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„Spaß bringt das Gewinnen“
Für den Hoffenheimer Bundesliga-Trainer Julian Nagelsmann ist Spaß an der Arbeit ein entscheidender Faktor für Erfolg. Foto: Eibner
Interview: Julian Nagelsmann

„Spaß bringt das Gewinnen“

Wie geht der jüngste Bundesliga-Trainer mit seinem Alter um? Gibt es das perfekte Fußball-Spiel? Julian Nagelsmann im Interview.

06.10.2016
  • THOMAS GOTTHARDT

Julian Nagelsmann, der jüngste Trainer der Bundesliga-Geschichte. Der 29-Jährige ist selbstbewusst und Team-orientiert. In Hoffenheim herrscht ein anderer Ton. Spaß an der Arbeit steht dem Erfolg nicht im Wege.

Zuletzt zwei Siege, davor vier Unentschieden, keine Niederlage – das ist die Bilanz nach sechs Spieltagen. Gut, in Ordnung oder weder Fisch noch Fleisch?

Jetzt noch ungeschlagen zu sein, ist nicht schlecht. Wir hätten natürlich auch gerne eines der ersten vier Spiele gewonnen, da haben wir noch zu viele Fehler gemacht. Dann hätten wir zwei Punkte mehr und wären total im Soll.

Nach der Länderspielpause kommt der SC Freiburg nach Hoffenheim. Was erwarten Sie?

Das wird vielleicht die schwerste Partie bis jetzt. Die Freiburger sind extrem aggressiv, marschieren viel, und der Trainer treibt sie ständig an. Das wird ein Kampfspiel, in dem wir versuchen müssen, uns fußballerisch durchzusetzen. Beide Klubs haben im Ansatz die Philosophie, bei gegnerischem Ballbesitz aggressiv zu spielen, dann bedarf es immer des einen oder anderen Meters mehr.

Der Trainer einer Bundesliga-Mannschaft sollte ein bisschen was von Fußball verstehen, aber auch von Psychologie. Ist ein Faktor wichtiger als der andere?

Auf Bundesliga-Niveau ist Psychologie aus meiner Sicht einen Tick wichtiger. Natürlich brauchst du Fachwissen und einen Plan. Ich glaube aber, dass der Umgang mit Menschen, die in einer großen Gruppe trainieren und ein gemeinsames Ziel verfolgen, ein wichtigerer Faktor ist als der rein inhaltliche. Es gibt immer Störungen, die du als Trainer gut abfangen musst. Wenn du da den Faden verlierst in der Teamführung, dann hast du deutlich mehr Probleme als wenn du taktisch zwei, drei schlechte Spiele machst und verlierst.

War das auch so, als Sie in der vergangenen Saison die TSG Hoffenheim am 21. Bundesliga-Spieltag mit fünf Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz von Huub Stevens übernommen und gerettet haben? Also mehr Psychologe denn Fußball-Lehrer?

Da ging es zunächst auch mehr um Psychologie, darum, dass die Spieler die Köpfe freibekommen. Aber dann ging es überwiegend um Inhalte, die halfen, besser Fußball zu spielen. Die schnellen Erfolgserlebnisse haben schnell zu einer anderen psychologischen Verfassung der Spieler geführt – und zwar ohne in den Klettergarten zu gehen.

Man braucht doch unglaublich viel Selbstbewusstsein, um in so einer Situation, zumal als jüngster Bundesliga-Trainer überhaupt, so einen Job zu übernehmen. Woher hatten Sie das mit 28 Jahren?

Das ist schwer zu beantworten. Ich habe in der U 19 bei der TSG einen ganz erfolgreichen Job gemacht. Da entsteht schon die Überzeugung, dass man ein bisschen was kann und Ahnung hat von Fußball. Dann brauchst du aber in bestimmten Momenten das Spielglück auf deiner Seite.

Sie wurden in dieser Zeit häufig als „Babyface“ oder Baby-Mourinho bezeichnet. Hat Sie das damals geärgert?

In den Medien spielt das Alter immer noch eine Rolle, in der Mannschaft nicht. Die Bezeichnungen haben mich auch nicht gestört. Ich fand es eher amüsant. Und Babyface? Ich habe keinen übermäßigen Bartwuchs. Das stimmt. Aber ich gehe auch nicht jeden Abend ins Bett und sage: Schenk mir mehr Bart oder ein älteres Gesicht.

Der Begriff „Vertrauensvorschuss“ zieht sich durch ihre Karriere. Ob als Assistent von Jugendtrainer Thomas Tuchel in Augsburg nach ihrem verletzungsbedingten Ende als Spieler, als U-17-Trainer beim TSV 1860 München oder eben auch in Hoffenheim. War das Glück oder der Lohn großen Engagements?

In allererster Linie brauchst du in bestimmten Phasen Leute, die dir vertrauen. Da geht es aber nicht darum, dass die sagen: Och, das ist ein netter Kerl, sondern dass die was in dir sehen. Vertrauen kommt auch von Zutrauen, jemandem zutrauen, eine Aufgabe zu bewältigen. Wenn ich in jungen Jahren in diesem Job weniger richtig gemacht hätte oder alles falsch, dann hätte irgendwann keiner mehr das Zutrauen und damit das Vertrauen in mich gehabt.

Ist die Arbeit auf dem Platz mit einer U-19-Mannschaft oder mit Bundesliga-Profis verschieden?

Es gibt rein inhaltlich wenig Unterschiede. Allerdings sagt man auch: Jugendfußball ist ein „Coaches game“, der Profifußball ist ein „Players game“. Im Profibereich stehen die Spieler mehr im Fokus, sie müssen Dinge selbständig entscheiden. Im Jugendbereich kannst du als Trainer noch viel stärker in alle Richtungen auf die Mannschaft einwirken.

Holger Bachthaler, der bis vor Kurzem Trainer des Regionalligisten FV Illertissen war und mit dem Sie zusammen die Ausbildung zum Fußball-Lehrer gemacht haben, hat Sie als jemanden beschrieben, dem man den Spaß mit dem Fußball förmlich ansieht. Ist Spaß und Lockerheit Ihr Erfolgsrezept und haben Sie Angst, dass sich das irgendwann verflüchtigt?

Den Spaß bringt meistens das Gewinnen. Ich lege tatsächlich viel Wert darauf, dass die Spieler mit Lust und Freude auf dem Platz stehen, weil das eine andere Lerngrundlage ist und weil du als Spieler dann eher bereit bist Dinge zu tun, die nicht so angenehm sind. Natürlich gibt es auch Phasen, in denen es weniger gut läuft, in denen du nicht ständig mit einem Lachen rumläufst. Das verflüchtigt sich auch nicht. Wenn du nicht glücklich in deinem Job bist, dann machst du keine gute Performance. Das ist doch überall so.

Wie soll die TSG spielen und wie weit ist das Team noch von Ihrer Ideal-Vorstellung entfernt?

In einer Mannschaft mit knapp 30 Menschen kannst du nie sagen, jetzt haben wir ein Optimum erreicht. Es gibt wellenförmige Entwicklungen nach oben, leider auch nach unten. Ich habe mich gelöst davon, in einem Spiel mit so vielen Spielern auf dem Feld und vielen Zufallsparametern ein perfektes Spiel zu erwarten.

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06.10.2016, 06:00 Uhr

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