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Das Jugendamt ist nicht im Visier

Staatsanwaltschaft sieht keine Versäumnisse im Kindstötungs-Fall

Entgegen anders lautenden Berichten ermittelt die Tübinger Staatsanwaltschaft im Bodelshäuser Kindstötungs-Fall nicht gegen das Jugendamt.

10.02.2010
  • Ulrich eisele

Tübingen. Im Fall der in einer Garage gefundenen Babyleiche werde gegen das Kreisjugendamt ermittelt, meldete gestern eine Zeitung aus dem Verbreitungsgebiet. Das ist jedoch nicht richtig. „Man schaut sich in so einem Fall selbstverständlich alles an“, sagt Pressesprecher Alexander Hauser von der Tübinger Staatsanwaltschaft. „Aber wir haben keinen Hinweis, dass das Jugendamt etwas falsch gemacht hat.“

Wie berichtet, versuchte das Tübinger Jugendamt aufgrund einer anonymen Anzeige mehrfach, mit der sechsfachen Mutter Kontakt aufzunehmen, die ihre Schwangerschaft vor der Umwelt verbarg. Gerade, weil sie schon einmal ein Baby auf der Toilette im Uniklinikum ausgesetzt habe, nahm man den Hinweis laut Landratsamts-Pressesprecher Egon Betz besonders ernst. Doch die Frau sei allen Kontaktversuchen aus dem Weg gegangen.

Hätte dann aber nicht die Polizei früher eingreifen müssen? Dies ist nach Auskunft von Staatsanwalt Alexander Hauser in so einem Fall schwierig. Das Verheimlichen einer Schwangerschaft ist keine Straftat. Ohne begründeten Verdacht, dass eine strafbare Handlung geplant wird, können keine polizeilichen Maßnahmen, amtsärztliche Untersuchungen oder andere Einschränkungen der bürgerlichen Freiheitsrechte angeordnet werden. Die Behörden können eigentlich immer erst dann reagieren, wenn etwas passiert ist.

Juristisch betrachtet ist ein Kind im Mutterleib keine eigenständige Rechtsperson, sondern ein „nasciturus“. Das Strafrecht unterscheidet zwischen unerlaubtem Schwangerschaftsabbruch (wird mit Geld- oder Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren geahndet) und anderen Tötungsdelikten. Ein illegaler Schwangerschaftsabbruch ist, juristisch gesehen, kein so schwer wiegendes Vergehen wie ein Totschlag (wird mit Freiheitsentzug von fünf Jahren bis lebenslänglich bestraft). Entsprechend begrenzter sind auch die Eingriffsmöglichkeiten in persönliche Freiheiten zur Abwehr potenziell drohender Gefahren.

In der Öffentlichkeit herrscht oft der Eindruck, die Vernachlässigung und Tötung von Babys habe in den letzten Jahren zugenommen. Eine skandalisierende Berichterstattung leistet dieser Sicht Vorschub. Statistisch lässt sich dies aber nicht belegen. Im Gegenteil: Von 2000 bis 2008 sank die Zahl der Kinder in der Bundesrepublik, die Opfer von Gewalt wurden, von 293 auf 173. Nur etwa ein Fünftel bis ein Viertel davon sind Totschlagsdelikte. Forscher schätzen die Zahl der nach der Geburt von den Müttern getöteten Kinder auf weniger als 20 im Jahr.

„Kindstötungen sind heute Einzelfälle, da greifen pauschale Schuldzuweisungen an die Gesellschaft zu kurz“, schreibt Renate Rauch in der Berliner Zeitung. Die Psychologin und Juristin Annegret Wiese, die „Mütter, die töten“, interviewt hat, stellte fest, dass die Frauen häufig „am Mythos Mutterliebe scheiterten“. Als sie begriffen hätten, dass sie in ihrem Alltag dem hohen Mutterideal in dieser Gesellschaft und ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht werden konnten, hätten sie ihre Kinder umgebracht.

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10.02.2010, 12:00 Uhr

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