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Die Tonnenhalle im Rampenlicht

Spuren der Vergangenheit und neues Leben

Der Stuttgarter Architekt Michael B. Frank landete einen Coup. Früher war das Erdgeschoss der denkmalgeschützten Tonnenhalle düster. Jetzt flutet Tageslicht durch einen riesigen Deckenschlitz. Für elf Millionen Euro wurde die Tonnenhalle im Mössinger Pausa-Quartier zwei Jahre saniert.

19.02.2011
  • Susanne Wiedmann

Michael B. Frank hat Mut. Einen 50 Meter langen Spalt ließ er in die Decke des Erdgeschosses brechen und eine himbeerrote Rampe bauen. Vom Parterre steigt sie in die erste Etage. Freitragend, mit nur einer V-Stütze. Eine Brücke von der Düsternis ins Licht, von der Gruft zum Himmel.

Die niedrige Halle, sagt der Architekt, hatte etwas „Gruftiges“. 30 Meter breit, aber kein Lichtstrahl drang in ihre Mitte. Niemals hätte das Erdgeschoss zeitgemäß genutzt werden können! Jetzt flutet das Tageslicht aus den Oberlichtern und Fensterreihen der ersten Etage durch den Deckenschlitz, erleuchtet das weiträumige Foyer und öffnet zugleich den Blick hinauf zu den verglasten Arkaden und zum Tonnendach.

Es war ein gewaltiger, der größte Eingriff in die Substanz, den Frank keck mit Rot unterstrich. Aber die geöffnete Decke brachte dem Erdgeschoss „einen neuen Lebensschub“, betont der Architekt. „Und nicht ein einziges Mal sagte der Statiker: Geht nicht!“

Ein funktionalistischer Ansatz, so wie er sich seit jeher in der Tonnenhalle ausdrückt. Ein gestreckter Industriebau, in dem ehemals nicht weniger als elf Drucktische, jeweils 65 Meter lang, nebeneinanderstanden. Der Architekt Manfred Lehmbruck, Sohn des berühmten Bildhauers Wilhelm Lehmbruck, schuf 1950/51 die Tonnenhalle als Druckerei samt Farbküche und Ateliers für die Textilfabrik Pausa. Dieser klaren, geometrischen Formensprache, die sich aus der Funktion ergab, folgte Michael B. Frank bei der Sanierung des Gebäudes.

Die Büros der Diakonie Sozialstation an der Nordseite und des Regionalverbands südwärts umschließen das Foyer wie eine Schale. Nur mit Glaswänden sind sie davon getrennt. Da die Fenstersimse der Büros zu hoch sind, um sitzend hinauszuschauen, wurden die Räume um 45 Zentimeter erhöht. Im Foyer bildete sich dadurch ein Podest, das als Bank genutzt werden kann, genauso als „Spielwiese“ für Aktionen oder Ausstellungen.

Spuren der Vergangenheit und neues Leben
Ein Farbklecks in der sonst dezent gestalteten Tonnenhalle: eine geschützte Insel in der Stadtbücherei für die kleinsten Lesefreunde. Bild: Franke

Licht strömt nicht nur die Rampe hinunter. An der westlichen Schmalseite der Halle ist eine Wand aus mattiertem Profilglas konstruiert, die von innen beleuchtet wird. Im Raum stehen zwei große Glasblöcke, die genauso funktionieren. „In der großen Kiste ist aber noch eine kleine Kiste“, erklärt der Architekt. Die Leuchtkörper verbergen in ihrem Inneren Toiletten.

Und die Sockel sind mit Gitter verkleidet. Im Brandfall öffnen sich wärmegedämmte Lamellen. So gelangt nachströmende Luft ins Foyer, durch einen großen Tunnel, der unter dem Gebäude gegraben wurde, an der Jakobstraße auftaucht und mit Sitzbänken überbaut wurde.

Im Erdgeschoss der Tonnenhalle hat auch ein Vortragsraum für 80 Personen seinen Platz, der angemietet werden kann. In weißen Schränken sind Teeküche und Garderobe versteckt. Gegenüber hat die ehemalige Farbküche die Sanierung überdauert – mit den Waagen für die Farbmischungen und den Zuleitungen für die Druckfarben.

