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Sie leben da wie in einer Familie

Staatssekretärin Widmann-Mauz besucht Wachkoma-Wohngemeinschaft

Nähe und menschliche Wärme sei für die Patienten ganz wichtig – „und das praktizieren wir hier auch!“ Dies betonte Annette Saur immer wieder, als sie gestern ihren prominenten Gast durchs Mössinger Haus Ceres führte: Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz.

02.10.2012
  • Ernst Bauer

Mössingen. Die hiesige CDU-Bundestagsabgeordnete und Gesundheits-Expertin war von ihren Mössinger Parteifreunden zum Stadtbesuch eingeladen worden. Mit Stationen auch in der noch unfertigen Stadtmitte. Und im Haus an der Steinlach. Passend zur Apfelwoche zog der kleine Tross der Christdemokraten gleich einen ganzen Leiterwagen voller Äpfel und Mössinger Apfelsaft hinter sich her.

Im neuen Haus Ceres in der Bahnhofstraße (siehe auch Kästchen) staunten die Besucher/innen mit ihrer Berliner Ministeriumsfrau an der Spitze, wie modern alles eingerichtet und ausgebaut ist in diesem ehemaligen Forsthaus aus dem Jahre 1929. Inklusive Außenaufzug mit doppelter Sicherung.

Ja, man habe an alles gedacht, sagte Annette Saur, die zugleich Geschäftsführerin und Vereinsvorsitzende von Ceres ist. Man habe sogar Solarmodule auf dem Dach installiert und dreifach verglaste Fenster. Und fühle sich hier wirklich schon – nach nur wenigen Monaten – wie zu Hause. „Wir haben das hier aufgebaut, von Anfang an“, erzählte Wohngemeinschaftsgründer Wolfgang Clemens. Ziel war, „ein Haus zu finden für unsere Angehörigen“. Cerebralgeschädigte, Menschen, die im Wachkoma liegen, aber keineswegs gefühllos sind, von ihrer Umwelt überhaupt nichts mehr mitkriegen. „Wenn Sie ein Lächeln von Wachkoma-Patienten bekommen, können Sie die Ernährungspumpe nicht abstellen“, erklärte Saur.

„Meine Frau“, so fügte Wolfgang Clement hinzu, „war vorher im Heim – für uns sind das Fabriken!“ Hier habe man von Anfang an Wert darauf gelegt, dass man auf die Patienten „zugeht, Zeit hat – das ist das Wichtigste! Da braucht man stundenlang Zeit.“

Im Erdgeschoss gibt es neben Küche und Büro ein großes, gemütlich eingerichtetes Zimmer – mit Blick auf das Leben in der Bahnhofstraße, mit einem „Traumschwinger“ im Hinterstübchen, angesichts dessen Widmann-Mauz meinte: „Das brauchen wir auch!“

„Das ist unser Wohnzimmer – hier wird Familie gelebt, gelacht, Musik gemacht, und die Wachkoma-Patienten sitzen drumherum“, geriet Saur beinahe ein bisschen ins Schwärmen. Sie sprach von der schönen Stimmung am Sonntag im Haus – obwohl kurz zuvor ein älterer Patient gestorben war –; man hatte Kuchen verkauft, ein „Riesen-Büffet“ aufgebaut und dabei so viel eingenommen, dass es nun fast für das Gartenhäuschen reicht, das hinterm Haus noch fehlt.

„Die Familien sagen auch: Das ist ihr Zuhause“, berichtete Diana Schmidt, Sprecherin des Hauses, von den Erfolgen des Wohngemeinschafts-Konzepts. Es finde, so Saur, hier „wirklich ein Familienleben“ statt; die Angehörigen sind fast alle berufstätig, kommen abends nach der Arbeit ins Haus, übernachten hier oft; dank der gegenüber liegenden neuen DRK-Dependance gibt es eine 24-Stunden-Betreuung rund um die Uhr durch den neuen ambulanten Pflegedienst. Die Bewohner haben allerdings freie Wahl, sie sind „nur“ Mieter. Dadurch ist ein Pflegeplatz wesentlich günstiger als im Heim – er kostet zwischen 600 und 840 Euro im Monat; die fachkundigen Besucher/innen mochten es kaum glauben. Saur: „Ich hoffe, dass wir das durchhalten.“ Es stecke auch sehr viel ehrenamtliche Arbeit drin. Der Ceres-Verein habe immerhin noch 1,1 Millionen Euro Schulden. Dafür könne man gerade Zins und Tilgung leisten.

Längst haben die Vereins-Oberen freilich ein Auge aufs Nachbarhaus geworfen – den ehemaligen Polizeiposten. Der wäre aus ihrer Sicht eine ideale Ergänzung zum Haus Ceres: Für die Jugendlichen, die aus der „Arche Regenbogen“ in Tübingen rauskommen, die sonst nirgends unterkommen, könnte man dieses Haus herrichten. Das ist ihre neue „Vision“.

Saur: „Ganz wichtig ist, in solche Häuser reinzugehen, ‚hallo‘ zu sagen – es ist immer jemand da, der die Kaffeemaschine anschmeißt!“

Staatssekretärin Widmann-Mauz besucht Wachkoma-Wohngemeinschaft
Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz (Mitte) bei ihrem gestrigen Besuch im Haus Ceres, rechts die Geschäftsführerin Annette Saur, links CDU-Stadtrat Dr. Andreas Gammel, hinten am Eingang Peter Becker vom Ceres-Verein und Diana Schmidt, Sprecherin des Hauses.Bilder: Bauer

Staatssekretärin Widmann-Mauz besucht Wachkoma-Wohngemeinschaft

Grellgrün angestrichen ist das „Haus Ceres“ in der Mössinger Bahnhofstraße (Bild). Seit 1. März beherbergt das ehemalige Forsthaus die landesweit erste Wachkoma-Wohngemeinschaft mit insgesamt sechs Plätzen, mit Gästezimmern für Angehörige, die dort auch übernachten können.
Der Ceres-Verein, der bundesweit 341 Mitglieder hat, würde auch gerne das Nachbarhaus übernehmen, den ehemaligen Polizeiposten, der seit einigen Monaten leer steht. Dort könnten nach seinen Vorstellungen
jugendliche Wachkoma-Patienten betreut werden. Die Vereinsvorsitzende Annette Saur meinte gestern: „Wenn wir das in Erbpacht bekämen, würden wir sofort zuschlagen!“ Das Haus gehört dem Land.

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02.10.2012, 12:00 Uhr

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