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Die Tübinger Graffiti-Szene kann sich nun austoben

Sprühen und Übersprühen

Neun „Styles“ und ein „Character“ schmücken seit Samstag die Rückwand des Toyota-Autohauses in der Hechinger Straße. Sie ist die erste von elf Flächen, die in den nächsten Monaten organisiert besprüht werden.

29.05.2012
  • Jörg Schäfer

Tübingen. Lösemittelgeruch liegt in der Luft, unzählige Dosen liegen auf dem Boden. Etwa 15 Jugendliche und junge Männer sitzen und stehen auf dem Radweg an der Steinlach in Derendingen. „Hey, findet ihr, das sieht cool aus?“, fragt einer der Sprayer, als er sein Werk betrachtet.

Etwa 16 bis 22 Jahre sind die anwesenden Künstler alt. Es ist ungefähr ein Drittel der Tübinger Graffiti-Szene, schätzt der Sozialpädagoge Dirk Ridder. Die meisten sprühen „Styles“, das sind Werke aus Buchstaben, die geschwungen, verzerrt oder auf andere Art verändert werden. Eine bestimmte Aussage steckt in den Worten in der Regel nicht, die „Writer“ bilden vielmehr ein Wort aus den Buchstaben, die sie sprühen können. Der einzige „Character“ ist der Pilz in der Mitte der Wand.

Die Initiative für das legale Sprayen war vom Jugendgemeinderat ausgegangen. Dieser hatte ursprünglich 16 Flächen vorgeschlagen, nach Rücksprache mit den Besitzern der Wände und dem Gemeinderat blieben die nun beschlossenen elf Flächen übrig.

Die Stimmung im Gemeinderat war zunächst gespalten. „Wir wollten aber die Entscheidung nicht einfach durchdrücken, sondern alle Fraktionen überzeugen“, beschreibt David Kaupp vom Jugendgemeinderat das Vorgehen. Deswegen haben sie in den Ausschüssen Überzeugungsarbeit geleistet.

Unterstützung fanden die Jugendlichen vor allem bei der Fraktion von AL/Grüne. Aus der Fraktion war Aster Yeman vor Ort. „Wir wollen die Sprayer in ihrer Ausdrucksform unterstützen“, sagte Yeman.

Dirk Ridder vom Jugendhaus Pauline, der die Aktion koordiniert, hofft besonders auf einen Rückgang des illegalen Sprühens. Ridder sprüht ab und zu selbst und hat deswegen einen guten Zugang zur Sprayer-Szene, die am liebsten anonym arbeitet. Am Samstag gab er den etwa zehn einzeln stehenden Werken einen verbindenden Rahmen.

Unter Ridders Koordination werden die Wände in den nächsten Monaten in Tagesaktionen besprüht werden. Die meisten der Flächen gehören der Stadt Tübingen oder den Stadtwerken, die einzige private Wand ist die des Autohauses. Die Wände sind größtenteils bereits mit Graffitis beschmiert, sollen nun aber mit anspruchsvolleren Werken verziert werden. An die Künstler gibt es nur wenige Vorgaben, Obszönitäten aber sind beispielsweise tabu.

Dabei ist allen bewusst, dass die Werke nicht von Dauer sind. „Früher oder später wird es auch wieder übersprüht“, sagt Ridder. Gut gestaltete Wände würden aber zumindest länger respektiert.

„Bei fortgeschrittenen Sprayern entstehen die Werke ohne Skizzen“, erklärt einer der Aktiven, der seinen Namen nicht nennen möchte. Das Übertragen von einem Blatt Papier auf eine Wand sei zudem schwierig. Stattdessen werden die Konturen an der Wand vorgezogen. Dann werden die Zwischenflächen gefüllt und abschließend die Konturen mit schwarzer Farbe gezogen. Das funktioniert, da sich die Farben gegenseitig decken.

Der Jugendliche begeistert sich vor allem für dynamische Bilder. „Die nötigen Schwünge muss man mit dem Arm ziehen“, erklärt er. Für sein Werk, etwa 3,5 Meter breit und zwei Meter hoch, rechnete er mit etwa zwei Stunden Arbeit.

Sprühen und Übersprühen
Sprayer „Funse“beim abschließenden Ziehen der Konturen an seinem „Style“. Die Wand an der Steinlach ist die größte der freigegebenen Wände, am vergangenen Samstag verzierten zehn Graffiti-Künstler die erste Fläche.Bild: Yao

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29.05.2012, 12:00 Uhr

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