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Plötzlich fällt ein Läufer tot um

Spannung und Schmalzbrot bei der Dußlinger TAGBLATT-Gutenachtgeschichte

Das Publikum in der Dußlinger Mediothek hätte am Ende sicher gerne gewusst, wie es weiter ging mit dem Toten in Tübingen und der Pfarrfrau in Weiden. Vor, nach und zwischen den beiden Leserunden amüsierte TAGBLATT-Mitarbeiter Jürgen Jonas aus Nehren mit seinen absichtlich leicht abseitigen Anmerkungen. Ulrich Letzgus spielte kleine sanfte Stücke auf dem Akkordeon.

15.08.2014
  • Susanne Mutschler

Dußlingen. Während Jürgen Jonas noch über berühmte Leute sinnierte, die zum Lesedatum passend geboren oder gestorben waren, machte sich Lukas Müller, mit 23 Jahren Dußlingens jüngster und auf zwei Beinen wahrscheinlich schnellster Gemeinderat, innerlich schon bereit für sein Einsinken in den Lesesessel, dem „spirituellen Kraftzentrum des Landkreises“. So stellte der Nehrener Moderator die von vielen Vorlesern tiefgesessene Sitzgelegenheit vor.

Kreischend sprang die Joggerin ins Gehölz

Am 13. August 1802 wurde der „melancholische Weltschmerzdichter“ Nikolaus Lenau geboren. Einmal müsse er auf einer Kutschfahrt nach Balingen auch durch Dußlingen gekommen sein, wusste Jonas von einem nach dieser Reise entstandenen Gedicht. 69 Jahre später kam zum selben Datum Karl Liebknecht, „der als einziger gegen die Kriegskredite stimmte“, zur Welt. Der Sozialdemokrat August Bebel, der mit seinem Freund Christoph Blumhardt oft über die Ewigkeit diskutierte, starb am 13. August 1913. „Jetzt wird der August Augen machen“, habe der Pfarrer aus Bad Boll damals gesagt. Auch der kubanische Präsident Fidel Castro wurde am 13. August 1927 geboren. Mit dem Letzteren teile er seine Vorliebe für weitschweifige Reden, kündigte Jonas seinen erwartungsvollen Zuhörern an.

Weil aber die TAGBLATT-Sommerlesung keinen anderen Zweck habe als „die Erheiterung der Menschen in diesen vermaledeiten Zeiten“, begnügte er sich mit nur wenigen Überlegungen über seine in Ofterdingen verlorene Mütze, das Feuerwehrjubiläum in Nehren, den Vogelscheuchenwettbewerb in Dußlingen, die Schmalzbrote des Albvereins und über die Qualen, die ein „auf die Grußwortgaleere geschmiedeter“ Lokalreporter bei vielen Veranstaltungen zu erdulden hat.

Lukas Müller, selbst rennbegeistert, hatte Texte vom Laufen ausgesucht. In der Kolumne „Laufende Gedanken“, die regelmäßig in der Zeitschrift „Runner’s World“ erscheint, erzählt der einstige Olympiasieger Dieter Baumann aus Tübingen, wie er einmal eine andere Läuferin kurz hinter der Wurmlinger Kapelle beim Überholen dermaßen erschreckte, dass sie kreischend ins Gehölz sprang. Auch an der Lesekostprobe aus Werner Bauknechts Kriminalroman „Totgelaufen“ faszinierte das Publikum vor allem das Lokalkolorit. „Man kann sich das richtig vorstellen“, sagte eine Zuhörerin. Beim Stadtlauf in Tübingen fällt ein Läufer in der Neckargasse tot um. Der Schuss kam von der Treppe, die zu den Verbindungshäusern auf den Österberg hinaufführt. Davon, wie die Tübinger Kommissare den Fall lösen, verriet Müller nur so viel: Am Ende besuchen sie gemeinsam eine Kabarettveranstaltung von Dieter Baumann.

Sie mussten baden, obwohl nicht Samstag war

„Die Memoiren einer unvollkommenen Pfarrfrau“, wie der 1972 erschienene Roman „Pfarrers Kinder, Müllers Vieh“ von Amei-Angelika Müller im Untertitel heißt, hat in vielen Auflagen bereits ganze Generationen von Lesern belustigt. Elke Schwarz, die bei ihren vier Kindern Vorleseerfahrung gesammelt hat, fand sich gut in den humorvoll bedächtigen Rhythmus ein, in dem sich Müller an die widrigen Bedingungen im Pfarrhaus in Weiden bei Rottenburg erinnert. Als Städterin kommt sie mit den Anforderungen des Landlebens nur schwer zurecht. Als die Birnen reif sind, heißt es im Flecken: „Jeder rechte Pfarrer hat sein Fässle“. Doch das Mosten wird dem jungen Paar zum Fiasko. Der Ofen in der Waschküche qualmt und rußt, der Most läuft aus, alles klebt, und sie „müssen baden, obwohl nicht Samstag war“. Auch die romantische Gartenparty mit den Pfarrkollegen geht gründlich schief, die Wespen sirren, die Hühner stinken und die Bänke kippen. „Gell, Herr Pfarrer, jetzt sollt‘ man fluchen können“, sagen die Weidener freundlich, wenn sie ihren Geistlichen in seinem verwilderten Garten wüten sehen. Mit den Hühnern aus der Nachbarschaft verbindet die Pfarrersleute eine enge Feindschaft. Nicht einmal ein neuer Zaun und ein Drahtgitter hält sie aus ihrem Garten fern. „Von da an flogen die Hühner über den Zaun“, schloss Eva Schwarz unter Applaus ihr Buch.

Spannung und Schmalzbrot bei der Dußlinger TAGBLATT-Gutenachtgeschichte
Lukas Müller ist wahrscheinlich der beste Läufer im Dußlinger Gemeinderat – er las Dieter Baumann. Bild: Franke

Spannung und Schmalzbrot bei der Dußlinger TAGBLATT-Gutenachtgeschichte

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15.08.2014, 12:00 Uhr

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