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Spiel mit dem Feuer
Russische Demonstranten vor der türkischen Botschaft in Moskau: Das Plakat zeigt einen IS-Kämpfer als Marionette des türkischen Präsidenten Erdogan. Foto: dpa
Syrien-Konflikt immer mehr Stellvertreterkrieg zwischen Golfstaaten und dem Westen

Spiel mit dem Feuer

Offiziell ist im Syrienkonflikt die Terrormiliz IS Hauptanggriffsziel russischer Flugzeuge. Doch die bekämpfen alle Gegner des Assad-Regimes. Umgekehrt lässt die Türkei den IS-Kämpfern viel Spielraum.

26.11.2015
  • GERD HÖHLER (MIT DPA)

Russlands Wut lässt nach dem Abschuss des Kampfjets durch die Türkei nicht lange auf sich warten. Mit Steinen attackieren Demonstranten die türkische Botschaft in Moskau und werfen Fensterscheiben ein. Reiseveranstalter stornieren Stunden nach dem Zwischenfall im syrischen Grenzgebiet alle Touren in das beliebte Urlaubsland Türkei, zudem stellen russische Unternehmer ihre Zusammenarbeit mit türkischen Investoren auf den Prüfstand. Russische Fußballclubs annullieren ihre Winterlager in dem warmen Land. Von Vergeltung will Außenminister Sergej Lawrow aber nichts wissen. "Das ist keine Rache - bloß Vorsicht", sagt er.

Mit scharfen Worten geißelt Lawrow die Attacke. Russland habe genügend Informationen, dass der Abschuss geplant gewesen sei, sagt der Außenminister. "Dies war ganz offensichtlich ein Hinterhalt: Sie warteten, beobachteten und haben einen Vorwand gesucht."

Mit dem Abschuss des Suchoi-Kampfflugzeugs stürzt das bereits belastete türkisch-russische Verhältnis in eine Eiszeit. Es gebe vorerst keine militärische Zusammenarbeit mit der Türkei mehr, betont Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu mit Nachdruck. Der Abschuss ist auch ein schwerer Schlag im Ringen um eine internationale Koalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) - kurz vor dem mit Spannung erwarteten Besuch des französischen Präsidenten François Hollande bei Kremlchef Wladimir Putin heute. "Die Türkei hätte ein Herzstück dieser Koalition sein können. Aber das ist schon Geschichte", schreibt die russische Zeitung "Kommersant".

Der Abschuss des russischen Jets durch türkische Kampfflugzeuge zeigt: Syrien wird immer mehr zum Schauplatz eines Stellvertreterkrieges. Geldgeber aus Golfstaaten finanzieren die Terrormiliz IS. Die USA und Frankreich, möglicherweise demnächst auch Großbritannien, fliegen Luftangriffe auf die Dschihadisten. Der Iran steht an der Seite des syrischen Assad-Regimes. Auch Russland stützt Staatschef Baschar al-Assad. Die russische Regierung hat zwar öffentlich den IS zum Hauptfeind erklärt, erst recht nach dem Bombenanschlag auf den russischen Urlauber-Jet über dem Sinai. Aber die Angriffe der russischen Kampfflugzeuge richten sich keineswegs nur gegen die Terrormiliz IS sondern gegen Oppositionsgruppen wie die syrischen Turkmenen nahe der Grenze zur Türkei, wo es am Dienstag zu dem Abschuss kam.

Die Motivation der Türkei in diesem Konflikt ist undurchsichtig. Recep Tayyip Erdogan feierte als türkischer Premierminister noch vor wenigen Jahren den syrischen Despoten Assad als seinen "Bruder". Doch seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs arbeitet Erdogan auf den Sturz Assads hin. Dabei scheint er auch vor zweifelhaften Allianzen nicht zurückzuschrecken. Oppositionspolitiker in Ankara glauben Beweise zu haben, dass der türkische Geheimdienst in den vergangenen Jahren radikale islamistische Rebellen in Syrien mit Waffen und Munition belieferte - möglicherweise auch den IS. Kämpfer der Terrormiliz konnten sich an der Grenze frei bewegen und die Südosttürkei als Rückzugsraum nutzen. Verwundete Dschihadisten wurden in staatlichen türkischen Kliniken verarztet.

Darauf dürfte der russische Präsident Wladimir Putin angespielt haben, als er jetzt anlässlich des Abschusses des russischen Kampfjets sagte, die Türkei habe sich zum "Handlanger von Terroristen" gemacht. Tatsächlich scheint man die Gefahr, die von den Dschihadisten des IS ausgeht, in der Regierung in Ankara lange unterschätzt oder verharmlost zu haben. Erst mit den Selbstmordattentaten, bei denen mutmaßliche IS-Kämpfer in den vergangenen Monaten in der Türkei mehr als 130 Menschen in den Tod rissen, hat offenbar ein Umdenken eingesetzt.

Nun fordert Erdogan die Schaffung einer "von Terroristen gesäuberten" Schutzzone auf der syrischen Seite der Grenze. In diesem etwa 100 Kilometer langen und 40 Kilometer breiten Streifen sollen syrische Bürgerkriegsflüchtlinge versorgt werden, die dann nicht mehr die Grenze zur Türkei überqueren müssten - ein Plan, der angesichts der Flüchtlingskrise auch in der EU Anhänger hat. Erdogan verbindet mit dem Vorschlag allerdings einen Hintergedanken. Wenn er von "Terroristen" spricht, meint er nicht nur den IS sondern auch die syrischen Kurden der Demokratischen Unionspartei (PYD) und ihren militärischen Flügel YPG. Diese Milizen sind sehr erfolgreich im Kampf gegen den IS. Sie streben allerdings eine kurdische Autonomiezone im Norden Syriens an der Grenze zur Türkei an. Dies will die Regierung in Ankara um jeden Preis verhindern. Ein Mittel dazu soll die Schutzzone sein.

Die ohnehin explosive Gemengelage in Syrien ist durch den Abschuss des russischen Jets noch gefährlicher geworden. Ob sich das Flugzeug tatsächlich im türkischen Luftraum befand, ist strittig und letztlich auch nicht entscheidend. Denn solche unbeabsichtigten Luftraumverletzungen kommen bei den sehr schnell fliegenden Kampfjets häufig vor, ohne dass deshalb scharf geschossen wird. Inzwischen scheint beiden Seiten klar zu werden, wie riskant dieses Spiel mit dem Feuer ist. Russland droht der Türkei zwar mit wirtschaftlichen Konsequenzen. Zugleich sind Putin und Erdogan aber um Deeskalation bemüht. Der türkische Präsident spricht von "Dialog" und "Diplomatie", und der russische Botschafter in Paris bringt die Bildung eines "gemeinsamen Generalstabs" mit den USA, Frankreich und der Türkei ins Gespräch, um die Angriffe gegen den IS zu koordinieren. Das klingt zumindest so, als beginne man sich darauf zu besinnen, wer in dem verworrenen Geflecht widerstreitender Interessen des Syrienkonflikts der gemeinsame Feind ist.

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26.11.2015, 08:30 Uhr

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