drittel der Neudiagnostizierten Late Presenters. 2008 machte das Forschungsinstitut erstmals auf das Problem aufmerksam. Seit diesem Jahr ist auch die Aids-Hilfe Tübingen-Reutlingen damit konfrontiert. Allein im Oktober konnten Brigitte Ströbele und Thomas Pfister von der Aids-Hilfe Kontakt zu drei Late Presenters aufnehmen.

Gründe für eine Spätdiagnose seien häufig die mangelhafte Aufklärung über die Erkrankung, sagt Ströbele. Ärzte würden zu selten an eine HIV-Infektion denken, wenn sie Patienten behandeln. Sobald eine Indikatorkrankheit, etwa Syphilis oder Hepatitis, festgestellt wird, empfiehlt Pfister, sollte auch ein HIV-Test gemacht. „Wir wollen nun gezielt auf Ärzte im Landkreis zugehen und sie mehr für HIV sensibilisieren“, kündigt Pfister an.

Viele der Late Presenters leben wie Schmitz jahrelang mit der Infektion, ohne dass sie davon wissen. 14 000 Menschen seien es derzeit bundesweit, schätzt das RKI. „Bis zu dem Zeitpunkt als die Krankheit ausbrach, ging es mir sehr gut“, erinnert sich Schmitz, „ich habe Sport gemacht und oft zehn Stunden am Tag gearbeitet“.

Krankheit soll nicht das Leben bestimmen

Direkt nach der Diagnose im August begann Schmitz mit einer Therapie. Diese schlug sofort an. Schon drei Monate später konnte sie wieder arbeiten. Und nach einem Dreivierteljahr stellte sie fest: „Jetzt erkenne ich mich wieder im Spiegel.“ Ihr Motto: „Ich lasse mein Leben nicht von der Krankheit bestimmen.“

Ab und zu fühle sie sich noch schlapp und zu Multitasking, ihrer einstigen Stärke, sei sie nur noch eingeschränkt fähig. Selbstmitleid ist ihr aber fremd und ihren Humor hat sie auch nicht verloren: „Ich bin positiv eingestellt“, sagt sie und lacht. „Wenn man Aids hat, gibt es nur A oder B.“ Ihr Ton wird ernster: „Entweder man lebt mit der Krankheit oder man lässt es.“

Spätdiagnosen von HIV werden in Tübingen häufiger
„Ich lasse mein Leben nicht von der Krankheit bestimmen“, sagt diese Frau. Letztes Jahr erfuhr sie, dass sie seit zehn Jahren mit HIV infiziert ist.Bild: Metz

Nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts leben Ende 2012 bundesweit 78 000 Menschen mit HIV oder AIDS. Das Forschungsinstitut geht von 3400 Neuinfektionen in diesem Jahr aus, rund einhundert mehr als 2011. Für den Landkreis Tübingen liegen keine offiziellen Zahlen vor. Thomas Pfister von der Aids-Hilfe Tübingen-Reutlingen schätzt, es seien „mehrere hundert“ Kranke. Weil HIV keine meldepflichtige Infektion ist, können die Zahlen nur geschätzt werden. Sie basieren auf HIV-Meldungen nach der Laborberichtsverordnung, der Todesursachenstatistik, AIDS-Meldungen an das RKI und Daten zur Verschreibung von antiretroviralen Medikamenten bei gesetzlich versicherten Patienten.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

01.12.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball