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Kulturgeschichte

Sport und Stolz

Die Suche nach Gemeinschaft: „Never Walk Alone“ heißt eine aufschlussreiche Ausstellung im Jüdischen Museum München.

21.04.2017
  • JÜRGEN KANOLD

München. Nicht nur in Liverpool gehört „You'll Never Walk Alone“ zum Liedgut der Fußballfans, auch jetzt in Monaco, im Stade Louis II., stimmten die Anhänger der Dortmunder Borussia vor dem Champions-League-Spiel diese Hymne an, um ihre Gemeinschaft zu beschwören, zu feiern. Es ist ein Lied, das Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II., beide jüdisch-amerikanischer Herkunft, für die letzte Szene ihres 1945 uraufgeführten Broadway-Musicals „Carousel“ geschrieben haben. „Walk on, walk on,/ With hope in your heart“: Louise, die sich von ihrem Vater alleingelassen fühlt, geht unter diesen Klängen mit Hoffnung im Herzen voran, getröstet wie motiviert. Und in den Arenen dieser Welt singen sich die Fans damit Mut an und signalisieren gleichermaßen die Zugehörigkeit zu ihrem Verein.

„Never Walk Alone“, so heißt jetzt, inspiriert von diesem Song, auch eine hoch interessante Ausstellung im Jüdischen Museum in München, die eine Kulturgeschichte des jüdischen Sports erzählt und viele Sportlerbiografien aufs Spielfeld schickt. Was fast wörtlich zu verstehen ist: Die obere Etage zeigt sich als raumfüllender Tisch-Kicker mit Fußballfiguren an stangenartigen Vitrinen.

„Seien Sie sportlich und laufen Sie los!“ Man darf auch Denkarbeit leisten. Die Kapitel heißen fußballerisch „Hackentrick“ oder „Abseitsfalle“. Unter „Rotieren lassen“ wechselt die Ausstellung zum Beispiel mit bitterer Ironie die Schicksale der 1892 und 1894 geborenen Julius und Hermann Baruch ein, die im pfälzischen Bad Kreuznach aufwuchsen. Diese bärenstarken Brüder waren die Helden im Ring- und Stemmclub Germania und im Athletenverein, Julius wurde 1924 Europameister im Gewichtheben, Hermann im Ringen; sie lösten in der Kurstadt wahre Sportbegeisterung aus.

Aber mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 war das alles vorbei, die Juden wurden aus den Vereinen ausgeschlossen, kaltgestellt. Es zählte wie in der Kultur der Ariernachweis, und im Sport punktete sowieso nur noch die Herrenrasse. Schlimmer: Aus Fans wurden Täter, die Nazis ermordeten Hermann Baruch 1942 in Auschwitz; an seinem Bruder Julius, das Idol der Kreuznacher, vergriffen sie sich zunächst nicht, aber 1945 wies ihn der NSDAP-Kreisleiter ins KZ Buchenwald ein, wo er starb. Never walk alone?

„Muskeljuden“, den Begriff prägte der Zionist Max Nordau. Auch Theodor Herzl hatte gefordert, „aus armen Judenjungen“ aufrechte Bürger zu machen; der Sport war ein Mittel zum Zweck. Jüdische, zumeist zionistische Sportvereine hatten in den 1920er Jahren große Konjunktur. Am berühmtesten: Hakoah Wien, der 1925 österreichischer Fußballmeister wurde und auch in anderen Sportarten Sieger stellte.

Warum dieses „Muskelgehabe“?, fragt Michael Brenner in seinem Essay „Sport und Stolz“: „Es war eine Reaktion auf die Antisemiten, die die Juden als verweichlicht und verweiblicht darstellten, als unfähig, körperliche Arbeit zu verrichten.“ Die Liste der jüdischen Nobelpreisträger war lang, „aber um es den Antisemiten zeigen zu wollen, musste man gerade dort auftrumpfen, wo man vermeintlich schlecht war“. Nur dass das Spiel später im Konzentrationslager endete, mit einer tödlichen Niederlage.

Mit viel Zeit und guter Kondition sollte der Besucher in die Ausstellung gehen. Es gibt viel zu sehen, zu lesen. Es ist eine Analyse der „jüdischen Suche“ nach Gemeinschaft im Sport, die viel verrät über das Befinden und das Selbstverständnis der Juden im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Bis in die Gegenwart verläuft der Parcours. Natürlich ist München ein besonderer Schauplatz: Ausgerechnet bei den Olympischen Spielen 1972, die für ein weltoffenes, regenbogenfarben heiteres Deutschland stehen sollten im Gegensatz zur braunen Vergangenheit von Berlin 1936, fielen elf israelische Sportler dem Attentat palästinensischer Terroristen zum Opfer.

Die Schwimmerin Sarah Poewe aber, noch in Kapstadt geboren, war 2004 die erste Sportlerin jüdischer Herkunft nach 1936, die für Deutschland eine olympische Medaille gewann (Bronze in der Lagen-Staffel). Auf der Tafel steht dazu ein schlichter Satz: „In der öffentlichen Wahrnehmung hat ihre jüdische Herkunft keine Bedeutung.“ Wunderbare, hoffnungsvolle Normalität.

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21.04.2017, 06:00 Uhr

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