Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Kampfmittel

Stadt auf einem Pulverfass

Im brandenburgischen Oranienburg liegen hunderte Bomben im Boden. Im Schnitt wird jeden Monat eine gefunden. 9500 Menschen mussten gestern wegen einer Entschärfung die City verlassen.

15.12.2016
  • CLAUDIA DUDA

Oranienburg. Die Oranienburger leben auf einem explosiven Pflaster. 71 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges vermuten die Experten immer noch bis zu 300 Sprengkörper im Boden. Gestern ist die 200. Bombe seit der Wende entschärft worden.

Wenn in der Kreisstadt nördlich von Berlin mal wieder eine Bombe entschärft wird, breitet sich eine gepflegte Stille aus. Zwei Bahnhöfe liegen im Sperrkreis, 9500 Menschen müssen an dem Tag ihre Wohnungen bis 8 Uhr morgens verlassen haben.

Das Krankenhaus, ein Pflegeheim, sechs Kitas und vier Schulen sind betroffen, außerdem wird in der Kreisverwaltung, im Amtsgericht und in der größten Freizeiteinrichtung der Stadt mit Schwimmbad – der Turm-Erlebniscity – nicht gearbeitet. Der Sprengkörper, der entschärft werden soll, liegt auf einem Firmengelände mitten in der Stadt.

Im Zweiten Weltkrieg sind mehr als 10 000 Bomben auf Oranienburg abgeworfen worden, um die dortige Rüstungsindustrie zu treffen – eine außergewöhnlich große Anzahl von Sprengkörpern mit gefährlichen Langzeitzündern. Allein am 15. März 1945 wurde die Stadt mit 4022 Bomben dieser Bauart überschüttet.

Viele davon sind damals nicht detoniert. Sie gruben sich in den Boden und könnten auch heute noch jederzeit explodieren. Mehrere Selbstdetonationen hatten bisher überwiegend nur Sachschäden zur Folge.

Auch zu DDR-Zeiten sind schon rund 200 Bomben unschädlich gemacht worden – meist Zufallsfunde bei Bauarbeiten. Luftbilder der Alliierten standen damals nicht zur Verfügung. Eine genaue Statistik gibt es nicht. Nach dem Gutachten des Sachverständigen Wolfgang Spyra werden noch 300 Großbomben im Boden vermutet.

Um das Gefahrenpotenzial gezielt zu bekämpfen, wird in der Stadt seit dem Jahr 2000 eine systematische Kampfmittelsuche betrieben. Die ist jedoch sehr teuer und überfordert die Kommune und das Land in ihren finanziellen Möglichkeiten. Brandenburg wendet die Hälfte seiner Mittel allein für die Bombensuche in der Oberhavel-Kreisstadt auf. Landesinnenminister und Bürgermeister fordern, dass der Bund bald dauerhaft mit Geld hilft, um das explosive Altlastenproblem schneller lösen zu können.

300 Sicherheitskräfte von Feuerwehr, Polizei und Stadt sorgen an diesem Mittwoch dafür, dass die Evakuierung ohne Zwischenfälle ablaufen kann. Sie helfen bei der Räumung des Krankenhauses – eine logistische Meisterleistung. Die Patienten werden mit 35 Krankentransporten vorübergehend in eine Klinik nach Hennigsdorf gebracht.

Die Feuerwehrleute prüfen außerdem, ob sich noch Menschen im Sperrkreis aufhalten. Wenn sich etwas hinter Gardinen bewegt oder Hunde laut bellen, schauen sie dazu auch mal mit einer Drehleiter durchs Fenster. Fünf Menschen erwischen sie.

Ein sechsköpfiges Team ist seit Mittag im Einsatz, um den Fünf-Zentner-Blindgänger zu entschärfen. Die Männer des Kampfmittelbeseitigungsdienstes trennen den chemischen Langzeitzünder ferngesteuert mit einem Wasserstrahlschneider aus der amerikanischen Fliegerbombe heraus.

Sie arbeiten in Schutzanzügen unter erschwerten Bedingungen. Denn der Boden rings um das Erdloch, in dem die Bombe liegt, ist radioaktiv und chemisch verseucht. Ein Geigerzähler misst permanent die Strahlung. Während des Krieges war dort an der Atombombe geforscht worden.

André Müller, der technische Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes, lässt sich davon nicht beeindrucken. Mit Routine und dennoch unter höchster Konzentration hat er mit seinem Team auch die 200. Bombe ohne große Probleme entschärft. Er ist kein Mann großer Worte, aber ob der geglückten Entschärfung lächelt er.

Um 15.18 Uhr ertönt die Sirene und signalisiert, dass die Menschen in ihre Wohnungen zurückkehren können. Dann beginnt auch wieder geschäftiges Leben in Oranienburg.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

15.12.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball