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Pole Bohdan Sas-Jaworski absolvierte Reitausbildung in Tübingen

Sprung über Eisernen Vorhang

Durch den Eisernen Vorhang an den Neckar: Der Pole Bohdan Sas-Jaworski kam vermittelt durch Verleger Hans-Georg Siebeck 1975 als Azubi zur Tübinger Reitgesellschaft. Nun ist er international aktiver Springreiter und Trainer im Hegau.

08.07.2012
  • Fabian Ziehe

Tübingen. Bohdan Sas-Jaworski hat es eilig, zurück zu den Zelt-Ställen am Rittweg zu kommen. New Star 6, sein erstes Sprungpferd im Finale der Mittleren Tour beim Tübinger Landeschampionat, hatte einen Abwurf und – schön blöd – noch eine Zeitüberschreitung. Eine Top-Platzierung ist hin. Nun holt er Corsario 4, der auch noch springt. Er grüßt fix eine ehemalige Reitschülerin am Wegesrand. Er entschuldigt sich auf Deutsch für seine Hast. Und ruft seinem Pfleger Instruktionen zu. Auf Polnisch.

Zwischen zwei Sprachen, zwischen Süddeutschland und Warschauer Umland, das sind die Welten des 56-Jährigen, der heute in Lottstetten an der Grenze zur Schweiz wohnt. Als er 1975 nach Tübingen kam, lag zwischen der alten und der neue Heimat der Eiserne Vorhang. Er kam zur Reiterlehre zur Tübinger Reitgesellschaft. „Das war damals alles andere als selbstverständlich“, sagt Sas-Jaworski.

Dafür brauchte es einen Mentor, in seinem Fall den Tübinger Verleger und langjährige Vorstand der Tübinger Reitgesellschaft Hans Georg Siebeck. Dieser war Ende der 60er Jahre auf einer Buchmesse in Warschau und lernte bei dem Besuch das staatliche Gestüt Kozienice kennen. Dort ist Sas-Jaworski aufgewachsen.

Sein Vater war zuständig für die Renn- und Sportpferde. Und Siebeck war begeisterter Reiter. Man freundete sich an. Als der junge Bohdan fertig mit dem Gymnasium war, machte Siebeck es möglich, dass er zur Ausbildung nach Tübingen kam: Der 20-Jährige durfte auf dem erst fünf Jahre zuvor eröffneten Großen Reitplatz auf Waldhäuser Ost seine Reiterlehre machen. „Dort wurden die Grundlage für meine sportliche Karriere gelegt“, sagt Sas-Jaworski. Der legendäre Reitmeister Theo Hansen trainierte ihn. Besser: Er formte ihn.

Denn es war eine harte Ausbildung. „Den ganzen Tag nur Dressur, Dressur, Dressur, das war schon eine traurige Sache“, erinnert sich Sas-Jaworski. Aber das bildet eben auch einen guten Reiter aus. Nur ein Mal pro Woche durfte der polnische Azubi auf den Großen Platz und über Hindernisse springen. Das war seine Disziplin und sie ist es bis heute geblieben.

Untergebracht war Sas-Jaworski für das Ausbildungsjahr bei der Familie Siebeck. Auf dem Gymnasium in Polen hatte er nur etwas Französisch und Latein gelernt – Russisch war damals freilich die dominierende Fremdsprache an polnischen Schulen. Bevor Sas-Jaworski nach Deutschland kam, hatte er „ein paar Anfängerkurse“ belegt. Den Rest eignete er sich im Alltag an. In Tübingen reichte sein Deutsch bald soweit, dass er seinen Führerschein machen konnte.

