Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Einmal in 500 Jahren

Stadt will den Tübinger Vertrag groß feiern – doch wer feiert mit?

Wer kennt den Tübinger Vertrag? Eine Blitzumfrage in Tübingens Gassen würde vermutlich Bildungslücken aufdecken. Dabei wurden mit dem Dokument 1514 erstmals auf europäischem Festland Bürgerrechte verbrieft. Die Tübinger Rathausspitze will das in anderthalb Jahren gebührend feiern. Aber es regt sich Widerspruch.

18.10.2012

Tübingen. Als sich Bundespräsident Joachim Gauck und der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann im vergangenen April ins Goldene Buch der Stadt eintrugen, da nahm jeder hinterher ein besonderes Präsent mit nach Hause: eine Kopie des Tübinger Vertrages.

Die „schwäbische Magna Charta“, zweifellos das wichtigste Verfassungsdokument Alt-Württembergs, ließ den Tübinger OB vor den hohen Gästen ins Schwärmen geraten. „Gaucks Thema Freiheit wurde in Deutschland zuerst in dieser Stadt niedergeschrieben“, freute sich Boris Palmer. „Der Tübinger Vertrag ist die älteste Verfassung auf deutschem Boden. Nirgends sonst gab es vor 500 Jahren so weitgehende Grundrechte, die selbst für Leibeigene galten. Der Tübinger Vertrag dokumentiert eindrucksvoll das frühe Freiheitsstreben der Württemberger“.

Tübinger Anteil soll beschränkt werden

Man kann dieses Dokument auch kritischer sehen. Denn mit dem Tübinger Vertrag schmiedete der in die Bredouille geratene Herzog Ulrich einen Pakt mit den bürgerlichen Landständen, der sogenannten „Ehrbarkeit“. Die ärmere Bevölkerung hatte sich gegen ihn erhoben, weil sie die Steuereintreibungen nicht mehr hinnehmen wollte, mit denen der Landesfürst seinen ausschweifenden Lebensstil weiter zu finanzieren gedachte. Zusammen mit den Landständen schlug der Feudalherr anschließend den Aufstand des Bauernhaufens, des „Armen Konrad“, blutig nieder. Die bürgerlichen Rechte, zumindest die der Oberschicht, gingen immerhin gestärkt aus dem Gemetzel hervor. Und die Stadt Tübingen trägt seither herzogliche Hirschgeweihe im Stadtwappen.

„Wir feiern nicht die Freiheit!“, betont nun wiederum Daniela Rathe. Die Tübinger Kulturamtsleiterin hat ein Projekt angestoßen, das der Berliner Ausstellungsmacher Daniel Tyradellis entwickeln und ausarbeiten soll. Demnach soll es im Sommer 2014, zum 500. Jahrestages des Tübinger Vertrags, in der Kunsthalle eine groß angelegte Themenschau auf neuerem medialen Stand geben. Tyradellis erschien ihr da der Richtige, er hat unter vielem anderen die stark beachtete „Wunder“-Präsentation in den Hamburger Deichtorhallen erstellt, zur Zeit ist er dabei, ein „Metakonzept“ für die neue Dauerausstellung des Hamburger Kunst- und Gewerbemuseums zu erstellen.

Neulich gab Kurator Tyradellis einer Handvoll Stadträten, streng vertraulich versteht sich, einen ersten Einblick ins Konzept. So richtig schlau wurden manche Stadträte aus den Ausführungen zwar nicht, wie zu hören war. Sie und andere ärgerten sich stattdessen über das Verfahren, sie fühlen sich etwas übergangen, wenn nicht überrannt. Deshalb gibt es jetzt einen interfraktionellen Antrag, der hauptsächlich von SPD und CDU im Rat getragen wird.

Danach sollen erste Mittel in Höhe von 80 000 Euro für Tyradellis Ideenkonzept erstmal einmal zurückgestellt werden. Außerdem soll die Stadt, fordert der Antrag, keineswegs als alleiniger Veranstalter auftreten, sondern das Land als Hauptträger ins Boot holen. Und der städtische Anteil soll auf 200 000 Euro beschränkt werden.

