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Oligarchen-Nachwuchs lebt gefährlich

Sprösslinge reicher Russen sind Entführungsziele

Viele reiche Russen schicken ihre Kinder ins Ausland. Aus Angst. Denn in der Heimat leben sie in der Gefahr, entführt zu werden. Jüngstes Beispiel: Iwan Kaspersky, der Sohn des Software-Entwicklers.

03.05.2011
  • SWP

Moskau Brutal stoßen die Entführer den 20-jährigen Iwan Kaspersky in ein Auto, zerren ihm eine Wollmütze über den Kopf und rasen davon. In ihrem Versteck nahe Moskau sperren sie ihn in die Banja ein und zwingen ihn, seinen Vater Eugene Kaspersky anzurufen. Der berühmte Software-Entwickler besitzt Schätzungen zufolge 550 Millionen Euro. Drei Millionen Euro verlangen die Entführer als Lösegeld. Nach sechs Tagen Geiselhaft befreien Zielfahnder des Geheimdienstes FSB den jungen Mann.

Die Nachkommen von Oligarchen schweben ständig in Gefahr. Ihre Eltern wollen ihnen nicht zumuten, wie sie selbst nur schwer geschützt auszugehen. "Reiche Leute sollten ihre Kinder ins Ausland bringen", rät der Kriminologe Michail Winogradow. Dort seien die Jugendlichen besser geschützt.

Denn in Russland sind Entführungen keine Seltenheit. Der 19-jährige Sohn eines Öl-Managers war 2009 für zwei Monate in der Hand von Entführern, bevor er unverletzt befreit wurde. Die mittlerweile gefassten Täter hatten angeblich 50 Millionen Euro verlangt. Oft gehen die Kidnapper mit menschenverachtender Gewalt vor.

Rund 700 Menschen sind in Russland im vergangenen Jahr verschleppt worden, darunter 200 Kinder. Damit liege das größte Flächenland der Erde auf einem Niveau mit dem für brutale Kidnappings berüchtigten Brasilien, sagt der Rechtsanwalt Igor Trunow.

Auch in Russland treiben Armut und Arbeitslosigkeit viele Menschen in die Kriminalität. Im Fall Kaspersky hatten die Entführer - ein älteres Ehepaar und sein Sohn sowie zwei Freunde - hohe Schulden, wollten mit dem Lösegeld Kredite tilgen.

Die Sicherheitsvorkehrungen des Geldadels sind immens. Mauern und Stacheldraht schirmen die Villen ab, private Wachtrupps patrouillieren. Die Familienmitglieder nutzen gepanzerte Limousinen mit kugelsicherem Glas. Meistens dabei: bewaffnete Leibwächter. Die Kinder des Milliardärs Wladimir Potanin sind selbst beim Ski-Kurs im französischen Courchevel von muskulösen Bodyguards begleitet worden.

Oligarchen oder Prominente lassen ihre Sprösslinge oft nicht einmal zum Schulbesuch aus dem Haus, sondern engagieren stattdessen Hauslehrer. Viele schicken ihre Kinder lieber gleich auf teure Privatinternate im Ausland.

Jelena Baturina, Bauunternehmerin, die reichste Frau Russlands und Ehefrau des Moskauer Ex-Bürgermeisters Juri Luschkow, hat sogar selbst eine Schule gegründet - aus Angst um ihre Töchter. Rings herum sind hohe Mauern, Kameras überwachen das gesamte Gelände. Eltern dürfen nur gegen Vorlage eines Ausweises hinein. Mittlerweile hat aber auch Baturina ihre Kinder nach London gebracht.

Um Iwan Kasperskys Sicherheit hingegen hatte sich offenbar niemand gekümmert. Der Student gab im sozialen Netzwerk WKontaktje - dem russischen Facebook - freimütig Adresse, Handynummer und Arbeitsplatz an.

Auto fuhr er nicht, sondern nutzte in der Millionenmetropole Moskau Metro und Minibus. Ein Leibwächter war nie dabei. Für seine Entführer war es ein Leichtes, Iwan ausfindig zu machen und ihm aufzulauern.

"Die Familie Kaspersky hat äußerst viel Glück gehabt", sagte ein namentlich nicht genannter Polizeibeamter der Moskauer Zeitung "Kommersant". "Sie wurde ein Opfer von Amateuren, nicht von professionellen Verbrechern."

Doch ein glückliches Ende ist äußerst selten. Und immer wieder werden neue Fälle publik. Seit mehr als einem Monat wird die 16-jährige Viktoria Tesljuk vermisst, die Tochter eines hochrangigen Managers beim Ölkonzern Lukoil. Die Polizei ermittelt wegen Mordes. dpa

Sprösslinge reicher Russen sind Entführungsziele
Ließ seinen Sohn ohne jegliche Sicherheit durch Moskau fahren: Eugene Kaspersky. Foto: afp

Sprösslinge reicher Russen sind Entführungsziele
Ließ eine Hochsicherheitsschule für ihre Kinder bauen: die Moskauer Bauunternehmerin Jelena Baturina. Foto: dpa

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03.05.2011, 12:00 Uhr

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