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Springt Strobl?
Thomas Strobl macht deutlich, dass er die Koalitionsverhandlungen führt. Über seine künftige Pläne lässt er sich aber nichts entlocken. Foto: dpa
Grün-Schwarz: CDU-Bundesvize zögert, ob er als Vize-Ministerpräsident nach Stuttgart soll

Springt Strobl?

In den grün-schwarzen Koalitionsgesprächen führt bei der CDU Landeschef Thomas Strobl das Wort. Wird der Bundespolitiker der erste Vize-Regierungschef der CDU unter einem grünen Ministerpräsidenten?

02.04.2016
  • GUNTHER HARTWIG ROLAND MUSCHEL

Neulich in einem Weinlokal im Berliner Regierungsviertel. Thomas Strobl hat eine bunte Schar Hauptstadtkorrespondenten zur "Brezel"-Runde um sich versammelt, die regelmäßig mit dem Unions-Bundestagsfraktionsvize bei Laugengebäck und Eintopf über Politik reden. Plötzlich blickt Strobl, 56, aufs Display seines Handys, springt auf und entschuldigt sich. Im Hinausgehen sagt er, deutlich hörbar für seine Gäste: "Ja, Angela. . ."

Nun weiß inzwischen jeder in Berlin, dass sich Strobl mit Kanzlerin Angela Merkel duzt und als Stellvertreter der CDU-Bundesvorsitzenden regelmäßig ihr Ohr hat. Aber natürlich macht es sich gut, immer mal wieder zu demonstrieren, wie eng gerade in diesen für die Union und deren Frontfrau nicht einfachen Zeiten das Verhältnis des baden-württembergischen Landesvorsitzenden zur obersten Chefin ist.

Dieser Tage zeigt sich Strobl auch gerne an der Seite von Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann. Am Freitag nach der erste Runde der Koalitionsverhandlungen wie zuvor nach den Sondierungen stellt er sich mit dem Grünen-Vormann vor die Kameras, unterhält sich nach den Pressestatements noch augenfällig mit ihm. Die Botschaft, die die Bilder aussenden sollen, ist offensichtlich: Seht her, wer der Wortführer der CDU in diesen Verhandlungen ist.

Strobl ist gefragt, in Berlin wie in Stuttgart. Das ehrt ihn, es ist aber auch sein Dilemma. Denn in den nächsten Wochen, wenn nicht Tagen, muss er sich entscheiden: Für die sichere Zukunft in Berlin, mit der Aussicht, irgendwann ein Ministeramt im Bund zu übernehmen. Oder für das Abenteuer Vize-Regierungschef in Stuttgart in einer grün-geführten Regierung, mit der Perspektive, 2021 fürs erste Amt in seinem Heimatland zu kandidieren.

"Ich hielte es für verantwortungsbewusst und schlüssig, wenn sich Thomas Strobl für das Amt des Vize-Regierungschefs zur Verfügung stellen würde", umwirbt der Landtagsabgeordnete und Ex-Minister Willi Stächele den Parteifreund. Andere drängen Strobl intern, in Stuttgart zu helfen. Der frühere Ministerpräsident und jetzige EU-Kommissar Günther Oettinger gehört dazu, Abgeordnete, Kreischefs. Doch Strobl hält sich maximal bedeckt. Öffentlich zitiert er Ex-Regierungschef Erwin Teufel: Dass erst das Land, dann die Partei und zum Schluss die Person komme. Doch selbst enge politische Weggefährten rätseln, was Strobl will: "Du kannst mit dem Thomas frühstücken oder abends ein Bier trinken - er lässt in dieser Frage einfach nichts raus."

Vielleicht agiert er taktisch. Nachdem ihm die Basis die Spitzenkandidatur versagt habe, dürfe Strobl nicht den Eindruck erwecken, er greife nun schnellstmöglich nach dem Vize-MP-Posten, sagt ein Vertrauter. Andere mahnen rasch einen Fingerzeig an. "Wir müssen wissen, ob er springt. Davon hängt auch ab, ob wir für ihn ein starkes Innenressort heraushandeln - oder ob wir für einen anderen etwas zimmern müssen", sagt ein Mitglied der CDU-Verhandlungsdelegation.

