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Ract-Rempelei mit Nachspiel

Staatsanwaltschaft ermittelt nach Rangeleien mit OB Palmer

Die Auseinandersetzung von OB Palmer mit Ract-Festival-Besuchern beschäftigt inzwischen die Staatsanwaltschaft. Gegen einen 30-Jährigen wird wegen Nötigung ermittelt. Einen jüngeren Mann, der Tübingens OB angerempelt und beleidigt haben soll, sucht die Polizei noch.

10.06.2015
  • Hans-Jörg Schweizer

Tübingen. Rekonstruiert man den Freitagabend aus verschiedenen Zeugenaussagen, dann muss es wohl etwa so gewesen sein: Boris Palmer flaniert gegen 21.30 Uhr übers Festivalgelände, als er bei der Bühne West von einem jungen Mann einen heftigen Ellbogen-Check abbekommt. Warum? „Weil du ein Arschloch bist“, so die prompte Erklärung. Jetzt will Palmer in seiner Funktion als Leiter der Ortspolizeibehörde die Personalien des Mannes wissen, der sich aber aus dem Staub macht und unters Publikum mischt. Palmer energischen Schrittes hinterher.

Vor der Bühne flüchtet sich der laut Beschreibungen etwa 20-Jährige in den Schutz einer Gruppe, aus der sich ein etwa 30-Jähriger dem OB in den Weg stellt. Wieder gibt es eine Rangelei. Ract-Organisatoren werden auf den Tumult aufmerksam. Die Band hört auf zu spielen. Ordner gehen auf die Gruppe zu und fordern per Funk Verstärkung durch die Profi-Security an. Weil der etwa 20-Jährige inzwischen über alle Berge ist, geht Palmer zunächst weiter, hält Ausschau, kommt aber später zurück und wird aus derselben Gruppe verbal angegangen: „Palmer raus!“ Als der OB den Mann, der ihn gestoppt hatte, mit Security-Begleitung zur Rede stellen will, geht auch dieser stiften. Security-Leute jagen ihm übers Gelände nach, erwischen ihn, bringen ihn auf Palmers Anweisung mit Zustimmung der Ract-Orga und mit Hilfe von Ordnungsamtsmitarbeitern nach draußen und übergeben ihn gegen 22.30 Uhr der Polizei.

Um seine Personalien zu klären, wollen die Polizisten den Mann mitnehmen. Doch der wehrt sich. Die Beamten wenden körperliche Gewalt an, um ihn in den Streifenwagen zu bugsieren. Zudem legen sie ihm Handschellen an, um sich vor Schlägen während der Fahrt zu schützen. So erklärt es Polizeisprecher Josef Hönes. Inzwischen haben sich zehn bis 15 Sympathisanten des in Gewahrsam genommenen beim Polizeiauto versammelt und versuchen, es an der Abfahrt zu hindern. Die Polizei umgeht „mit einem raschen Richtungswechsel“ (Hönes) die Blockade und fährt Richtung Altstadt zur Wache. Gegen 23.15 Uhr wird der 30-Jährige schließlich wieder auf freien Fuß gesetzt.

Erlebnisbericht im Internet

Beim TAGBLATT meldete sich inzwischen ein Mann (offenbar unter falschem Namen), der vorgibt, derjenige zu sein, den die Polizei in Gewahrsam nahm. Seine Version schildert er auch auf der Internetseite linksunten.indymedia.org: Er habe sich in den Weg gestellt, um eine „physisch deutlich unterlegene“ Person vor einem wütenden Verfolger zu schützen, der Beschwichtigungsversuchen nicht zugänglich gewesen sei. Als Palmer mit Security wiederkam, habe sich der 30-Jährige bedroht gefühlt und die Flucht ergriffen. Ohne klare Begründung hätten Securitys ihn zum Ausgang „gezerrt und geschubst“. Polizisten hätten ihn „mit schmerzhaften Griffen und Drohungen“ zum Auto gebracht.

„Wir können niemanden angreifen, auch nicht grundlos am Arm packen“, erklärt Ralf Maiser, Chef von Mozart-Security aus Eislingen, die mit 22 Mann beim Ract im Einsatz war. Im Sinne des Hausrechts könnten seine Leute aber Besucher des Geländes verweisen, mit Körpereinsatz hinausdrängen und bei Widerstand entsprechend Gegengewalt anwenden. „Wir haben dem Mann schon klar gemacht: Jetzt gehen!“

Bei der Abfahrt hätte die Polizei „grob fahrlässig“ beinahe einen Menschen angefahren, so der Bericht auf indymedia.org. Auf der Wache hätten ihm Polizisten das Handy abgenommen und nicht gestattet, seinen Rechtsbeistand zu informieren, so der Mann, der am Mittwoch nicht für Rückfragen erreichbar war. Das stehe ihm auch gar nicht zu, erklärt Polizeisprecher Hönes: „Er wurde ja nicht vernommen, und zur Feststellung der Personalien braucht man keinen Anwalt.“

Wegen des Remplers werde er keinen Strafantrag stellen, bekräftigte Boris Palmer am Mittwoch. Dem 30-Jährigen bringt das indes wenig. Gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Nötigung. Ein „Offizialdelikt“, das von Amts wegen verfolgt werden muss, erklärt Staatsanwalt Ronny Stengel. Body-Check samt „Arschloch“-Titulierung läuft hingegen unter Beleidigung. Dazu wird nur mit konkretem Strafantrag weiter ermittelt. Weil Palmer körperlich unversehrt blieb, fällt Körperverletzung als Vorwurf sowieso flach.

Den Platzverweis hält Palmer für „ein angemessenes Signal, dass nicht die bestimmen können, wer auf dem Ract ist und wer nicht.“ Am Samstag traf der OB übrigens wieder auf Leute vom Vorabend. Dieses Mal beschränkten sich aber alle auf verbalen Meinungsaustausch. Von den Ract-Organisatoren wollte sich am Mittwoch niemand äußern: Man werde erst im Plenum diskutieren.


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