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"Die schützende Hand": Wolfgang Schorlau mit Denglers achtem Fall

Spur zum Staatsverbrechen

Haarsträubende Pannen, skandalöse Vorgänge und die unheimliche Nähe von Rassisten zu Geheimdiensten: Wolfgang Schorlau packt im neuen Thriller den NSU-Komplex an - und stürmt die Bestsellerlisten.

26.11.2015
  • THUMILAN SELVAKUMARAN

Der 64-Jährige im schwarzen Rollo streift sich die Strähnen aus dem Gesicht, stützt mit der rechten Hand seine Bartstoppeln. Wolfgang Schorlau fällt an diesem Montag besonders auf: Bei der Sitzung des NSU-Untersuchungsausschusses im Stuttgarter Landtag sitzt der Krimiautor auf den Besucherrängen ausgerechnet neben vier Anzugträgern vom Verfassungsschutz - Vertreter jener Behörde, die er in seinem neuen Roman "Die schützende Hand" für die NSU-Affäre mitverantwortlich macht.

Schorlau verfolgte für den achten Fall des Detektivs Georg Dengler mehrfach die Beweisaufnahme im Ausschuss, wagte sich in Abgründe von Neonazistrukturen, besuchte Tatorte, traf sich mit Opfern und holte Informationen von Geheimdiensmitarbeitern. Er recherchierte wie ein investigativer Journalist - wie einst, als er sein Alter Ego zu Hintergründen des Oktoberfest-Attentats 1980 in "München Komplott" ermitteln ließ.

Sein neues Werk birgt politischen Sprengstoff. Nicht nur deshalb ist es nach Verkaufsstart am 12. November in den Bestseller-Listen nach oben geschossen. Die 381 Seiten fesseln mit einer Erzählung um einen Real-Thriller, der - würde man den wahren Hintergrund verschweigen - durchaus als hanebüchene Fantasterei abgetan werden könnte. Doch die Worte lassen erschaudern, gerade weil der Hintergrund echt ist. Gespickt mit Fußnoten, Aktenvermerken und Fotos ist die Erscheinung für einen Roman zwar ungewöhnlich - die Zusätze stören aber nicht. Im Gegenteil: Sie geben den Zeilen eine beängstigende Kraft.

Wie in "München Komplott" stößt Detektiv Dengler auf eine unheimliche Nähe des Verfassungsschutzes zu Rechtsextremen. Hätte der NSU ohne den Geheimdienst überhaupt gefährlich werden können? War der Staat die "schützende Hand" über rechtsextreme Vorgänge in Thüringen. Schließlich führte die Behörde rund 40 der 160 bekannten Mitglieder des "Thüringer Heimatschutzes" als bezahlte Informanten. Aus der Gruppierung ging der NSU hervor, der für die bundesweite Mordserie an neun Migranten und einer Polizistin verantwortlich gemacht wird. Doch man will all die Jahre nichts von der mordenden Gruppe gewusst haben. "Wenn man Deutschland verstehen will, muss man diesen Komplex verstehen", meint Schorlau.

Die Affäre fliegt auf, als am 4. November 2011 nach einem Banküberfall einer Polizeistreife ein Wohnmobil im Eisenacher Stadtteil Stregda auffällt. Darin die mutmaßlichen NSU-Terroristen. Uwe Mundlos packt die Winchester-Pumpgun, erschießt Uwe Böhnhardt. Dann legt er Feuer, steckt sich den Lauf in den Mund, drückt erneut ab.

Zunächst scheint der Fall für Detektiv Dengler einfach. Doch lief es wirklich so ab, wie offiziell behauptet wird? Er wird stutzig, als er Polizeiakten studiert. Wieso gingen die Terroristen, die jahrelang vor nichts zurückschreckten, die acht geladene Waffen im Wagen hatten, nicht zum Angriff über? Dengler fallen Ungereimtheiten auf: Die Projektile wurden nie gefunden. Am Tatort lag stattdessen eine Patronenhülse zufiel. Im Obduktionsbericht steht, dass weder Mundlos noch Böhnhardt Ruß in der Lunge hatten. Waren sie also schon tot, als die Polizei vorrückte? Und wieso ließ der Polizeichef das Wohnmobil noch vor der Spurensicherung abschleppen - wohlwissend, dass er den Tatort verändert? Für Dengler ist die Richtung klar: Der Staat will seine eigene Beteiligung decken.

Ein ungeheuerlicher Vorwurf, der aus dem Reich der Verschwörungstheorien stammen könnte. Doch Schorlau geht in seinem Roman selbst darauf ein: "Im Grunde genommen gibt es keine Verschwörungstheorien, es gibt nur valide und nicht valide Theorien." Jemanden als Verschwörungstheoretiker zu diffamieren, sei eine gute Art, einen Verdacht zu ersticken.

Auch ohne diese Theorie, die ein Schriftsteller durchaus formulieren darf, bleiben etliche Fakten. Neben den bereits erwähnten sind es Hintergründe zur früheren geheimen Abteilung "Stay behind" des BND, die Dinge erledigte, die offiziell nicht gemacht werden durften. Schorlau nennt Probleme in der DDR, wo die Gefahr durch Punks und Antifa höher gewertet wurde, als die durch Rechtsextreme. Er zählt Unmengen skandalöser Vorgänge in den NSU-Ermittlungen auf und weiß dennoch: Die Wahrheit wird wohl nie ans Tageslicht kommen. Dennoch ist der Autor überzeugt: "Ich fürchte, es ist die Ermittlung eines Staatsverbrechens."

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26.11.2015, 08:30 Uhr

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