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Kommentar

Sperrmüll im Überfluss

In unserer Straße war kürzlich wieder Sperrmüll. Am Vorabend glich unsere Straße mit den vielen großen Häusern und Gärten eher einem Freizeit-Parcour, auf dem mit ausrangierten Bällen gekickt wird, wo viel gelacht und fachmännisch begutachtet wird. Unter den Sachen, die dort von den Bewohnern an den Straßenrand zur Abholung bereitgestellt waren, konnte man so manches Schnäppchen machen: die kitschige Kristallvase von den Großeltern, die eigentlich nie Verwendung fand, weil sie so ungeheuer hässlich war, der ausrangierte, sauber geschrubbte Scout-Schulranzen mit Biene Maya-Motiven, das Handarbeitskästchen aus Holz oder der Sessel mit dem verschossenen Bezug.

15.06.2015

Am begehrtesten aber waren unter denen, die da in der Dämmerung mit ihren Autos anfuhren und das Sperrmüllgut systematisch durchforsteten, Gegenstände, die eigentlich nichts im Sperrmüll zu suchen hatten: Elektro-Geräte und Holzmöbel. Wer sich dieser Sachen ohne das aufwändigere Ausfüllen einer Abholkarte entledigen wollte, hatte beste Test-Bedingungen. Den Anfang machte da beispielsweise jemand aus der entfernten Nachbarschaft mit seinem sperrigen, alten Fernseher: Er war innerhalb von 15 Minuten weg.

Auch das zehn Jahre alte Telefon ging flugs in andere Hände über, ebenso das verbeulte Kinderrad. Mag sein, dass da so manche Leute durchfuhren, die das Sperrmüll-Gut weiter verkauften, was nicht erlaubt ist. Aber von einem beängstigenden Belagerungszustand, wie ihn kürzlich Bewohner in Rottenburg-Oberndorf ausgemacht haben wollen, konnte in unserer Straße keine Rede sein. Wer die Dinge gebrauchen kann, soll sie mitnehmen – das hat unsere Studentengeneration auch so gemacht – viele Wohngemeinschaften waren komplett mit Sperrmüll-Mobiliar ausgestattet.

Wenn der Landkreis jetzt den zentralen Sperrmüllabfuhr-Termin einmal im Jahr abschaffen will, ist er damit den von einigen Kommunen so heftig beklagten Sperrmülltourismus noch lange nicht los: Auch wer eine Abholkarte ausfüllt, muss seine Sachen spätestens am Vorabend der Abholung rausstellen. Und das spricht sich schnell herum. Auch aus ökologischen Gründen ist der Vorschlag zu hinterfragen: Die zuständige Entsorgungsfirma muss bei einer Umstellung des Sperrmüllsystems mehrmals die einzelnen Abfuhrbezirke anfahren, nicht nur einmal im Halbjahr. Das kostet Sprit. Spritkosten und mehr Schadstoffe fallen außerdem an, wenn Bürger ihren Abfall selbst beim Abfallzweckverband in Dußlingen abliefern – im Vorjahr waren das 3710 Tonnen.

Mag sein, dass mit manchem Abfall noch Geschäfte gemacht werden. Aber das lässt sich beispielsweise auch bei Warentauschtagen nicht vermeiden. Es zeigt vielmehr, was trotz Abholkarten nicht aufzuhalten ist: den Überfluss vieler Kreisbewohner – und den Mangel anderer.

Christiane Hoyer

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15.06.2015, 12:00 Uhr

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