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Countdown

Spannung bis zur letzten Minute

Auf Umfragen können die Kandidaten nicht zählen – Viele Unentschlossene

02.11.2016
  • PETER DE THIER

Washington. In sechs Tagen werden mehr als 100 Millionen Amerikaner eine historische Grundsatzentscheidung treffen: Werden sie die erste Präsidentin in der US-Geschichte ins Weiße Haus wählen? Oder geben sie einem rechtspopulistischen Demagogen den Zuschlag, der die Antithese darstellt zu jenen politisch Etablierten, die seit Monaten im Kreuzfeuer der republikanischen Kritik stehen? Bis vor wenigen Tagen sprach viel dafür, dass Hillary Clinton am Abend des 8. November einen überzeugenden Sieg feiern wird. Wie die jüngste Entwicklung in Clintons sogenannter E-Mail-Affäre zeigt, ist die Demokratin aber nicht ohne Risiken. Während der letzten Tage ist ihr Vorsprung wieder geschrumpft.

Wählerumfragen zufolge war Clinton der Sieg eigentlich kaum zu nehmen. Je nach Befragung lag die frühere Außenministerin zwischen zwei und zehn Prozentpunkten vor ihrem Gegner. Nun sind es durchschnittlich noch drei Punkte. Einige Staaten, in denen zusammengenommen 115 „Wahlmänner“ (Elektoren) bestimmt werden, kann sich Clinton aber bereits in die Tasche rechnen, darunter liberale Hochburgen wie Kalifornien, New York, Massachusetts, Maryland und Washington. Trump dagegen dürfte nur 49 Elektoren sicher auf dem Konto haben (Wahlsystem siehe oben). Sie konzentrieren sich auf konservative Südstaaten wie Alabama, Kentucky, Oklahoma, Arkansas und West Virginia.

Donald Trump kommt alles in allem auf 164 Elektoren, wenn man auch jene Staaten berücksichtigt, in denen sich zumindest eine gewisse Präferenz herauskristallisiert hat. Clintons vorläufiges Minimum an wahrscheinlichen Elektorenstimmen beläuft sich auf 263. Da die notwendige einfache Mehrheit bei 270 liegt, fehlt damit theoretisch nicht mehr viel zum Wahlsieg. Die beiden Drittkandidaten, der Libertarier Gary Johnson und die Grüne Jill Stein, werden voraussichtlich zusammen weniger als zehn Prozent der Stimmen auf sich vereinigen können. Den Wahlausgang werden sie wohl nicht beeinflussen, weil ihre Stimmen gleichermaßen zu Lasten von Trump und Clinton gehen dürften.

Hillary Clinton weiß als Karrierepolitikerin allerdings genau, wie gefährlich es ist, sich auf die Umfragen zu verlassen. „Trump kann noch gewinnen, ich setze absolut nichts als selbstverständlich voraus und brauche jede einzige Stimme“, appellierte sie zuletzt an ihre Anhänger in Florida, einem der kritischen „swing states“ mit einem hohen Anteil unentschlossener Wähler. Um keinen Preis sollten sie aus Siegessicherheit am 8. November einfach zu Hause bleiben. In der Tat besteht in einer geringen Wahlbeteiligung des demokratischen Lagers eine Chance des Republikaners Trump. Er hofft zugleich, dass die Zahl der registrierten Wähler, die er mobilisieren konnte, deutlich unterschätzt wird.

Eine Überraschung in letzter Minute, auf die sich kaum mehr reagieren lässt, war nie ausgeschlossen. In Clintons Wahlkampfteam galt die Sorge insbesondere weiteren Wikileaks-Enthüllungen, die die Wahlentscheidung Unentschlossener beeinflussen könnten. Alles andere als hilfreich für die Demokratin ist nun aber vor allem die Entscheidung von FBI-Direktor James Comey, bereits eingestellte Ermittlungen im Zusammenhang mit ihren E-Mails wieder aufzunehmen.

In den „swing states“ mit einem hohen Anteil von Wechselwählern liegt Clinton zwar großenteils in Führung, aber nicht überzeugend. In Ohio etwa, wo bei jeder Wahl seit 1964 der künftige Präsident gewann, hat Trump die Nase knapp vorn. Bei Stahlarbeitern etwa und in Industriezweigen, in denen es zu Massenentlassungen kam, stoßen seine Kampfansagen an freien Welthandel und seine ausländerfeindlichen Parolen oft auf ein positives Echo. Aus diesem Grunde zieht Clinton nicht nur selbst mit fieberhaftem Tempo durch Staaten wie Ohio, Florida, North Carolina, Pennsylvania und Wisconsin. Sie bindet auch prominente und vor allem beliebte Fürsprecher ein – von Vizepräsident Joe Biden über Popstars wie Katy Perry bis hin zu First Lady Michelle und schließlich Präsident Barack Obama selbst. Sie werden in den „Swing Staaten“ bis zum Wahltag für Clinton werben.

Zur Kampagne Trumps gehörte stattdessen die feierliche Eröffnung seines neuen Hotels wenige Blocks vom Weißen Haus entfernt. Auch ließ er mitteilen, dass er sämtliche Großveranstaltungen zum Sammeln von Wahlspenden einstellen würde. Ein Zeichen von Kapitulation? Wohl kaum, denn kurz danach kam die Kehrtwende: „Ich werde wenn notwendig zig Millionen Dollar meines eigenen Geldes ausgeben, um zu gewinnen.“ Peter de Thier

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02.11.2016, 06:00 Uhr

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