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Glücksspiel

Spiel ohne Grenzen

Illegale Online-Casinos nutzen das deutsche Regelungs-Chaos seit Jahren für milliardenschwere Geschäfte. Nun schlagen Suchtforscher und Juristen Alarm.

22.03.2018
  • ROLAND MÜLLER

Stuttgart. Die Werbe-Ikone für illegales Glücksspiel ist ein ehemaliger Torwart-Titan. Mit dem Handy steht Oliver Kahn im Stadion-Kabinengang, checkt seine Wette, schwärmt von „100 Euro Neukunden-Bonus“ und einer lukrativen „Cash-Out-Funktion“. Dass die Online-Glücksspiele des Anbieters „Tipico“ gegen deutsche Gesetze verstoßen, erwähnt er nicht.

Bandenwerbung in Stadien, TV-Spots zur besten Sendezeit: Internet-Glücksspiel ist allgegenwärtig. Dabei ist das Gros der Angebote illegal. „Tipico“ sitzt in Malta, zudem hat der Anbieter eine Lizenz, die nur für Schleswig-Holstein gilt. „Eigentlich müssten die Anbieter darauf hinweisen, dass die Werbung sich nur an Kunden in Schleswig-Holstein richtet“, sagt Tilman Becker, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Stuttgart-Hohenheim, der von einem „Schlupfloch“ spricht. Einmal auf den Seiten der Wett-Anbieter angelangt, sind illegale Poker- und Casino-Spiele nur einen Klick entfernt. „Mit den Sportwetten zieht man die Leute an, das Geld wird in den Online-Casinos verdient“, sagt Becker.

Für ihn und andere Forscher, die sich dieser Tage im Südwesten zu einem Symposium treffen, ist das nur ein Beispiel für das deutsche Politik-Chaos beim Thema Glücksspiel. „Die Länder haben versagt“, ist die gemeinsame Mitteilung mehrerer Experten überschrieben. Deutschland sei zum „Paradies für illegale Anbieter“ geworden. Die Wissenschaftler, darunter Juristen und Psychologen, fordern eine Bundesbehörde, die als nationale Aufsicht den Wildwuchs eindämmen soll. Als Vorbild nennen die Experten die Bankenaufsicht Bafin. Eine Reform sei auch geboten, weil die EU das föderale deutsche Klein-Klein äußerst kritisch beäuge.

Fürs Glücksspiel sind in Deutschland die Länder zuständig, die per Staatsvertrag gemeinsame Regeln verabschieden. Doch was bei Spielbanken, Lotterien und Automatenspiel über Jahrzehnte noch leidlich funktioniert haben mag, wirkt im Internet-Zeitalter immer mehr als eine Konstruktion von vorgestern. Es mutet für viele Beobachter absurd an, dass einzelne Bundesländer Lizenzen für global agierende Online-Anbieter vergeben sollen. Außerdem gebe es regelmäßig Querschüsse. „Schleswig-Holstein hebelt de facto das Verbot aus, das in den anderen 15 Bundesländern gilt“, sagt Becker.

Doch auch die Zusammenhänge mit dem EU-Recht sind komplex. So operieren Online-Anbieter auch mit Lizenzen aus Malta oder Gibraltar auf dem deutschen Markt – meist, ohne Steuern zu zahlen. Dem Fiskus entgehen so laut Berechnungen der Forscher jährlich mehr als eine halbe Milliarde Euro. Auch deutsche Firmen drängen in den Markt und basteln sich Konstruktionen über Tochterfirmen mit Lizenzen in Malta, wie Brancheninsider unserer Zeitung berichten.

Hohes Suchtpotenzial

Auch das Suchtpotenzial der Online-Angebote sei enorm, wie der Psychologe Tobias Hayer von der Uni Bremen erläutert. „Die entscheidenden Faktoren sind Verfügbarkeit sowie schnelle Spielformen, bei denen Entscheidungen im Sekundentakt dem Spieler den Kick geben“, sagte Hayer. Beides sei bei Online-Casinos gegeben, die ohne Sperrzeiten 24 Stunden verfügbar seien – auch unterwegs. „Manche Studenten zocken am Handy während meiner Vorlesung“, sagt Hayer.

500 000 Spielsüchtige gibt es laut Schätzungen in Deutschland. Die Klientel wandelt sich: Früher seien 95 Prozent aller Süchtigen in den Beratungsstellen Automatenspieler gewesen – heute sind bereits 20 Prozent Online-Zocker, wie Studien zeigten. Im Vergleich zu anderen Abhängigen hätten Spielsüchtige die höchsten Suizidraten und häufige Privatinsolvenzen, sagt Hayer.

In der Bundespolitik gab es gestern ein geteiltes Echo auf den Vorstoß der Forscher. Die suchtpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Kirsten Kappert-Gonther, sagte: „Ein Machtwort hilft nicht weiter.“ Allerdings habe sich das Komplettverbot von Onlinepoker und anderem Glücksspiel im Internet nicht bewährt. „Gespielt wird trotzdem“, sagte sie. „Sinnvoll wäre eine strenge Regulierung zur Bekämpfung des Schwarzmarkts mit verbindlichen Alterskontrollen und Maßnahmen zum Spielerschutz.“

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, nahm die Länder ins Visier: „Es ist höchste Zeit, dass sich die zuständigen Länder endlich auf eine Novelle des Glücksspielstaatsvertrages einigen, mit der die Grenze zwischen legalem und illegalem Glücksspiel im Internet klar gezogen wird“, forderte sie.

Die FDP setzt sich seit Längeren für eine staatliche Regulierung ein. Wolfgang Kubicki hatte sich im Wahlkampf noch dafür stark gemacht. Bei Umsatz-Steigerungsraten von bis zu 30 Prozent jährlich sei es „ völlig unverständlich, warum der Fiskus auf die Regulierung verzichtet.“

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22.03.2018, 06:00 Uhr

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