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Über den Wolken . . .

Spatzennest-Kinder hoben mit Olgair ab

Das ist ja abgehoben: Kinder zwischen fünf und elf Jahren klauen die Kronjuwelen der Queen und finden Turbokapitalismus doof. Sie wollen nämlich verhindern, dass ihre Airline verkauft wird. Was dabei alles geschah, dokumentierte gestern nicht nur TAGBLATT-Fotograf Klaus Franke, sondern auch Daniel Lede Abal, der für die Grünen im Landtag und gerade auf Tour im Landkreis ist.

01.08.2012
  • Gabi Schweizer

Mössingen. Nicht einmal über den Wolken ist die Freiheit grenzenlos. Das bezieht sich ganz und gar nicht auf Betreuer Marc Bezner, der sich am Dienstagmorgen an den Marterpfahl gefesselt und von höchst vergnügten Kindern umtanzt fand. Denn Marc Bezner geriet ja in diese missliche Lage, noch ehe das Flugzeug abgehoben hatte. Viel schlimmer: Die Linie Olgair ist vom Aufkauf durch einen gewissen Herrn Futter bedroht.

Das darf nicht passieren – dafür würden die Spatzennest-Kinder fast alles tun. Die Kronjuwelen der Queen stehlen und dafür einen Meisterdieb aus dem Tower befreien? Kein Problem. Die Mona Lisa aus dem Louvre klauen und durch eine Kopie ersetzen? Nichts leichter als das. Durch Europa tourten die kleinen Passagiere, 138 an der Zahl, am Montag. Gestern Morgen bereiteten sie sich auf einen Südamerika-Trip vor.

Wenn das mal keine guten Motive waren: „Jugend im Fokus – Politiker fotografieren Freizeiten“ heißt die Kampagne, die der Landesjugendring in den Sommerferien anbietet. Die besten Bilder werden von einer Jugend-Jury prämiert und im Oktober im Landtag ausgestellt. Der Grünen-Landtagsabgeordnete Daniel Lede Abal bezeichnet sich selbst als jemanden, der gern, aber nicht gut fotografiert.

Mit einer kleinen Taschenkamera sammelte er Bilder und Eindrücke. Drei verschiedene Kategorien gibt es für den Wettbewerb: Einmal steht das Ehrenamt im Fokus (ohne freiwillige Helfer käme kein Spatzennest zustande); zweitens das Lernen (wer in 80 Stunden um die Welt jettet, spart sich fast schon den Erdkunde-Unterricht); drittens der Spaß: Da wurden gestern Trommeln gebastelt und Plakate gezeichnet, Kunstwerke aus Fundholz gebunden und Regenmacher hergestellt.

Was die Kinder sehr lieben: einfach im Wald spielen, die Natur entdecken und möglicherweise neue Freunde finden. Betreuer Sebastian Weber hatte kaum Zeit, die drei Grundregeln zu formulieren, ehe die Kleinen losstromerten: „Keine Pilze essen, keine Scherben sammeln, immer in Dreiergruppen.“

Zur selben Zeit bemalten Dominik (5), Emmy (9), Verena (11) und Lara (12) Pappteller, verwandelten sie mit viel Farbe in Totems, Raubkatzen, Federgebilde. Für die Aufführung am Donnerstagabend sind sie bestimmt, erklärt Verena – dann kommen traditionell die Eltern, wer mag, darf auf der Olgahöhe übernachten. Normalerweise werden die Kinder nur tagsüber betreut. Manchen, so weiß der Jugendforums-Vorsitzende Thomas Kittel aus Erfahrung, gefällt es so gut, dass sie zwei Wochen bleiben.

Gut möglich also, dass sich zu den 110 Anmeldungen für die zweite Woche weitere gesellen. Und sonst? Bisher alles gut gelaufen. Sogar der Aufbau: „Wir werden immer besser.“ Der Knackpunkt ist das U&D-Festival, bei dem ein Teil des Materials verwendet wurde, das am Sonntag in Windeseile auf die Olgahöhe umziehen musste. Wie übrigens manche Helfer, die erst das Musikevent mitorganisierten und nun im Spatzennest Kinder betreuen.

Auf Olgair können auch jene Ferien machen, deren Eltern kein Geld für einen Urlaub in fernen Ländern haben. Allerdings müssen sie sich selbst um Geld aus dem Teilhabe-Paket kümmern – bei der Jugendhilfe des Landkreises. Das Spatzennest bekommt zwar Geld vom Land, um einzelne kleinere Fördertöpfe könne er sich aber nicht kümmern, sagt Thomas Kittel: „Das schaff’ ich als Ehrenämtler nicht.“ Lede Abal kennt das Problem: „Ich merke an allen Ecken und Enden, dass die Förderproblematik der Stolperstein für Ehrenämtler ist.“

Wer hat schon einen Nerv für Zahlen, wenn es in 80 Stunden um die Welt gehen soll? Diesen Teil – kein Zweifel – wird Olgair schaffen.

Spatzennest-Kinder hoben mit Olgair ab
Warum musste Marc Bezner an den Marterpfahl? „Das ist jedes Jahr so“, heißt es. Besorgten Leser(inne)n sei versichert, dass der junge Mann nach der Mund-zu-Behandlung zunächst mit Melone erfrischt und dann freigelassen wurde. Um anschließend, mit 138 Spatzennest-Kindern und zahlreichen Betreuer(inne)n, abzuheben Richtung Südamerika. Die Fluglinie „Olgair“ befördert die abenteuerlustige Reisegesellschaft in 80 Stunden um die Welt. Gestern war für kurze Zeit auch ein Passagier an Bord, der im echten Leben das Teilauto bevorzugt: der grüne Landtagsabgeordnete Daniel Lede Abal (links neben dem Gefesselten und offenbar wenig mitleidig). Bild: Franke

Der Landesjugendring wird in diesem Jahr 60 – der Fotowettbewerb ist Teil des Jubiläumsprogramms und ein charmantes Mittel, um möglichst viele Politiker in die Freizeiten zu locken. Der Landesjugendring schätzt, dass jedes Jahr 175 000 Kinder und Jugendliche die rund 5000 Freizeiten und Zeltlager im Land besuchen, die Jugendverbände und Jugendringe anbieten (beim Mössinger Spatzennest ist das Jugendforum Oberes Steinlachtal der Veranstalter). „Sie werden“, so teilt der Landesjugendring mit, „von 15 000 zumeist ehrenamtlich tätigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen betreut.“ Ohne diese wäre vieles gar nicht möglich.

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01.08.2012, 12:00 Uhr

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