1976 ging es weiter zu einem Stall nach Norddeutschland, der sich professionell dem Springreiten widmete. Seine Verbindungen zu Polen blieben vor und nach dem Zusammenbruch des Ostblocks bestehen. Er startete für die polnische Equipe bei drei Welt- und sieben Europameisterschaften sowie 55 Nationenpreisen. Als Pole konnte er 1980 zu den Sommerspielen nach Moskau reisen, obwohl der Westen boykottierte. Ansonsten war in Sachen Olympia bei ihm der Wurm drin (siehe Kasten). Bis heute startet er für Polen – auch da die Reiterkonkurrenz in seiner Wahlheimat Deutschland mit die härteste weltweit ist.

„Jedenfalls bin ich mit den Kenntnissen, die ich mir in Tübingen angeeignet habe, ziemlich in der Welt rumgekommen“, sagt Sas-Jaworski. Sonst wäre er heute auch nicht Cheftrainer der Libanesischen Reiterfederation. Die Kontakte nach Tübingen seien nie abgerissen. Zu Siebeck hielt er bis zu dessen Tod 1990 Kontakt. Und auch zu dessen zweiter Frau Gudula Cartellieri-Siebeck, die vor drei Jahren starb. Sie sei so etwas wie seine „Ziehmutter“ gewesen. Zu Polen hat er auch Kontakt gehalten – zumal seine Mutter noch auf dem Gestüt Kozienice lebt.

Schon 2000 kam er zu einem Landeschampionat nach Tübingen, nun kam er 2012 wieder. Er schätzt das Familiäre, den großen Reitplatz in parkähnlichem Ambiente, aber auch die gute Konkurrenz, etwa dass Vielseitigkeits-Weltmeister Michael Jung regelmäßig auf WHO startet. „Das ist für die Pferde eine gute Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln“, sagt Sas-Jaworski.

Auch mit Corsario 4 verpasste er im Springen der Mittleren Tour eine Platzierung. Immerhin: Das Pferd hatte in einem Springen zuvor Platz vier belegt, für ein siebenjähriges Pferd nicht schlecht. Sas-Jaworski war zufrieden mit dem Tübinger Turnier. „Wenn der Termin passt, werde ich sicher mal wieder kommen. Bild: Ziehe

Sprung über Eisernen Vorhang
Der frühere Tübinger Reitlehrling Bohdan Sas-Jaworski reitet heute internationale Wettkämpfe für Polen – wie diesen April beim CSI-Turnier in Straßburg auf seinem Pferd Quintus. Bild: Privat

Sprung über Eisernen Vorhang
B. Sas-Jaworski

„Ich hatte immer etwas Pech mit den Olympischen Spielen“, sagt Bohdan Sas-Jaworski. Dabei hatte er 1980 in Moskau zunächst sogar Glück, da er für Polen nominiert war. Seine deutschen Reiterkollegen mussten wegen des Olympia-Boykotts des Westens zu Hause bleiben. Doch auf seinem Erfolgspferd Bremen ritt im Team-Springen der Berufssoldat Marian Kozicki, dessen Pferd wegen einer Sehnenverletzung nicht starten konnte. „Das war natürlich auch eine politische Entscheidung des Trainers. Ich konnte nichts dagegen machen.“ Sas-Jaworski, ein Zivilist aus altem polnischen Adel, der im Westen lebte, hatte gegen einen Offizier schlechte Karten. Kozicki gewann mit der Equipe Silber. Für Polen war das nur deshalb möglich, da große Springreit-Nationen wegen des Boykotts nicht teilnahmen. 1984 in Los Angeles boykottierten ihrerseits die Ostblockstaaten Olympia. Wieder Pech für Sas-Jaworski, der just in diesem Jahr Achter beim Springreit-Klassiker in Aachen wurde. „Von da an kam immer etwas dazwischen.“ Einmal wurde er so spät nominiert, dass eine Teilnahme keinen Sinn machte. Ein anders Mal hatte er einen Ski-Unfall. „Nun ja, im Grunde ist das auch nur ein großer Nationenpreis“, sagt Sas-Jaworski. Aber ein bisschen wurmt es ihn schon.

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08.07.2012, 12:00 Uhr

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