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Gefährliche Entwicklung

Sportwissenschaft: Helmut Digels Gedanken und Analysen zum Abschied

Am Mittwoch hat Helmut Digel seine letzte Vorlesung am Tübinger Institut für Sportwissenschaft gehalten. Zehn Jahre lang war er Professor am Institut, das er von 2002 an geleitet hatte. Im TAGBLATT blickt er auf diese Zeit zurück – zehn Jahre, zehn wichtige Punkte.

13.02.2010

Die Zeit als Leiter des Tübinger Instituts: „Ich war mit ausgesprochen widrigen Umständen konfrontiert: finanzielle Kürzungen, Stellenstreichungen, Raummangel, unendliche Diskussionen über die dringend notwendigen baulichen Sanierungen. Ich empfand mich als Verwalter einer Mangelsituation. Manches ist dennoch ganz gut gelungen. Der neu eingerichtete Studiengang Sportpublizistik ist ein ganz wichtiges Projekt, das uns ein Alleinstellungsmerkmal in ganz Süddeutschland gibt. Das Institut hat sich geöffnet für Partner und Sponsoren. Das erschloss neue Finanzquellen, mit denen einige Lücken gestopft werden konnten. Es konnten auch wichtige wissenschaftliche Drittmittelprojekte in Millionenhöhe angeworben und durchgeführt werden.“

Seine Zukunft in Tübingen: „Ich werde mich weiter um meine Doktoranden kümmern und einige Forschungsvorhaben wie etwa die Projekte ‚Wissensmanagement im Hochleistungssport‘ und ‚Integration durch Sport im Kindesalter‘ fortsetzen. Ansonsten werde ich aktiver Pensionär sein.“

Zukunft des Instituts: „Die Entwicklung ist wegen der enormen Stellenstreichungen nicht ideal, wir haben in meiner Zeit sechs volle Stellen verloren. Aber ich glaube, dass das IfS mit den Professoren Ansgar Thiel, Veit Wank und Oliver Höner eine ideale Besetzung aufweist, um auch zukünftig eine Spitzenposition im Universitätsranking zu erreichen, wie es uns 2009 gelang. Die Sportwissenschaft in Tübingen wird vielleicht nicht von allen Fakultäten so anerkannt wie es wünschenswert wäre, aber von der Universität hat sie meist ausreichend Unterstützung bekommen.“

Sport in Tübingen: „Er hat große Probleme, sich weiterzuentwickeln, da er wegen fehlender Wirtschaftskraft nur begrenzte finanzielle Möglichkeiten hat. Das bedarf kreativer Lösungen. Deshalb ist es bemerkenswert, dass in der Region zwei Teams in der Bundesliga spielen. Das spricht für sehr gutes Management. Die politische Anerkennung könnte größer sein, vor allem im Kinder- und Jugendsport. Da bräuchte Tübingen dringend eine weitere Trainingshalle. Auch die Leichtathletik hat sich außerordentlich positiv entwickelt, in der Jugendarbeit ist Tübingen da sogar besser als etwa die Leichtathletik-Hochburg Leverkusen. Aber die Top-Athleten haben Probleme, Anschluss an die Weltspitze zu halten.“

Funktionärskarriere: „Für mich war klar, dass sich die Sportwissenschaft direkt mit der Praxis auseinandersetzen muss – deshalb habe ich immer ehrenamtliche Funktionen im DSB, im NOK und in der Leichtathletik ausgeübt. Das hat dem Institut viel genutzt. Neid-Debatten hinter meinem Rücken habe ich nie Ernst genommen. Ich bin meinen Pflichten als Hochschullehrer über das übliche Soll hinaus nachgekommen. Künftig bleibe ich als Council-Mitglied des Weltverbands für Marketing und Fernsehen verantwortlich.“

Doping: : „Es gibt wohl kaum jemand in Deutschland, der sich mit dem Problem so intensiv und umfassend über mehr als drei Jahrzehnte befasst hat. Mir geht es um den Schutz jener Athleten, die dem Prinzip des Fairplay verpflichtet sind. Ökonomisch sind heute die Betrüger die Gewinner – das gefährdet den Sport. Er verliert immer mehr seine pädagogische Qualität. So lange Manager, Trainer, Ärzte, Wissenschaftler und Funktionäre mit den Betrügern kungeln, ist nicht zu erwarten, das man dem Problem Herr wird.“

