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Vorstufe zum Glück

Sportphänomene (29): der Tunnelblick

Der Begriff ist eigentlich negativ besetzt: Dem Menschen mit Tunnelblick fehlt der Blick über den Tellerrand, er ist ein Fachidiot. Oder fahruntüchtig. Denn bei mehr als 0,8 Promille Alkohol im Blut schränkt sich das Sichtfeld des Angetrunkenen tunnelartig ein. Der Psychologe therapiert Menschen mit Tunnelblick, die sich in selbstgewählter Abschottung in Aggressivität und Wut verlieren.

04.11.2015
  • Bernhard Schmidt

Psychologische Untersuchungen attestieren Männern den beschränkten Tunnelblick, Frauen dagegen den alles umfassenden Panoramablick. Und auch in der politischen Auseinandersetzung punkten Disputanten regelmäßig mit dem Vorwurf, der politische Gegner kapriziere sich auf ein einziges Thema, blende alles andere aus, sei ideologisch eingeengt und verblendet, ein Kurzsichtiger mit Tunnelblick eben.

Im Sport dagegen ist der Begriff längst nicht so negativ belegt. Zunächst gibt’s die Definition im ursprünglichen Wortsinn. Beim Tübinger Stadtlauf Mitte September beispielsweise verspricht der drei Mal zu durchlaufende Fußgängertunnel nur Gutes: Erholung für die geblendeten Augen, ein leicht abschüssiges Geläuf und die willkommene Kühlung der überhitzten Gelenke und Muskeln.

Doch auch im übertragenen Wortsinn ist der Tunnelblick des Ausdauersportlers mehr als nur Qual und Schmerz. Er verheißt Großartiges: vielleicht eine tolle Aussicht auf der Passhöhe, die Vorfreude auf die Abfahrt, das gute Gefühl, gleich etwas Besonderes geleistet, vielleicht eine persönliche Bestzeit geschafft, die Ziellinie als Sieger überquert zu haben – als Bezwinger der Konkurrenten oder vielleicht auch nur des eigenen Schweinehundes.

Der Tunnelblick sei eigentlich ein guter, erstrebenswerter Zustand, sagt die Tübinger Profi-Triathletin Svenja Bazlen, manchmal aber nur schwer zu erreichen: „Nichts ist schlimmer als ein Wettkampf, in dem man immer leidet.“ Das Drumherum ausblenden, das bringt aber mitunter auch die Olympia-Teilnehmerin von London unter Rechtfertigungsdruck: Die Frage aus dem Freundes- und Unterstützerkreis: „‘Hast du mich denn nicht gehört oder gesehen?‘“ muss Bazlen oft verneinen – und trifft damit auf Unverständnis.

Beim Schwimmen, im harten, meist handgreiflichen Streit um die besten Positionen, spielt der Tunnelblick noch keine Rolle. Eine ganz andere Erfahrung auf dem Rennrad: „Dreieinhalb Stunden Lavawüste rechts und links, da gibt’s nichts Neues mehr zu sehen, da fährt man schon fast von alleine in den Tunnel“, sagt Michael Göhner, ebenfalls Triathlon-Profi und schon mehrfach beim Hawaii-Ironman dabei.

In der finalen Disziplin, auf der Laufstrecke, wird für den Triathleten das Abtauchen in die innere Emigration endgültig zum rettenden Anker. Wenn der Körper nach Stunden im Wasser und auf dem Rad partout nicht mehr will, hilft nur noch die Selbsthypnose, sagt Göhner, Zugpferd der Triathlon-Riege bei der LG Steinlach: „Wenn es ganz hart wird, kann ich die Schmerzen nur noch im Tunnelblick ignorieren und abschalten.“

Klar, am gesündesten ist die Haltung des begrenzt ehrgeizigen Breitensportlers: Wenn’s weh tut, raus aus dem Tunnel, anhalten, viel trinken, Ausblick und Ruhe genießen!

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04.11.2015, 12:00 Uhr

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