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Spätzle für alle
Jürgen Kanold Foto: Volkmar Könneke
Leitartikel

Spätzle für alle

Jürgen Kanold über die Bedeutung von Heimat.

08.10.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Schaffen, sparen, putzen. Mehr tut der Schwabe nicht. Oder die Schwäbin. Aber das ist natürlich nur ein „Letta-gschwätz“. Klischees gibt es freilich genug über die Schwaben. Deshalb sind wir gespannt, worüber uns das Württembergische Landesmuseum in Stuttgart demnächst aufklären wird: „Die Schwaben. Zwischen Mythos und Marke“ heißt eine Große Landesausstellung, die jetzt aufgebaut wird und am 22. Oktober eröffnet. Sie geht etwa den Fragen nach: „Wo liegt eigentlich Schwaben?“ und „Wer ist Schwabe?“ Ja, wer weiß das schon.

Einen kennen wir. Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Er vertritt die Interessen Baden-Württembergs so offensiv wie selbstbewusst dialektgefärbt in der hohen Politik, wie man das sonst nur von den CSU-Bayern kennt – der grüne Kretschmann ist mit seinem bedächtigen, soliden Schwäbisch zur bundesweiten Kultfigur aufgestiegen, gar als künftiger Bundespräsident im Gespräch. Schon der erste, Theodor Heuss, war unüberhörbar aus dem Schwäbischen gekommen.

Echt schwäbisch? Hüten wir uns vor Stereotypen. Aber schauen wir auf ein Original: Was macht Kretschmann so populär? Sein authentisches Wesen. Diese folkloristische Verehrung des Politikers auch in hochdeutschen Gefilden – vielleicht ist das auch ein Indiz für den Unmut an der globalisierten Welt, der sich in einem neuen Heimatgefühl äußert. Und leider auch für die Sehnsucht nach einer Leitkultur, die sich nur definiert durch Abgrenzung.

„Hoimetaberau!“ So heißt die viel gespielte „schwäbische Tüftlersonate“ Franz Xaver Otts. Man hat's nicht leicht mit der Heimat. Wirklich nicht. Aber man richtet sich gerne gemütlich ein. Heimat bedeutet allein schon, schwäbisch gewertet und völlig unverdächtig: Maultaschen oder Zwiebelrostbraten. Sollte es nicht besser heißen: „Spätzle für alle“? In Baden-Württemberg ist das mit dem Schwabentum an sich, wie das Bundesland es ausdrückt, sowieso kompliziert. Die Badener, Hohenloher, Oberschwaben, Kurpfälzer, Allgäuer, . . . kommen hinzu. Schwaben leben auch im gleichnamigen Regierungsbezirk Bayerns. Ganz zu schweigen von den Zugereisten, Ausländern, Flüchtlingen.

Daimler und Porsche, Jürgen Klinsmann und Birkel-Nudeln: Das ist echt schwäbisch, kommt aber weit herum in der Welt. Die Fremdenfeindlichkeit wiederum ist im Südwesten deshalb geringer als im hinteren Mecklenburg-Vorpommern oder in Sachsen, weil die Menschen eben vormals „Fremde“ kennen, ihnen begegnen. Die weltoffene Heimat: Das ist der lebenswerteste Ort, unabhängig von der geografischen Lage.

Hermann Bausinger, der Tübinger Kulturwissenschaftler, hat das in seiner jüngst veröffentlichten schwäbischen Literaturgeschichte auf die höchst sachliche Formel gebracht: „Schwabe konnte (und kann) man werden.“ Er betont das, weil die Literatur lange „mit dem „Bluterbe von Stämmen“ in Beziehung gesetzt worden sei, auch schon vor dem Nationalsozialismus. Aber eine „lückenlose Ahnenreihe“ könnten unsere schwäbischen Heroen ja auch nicht alle unbedingt vorweisen: Mörike heiße schließlich nicht „Möhrle“, er verdanke die Endsilbe seines Namens brandenburgischen Vorfahren, weiß Bausinger. Die Schwaben sind halt international.

leitartikel@swp.de

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08.10.2016, 06:00 Uhr

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