Der Fall Dieter Baumann: „Das war ein Einschnitt in meinem Leben. Für mich als DLV-Präsident war er unser wichtigster Athlet, Sprecher des Nationalteams, erklärter Feind des Dopings an meiner Seite. Dass er positiv getestet worden ist, hat mich persönlich sehr getroffen. Er ist ein Mensch, den ich mochte. Der Fall führte zu einer erheblichen Distanz, die bis heute besteht. Der Fall führte auch zum Ende meiner Verantwortlichkeit beim Deutschen Leichtathletik-Verband.“

Zukunft des Hochleistungssports: : „Ich bin da in vielerlei Hinsicht sehr skeptisch, obwohl er noch immer die Massen fasziniert. Aber fortlaufender Betrug, Korruption und Gewalt gehen an die Substanz. Ich kann nicht erkennen, dass die Selbstheilungskräfte stark genug sind – im Gegenteil, ich sehe eine gefährliche Entwicklung. Viele Eltern stellen sich heute die Frage, ob sie ihre Kinder einem Hochleistungssport anvertrauen können, in dem diese von Leuten geführt werden, denen jegliche moralische und ethische Verantwortung fehlt.“

Ethik im Sport: „Diese Frage stellt sich so zentral wie nie zuvor. Wissenschaftlich wird immer umfassender die Optimierung des Menschen erforscht und von vielen Menschen auch angestrebt. Der Hochleistungssport mit seinen Athleten ist dabei ein ideales Erprobungsfeld. Dies gilt vor allem dann, wenn die betrügenden Athleten und deren Dealer mit ihrem Betrug höchste Profite erzielen. Wir haben längst schon die Schwelle zum Gendoping überschritten, der Hochleistungssport definiert sich selbst als grenzenlos.“

Sportpublizistik: „Die Massenmedien spielen für die Entwicklung des Hochleistungssports eine entscheidende Rolle. Leider verkümmern diese Medien immer umfassender im Hinblick auf ihren journalistischen Auftrag. Oberflächliche Unterhaltung wird immer prägnanter. Quote und Masse treten an Stelle der Qualität. Die Akademisierung des Sportjournalismus ist meines Erachtens deshalb zwingend erforderlich. Es müssen unabhängige Journalisten ausgebildet werden, welche sich nicht kaufen lassen und die bereit und fähig sind, hinter die Kulissen zu schauen. Wenn das IfS dies zusammen mit TV-Sendern und Verlegern im eigenen Studiengang umsetzt, kann das nur die höchste Auszeichnung für das Institut sein. Ich habe die Hoffnung, dass das IfS weiterhin die Unterstützung für diesen Studiengang erhält und eine Professur dafür eingerichtet wird.“

Aufgezeichnet von Thomas de Marco Helmut Digel in der Kurz-Biografie

1944 in Aalen geboren. 1966 bis 1970 Studium der Sportwissenschaft, Germanistik und Empirischen Kulturwissenschaft in Tübingen, 1972 bis zur Promotion 1975 wissenschaftlicher Assistent am Tübinger Institut für Sportwissenschaft (IfS). Von 1978 bis 1983 Professor in Tübingen, bevor er nach Darmstadt ging. 1999 kehrte er zurück. 1993 bis 2000 Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands, 1993 bis 2002 Vizepräsident des Nationalen Olympischen Komitees. 2001 bis 2007 Vizepräsident des Leichtathletik-Weltverbands (IAAF), seit 1995 Council-Mitglied der IAAF. 2000 erhielt Digel den „President‘s Price“ des Internationalen Olympischen Komitees.

Sportwissenschaft: Helmut Digels Gedanken und Analysen zum Abschied
Abschied: Helmut Digel bei seiner letzten Vorlesung am Mittwoch. Bild: Metz

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13.02.2010, 12:00 Uhr

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