Spuren der Vergangenheit und neues Leben
Klare, schnörkellose Linien: wie kunstvoll gefaltetes Papier wirkt die Brüstung des westlichen Treppenhauses.Bild: Rippmann

Mit Glaswänden ist sie umschlossen wie eine überdimensionierte Vitrine. „Die Farbküche hat den Charakter, als ob die Spätschicht gerade vorbei wäre“, findet der Architekt. Die Spuren der Produktionsgeschichte sollten nicht verloren gehen. Im Erdgeschoss hängen einige alte Rohre, mit Gipsverband umwickelt, Armaturen und Uhren aus den 1950er Jahren. Und einzelne historische Heizkörper, die tatsächlich warm sind.

Nicht nur die Rampe, auch die abgetretenen Werkstreppen führen ins Obergeschoss. Weil die Geländer zu niedrig waren, ließ Frank zusätzlich weiße Blechtafeln aufsetzen. Am westlichen Treppenhaus scheint die Brüstung gefaltet wie Papier – wie kunstvolles Origami. Einer strengen Harmonie folgt der Architekt.

Deshalb bleibt die Technik unsichtbar. Nirgendwo stören Kabelpritschen oder abgehängte Decken die imposante Raumwirkung. Nichts soll von den klaren Linien, der rhythmischen Gliederung, vom puren Raum ablenken. Im Boden verschwindet die Technik und in Möbeln. Die Kabel der Deckenleuchten führen sogar aus dem Haus hinaus aufs Dach und wieder hinein. Die Oberfläche der Tonnen hatte „absolute Priorität“, sagt Michael B. Frank.

Spuren der Vergangenheit und neues Leben
Viel Licht strömt von oben ins Parterre. Entlang der Arkaden wurde der Boden des ersten Geschosses geöffnet und die Rampe mit roter Brüstung eingebaut. Bild: Rippmann

Die raue Maserung, die sich durch die Schalbretter auf den Beton übertragen hatte, sollte unbedingt erhalten bleiben. „Das ist eine Handwerkstechnik, die fast nicht mehr gemacht wird.“ Auch die historischen Fenster wurden nicht ausgetauscht, aber aufgerüstet, mit Isolierglas und Sonnenschutz versehen.

Im ersten Geschoss gestaltet das Licht den Raum. Fensterbänder in den Fassaden, Oberlichter in den Tonnenschalen öffnen den Baukörper, machen ihn transparent und schwerelos. In diesem späten Abkömmling der klassischen Moderne vereinen sich Glas, Beton und Stahl. Arkaden trennen die riesenhafte Halle längs in zwei Hälften und erinnern an einen historischen Bahnhof.

Für die südliche Hallenhälfte sucht die Stadt noch einen Mieter. Im Norden breitet sich die Stadtbücherei aus. Vor ihren Pforten endet die Rampe in einer dynamischen Rundung und zieht sich als Brüstung entlang des Luftraumes. Die Sichtachsen durchmessen fast die gesamte Hallenlänge. Überall Durchblicke, Ein- und Ausblicke – zum Innenhof, zu den Hügeln der Alb, über die Dächer der Stadt. Medienbearbeitungsraum, Büro der Büchereileiterin und Lesesalon sind deshalb ausschließlich an den Hallenenden platziert. So wie auch die historische Toilette, vier Meter hoch, Klos mit schwarzem Ring und Kette am Spülkasten.

Spuren der Vergangenheit und neues Leben

Bücherregale und Leseinseln gliedern die Halle, ohne sie zu verbauen: eine mächtige Rundbank für Kinder, eine Sitzecke für Erwachsene, gemütliche Lümmelkissen für Jugendliche. Orte, um sich zurückzuziehen, um ungestört in Geschichten einzutauchen. Ausleihtheke und Schränke in Weiß wirken wie gestrandete Eisblöcke. Auf einem Betongitter mit Glasbausteinen, die Licht ins Erdgeschoss lenken, thront das Lesecafé mit Stühlen des Bauhaus-Designers Charles Eames. Wie überhaupt das Mobiliar – Schalensitze und Elefantenhocker – die 1950er Jahre aufscheinen lassen.

Die Sitzmöbel der Bücherei tragen kräftige Farben, vorwiegend Rot und Orange. Ansonsten sind die Töne dezent gesetzt. Silber, Weiß, Schwarz. „Wir haben übernommen, was aus dem Haus kam“, sagt Frank. Konsequent folgte er der klaren Handschrift des Architekten Manfred Lehmbruck, um den Charakter der Tonnenhalle zu erhalten. „Es ist eine wertvolle Fläche“, sagt Michael B. Frank über das Pausa-Areal. Das vollendete Werk mache alle glücklich, selbst die Handwerker. „Es ist ein tolles Gefühl.“ Und doch verspürt er Wehmut. „Ich werde die Pausa vermissen.“


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