Wahrscheinlich aber weiß Strobl selbst noch nicht, was er will. Es ist auch keine einfache Entscheidung, bei dieser Vorgeschichte. Hatte die CDU-Basis doch Guido Wolf zum Spitzenkandidaten gekürt und nicht ihn, obwohl er seinem Landesverband so manchen Dienst erwiesen hatte. Etwa als er nach dem Machtverlust 2011 vom Verlierer Stefan Mappus den Landesvorsitz übernommen und die Partei auf Reformkurs gebracht hat. Und jetzt gibt er der CDU in noch schwererer Stunde wieder Halt. So sehen es jedenfalls seine Anhänger. Kritiker sagen, Strobl sei bei den Wahlpleiten 2011 und 2016 in führender Funktion und damit mitverantwortlich gewesen. Zudem hätten die Ämter auf Landesebene, erst Generalsekretär, dann Parteichef, immer auch seine Karriere im Bund befördert.

Dort hat Strobl an Statur und Gewicht zugelegt. Aus dem Hallodri der frühen Jahre ist ein wichtiger Akteur in seiner Fraktion und der schwarz-roten Koalition geworden. Als einer der Stellvertreter von Fraktionsvorsteher Volker Kauder ist der Rechtsanwalt aus Heilbronn für die Justiz- und Innenpolitik der Union zuständig und führt die mit 43 Abgeordneten aus Baden-Württemberg größte CDU-Landesgruppe.

Strobl bemüht sich gar nicht erst, seine Bedeutung zu verbrämen. Er steht elektronischen Medien zur Verfügung und scheut auch knackige O-Töne nicht - wie im letzten Sommer an die Adresse Athens: "Der Grieche hat jetzt lang genug genervt." Er hat sich unterdessen einen Namen gemacht, der über das alte Etikett "Schäuble-Schwiegersohn" hinausgeht.

Auch in der Landesgruppe wird über Strobls Pläne spekuliert. Als starker CDU-Mann in einem grün-schwarzen Kabinett könnte er mit dem Segen Merkels seinen gedemütigten Landesverband wieder nach vorn bringen. Ein wenig fühlt sich die Kanzlerin für den Niedergang vielleicht sogar mitverantwortlich, weil sie vor Jahren den Wechsel von Oettinger zu Mappus befeuert hat. Nun könnte Merkel ihren Parteivize mit der Mission nach Stuttgart schicken, Kretschmann Paroli zu bieten, was sie Wolf nicht zutraut.

Freilich gibt es unter den Berliner Abgeordneten aus dem Ländle auch Stimmen, die Strobls Umzug an den Neckar bezweifeln. "Der Thomas", sagt einer, "hat doch im Bund gute Perspektiven." Nach der Bundestagswahl 2017 könnte ihm ein Kabinettsposten winken - oder die Nachfolge Kauders an der Fraktionsspitze? Gegen einen Aufstieg spricht allerdings, dass Wolfgang Schäuble keine Anstalten macht, aus dem Kabinett auszuscheiden, und ein weiterer Minister aus Baden-Württemberg gegen andere große Landesverbände (Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen) schwerlich durchzusetzen wäre.

Dass er als Minister in Stuttgart 500 Euro pro Monat weniger verdienen würde als im Amt des Fraktionsvize im Bund, dürfte nicht entscheidend sein. Wohl aber die Frage, ob er als Vize-Regierungschef den Rückhalt der CDU-Landtagsfraktion hätte, die, zumindest bisher, von seinem Widersacher Wolf angeführt wird und die das Kabinett im Landtag bestätigen muss. Ein größer gewordener Teil der Abgeordneten setzt auf Strobl, ein gewichtiger Teil täte sich damit sehr schwer. Das Problem seiner Gegner ist, dass sie keine wirkliche Alternative präsentieren können. Die Zahl derer, die Wolf noch als CDU-Aushängeschild in der Regierung wünschen, ist doch sehr übersichtlich geworden. Letztlich dürfte Strobls Entscheidung von den Rückmeldungen aus der Fraktion abhängen - und seiner Einschätzung, ob sich das Risiko lohnt, das Mandat in Berlin für das Abenteuer in Stuttgart aufzugeben.

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02.04.2016, 06:00 Uhr

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