Denn die ambitionierte Ausstellung zum Tübinger Vertrag, wie sie den Beteiligten vorschwebt, würde rund eine Million Euro kosten. Zum Vergleich: Die derzeitige Große Landesausstellung „Die Welt der Kelten“ in Stuttgart wird mit vier Millionen Euro veranschlagt. Trotzdem haben einige Gemeinderäte für Tübingen eine unangemessen „kostenträchtige und auch risikobehaftete“ Ausstellung ausgemacht.

Die Kulturamtsleiterin sieht das nicht so. Es sei „städtische Aufgabe, das Jubiläum zu begehen, und wir sind nicht nur für Volkstrauertage zuständig.“ Eigentlich sei die Stadt eher „zurückhaltend als Veranstalterin“, aber „lässt man das an sich vorbeiziehen?“

Geplant sei, so Daniela Rathe, eine große interdisziplinäre Präsentation des Tübinger Dokuments als ein „Vertrag der Zeitenwende“, gesehen in seinem Bezug zur heutigen Gesellschaft, aber auch zur heutigen Selbstbestimmung. Es sei „kein Vertrag der Freiheit und Demokratie“, sieht die studierte Historikerin den Pakt durchaus mit gebotener Distanz, aber eben eine „historische Wende“. Selbst wenn sie auch zur „Kriminalisierung des kleinen Mannes“ beitrug.

Tübingen will nun einiges auf die Beine stellen. Neben der zentralen Ausstellung in der Kunsthalle (Rathe: „Götz Adriani ist sehr an Landesgeschichte interessiert“) wird es an der Universität eine vom Landesgeschichtlichen Institut betreute Vorlesungsreihe geben. Das historische Faksimile des Vertrags, das im Stadtarchiv vorhanden ist, wird dann droben im Parnass am Philosophenweg zu sehen sein, es war allerdings auch schon mal vor ein paar Jahren während der Melanchthon-Ausstellung im Stadtmuseum präsent.

Keine einsame Schau auf dem Berg

„Wir machen“, sagt Rathe, „keine einsame Ausstellung auf dem Berg.“ Das Melchinger Lindenhoftheater spielt, wie bereits berichtet, eine eigene Version rund um den „Armen Konrad“ als Tübinger Sommertheater. Und die Chorvereinigungen wurden via Lammkreis angefragt, ob sie dann nicht Musik jener Zeit singen möchten.

Rathe hat sich außerdem mit den Remstalgemeinden vernetzt, die zum Jahrhundertjubiläum der Bauernaufstände ebenfalls einiges bewegen wollen. Flankierend stellt das Landesarchiv Baden-Württemberg bei sich zum Sujet aus. Und tatsächlich wäre es zuerst einmal ein Landesthema rund um dies bedeutendste Landesdokument. Und ein Fall für die Großen Landesausstellungen, die seit 35 Jahren existieren. Sie sollen „die Landesidentität fördern“, wie es heißt, und werden wiederum großzügig gefördert, mit jährlich 3,5 Millionen Euro. In der neuen Kunstpolitik-Konzeption bis 2020 wird sogar eine Stärkung dieser „Gütesiegel“ des Landes in Aussicht gestellt.

Für die Tübinger Schau, weiß Rathe, fällt dabei aber nichts ab. Denn diese Gelder fließen nur an Landeseinrichtungen. Trotzdem verhandelt die Kulturamtsleiterin aktuell auch in Stuttgart um Zuschüsse. Und ist nicht bange: „Wir haben bei Hesse im Heckenhauer doch Erfahrung mit Fundraising gesammelt!“

Auch Rathe kann nicht einschätzen, wie hoch der Tübinger Finanzierungsanteil an der Austellung schließlich ausfallen könnte. Sie findet aber, „wir sollten den Schritt wagen und Außergewöhnliches machen.“ So etwas gebe es eben „nur einmal in 500 Jahren“. Joachim Gauck ist bereits eingeladen. Es heißt, er sei nicht abgeneigt.

Stadt will den Tübinger Vertrag groß feiern – doch wer feiert mit?

Stadt will den Tübinger Vertrag groß feiern – doch wer feiert mit?

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

18.10.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball