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Ein Wegbereiter der Moderne

Stadtarchiv erinnert an Museumsleiter Otto Fischer

Otto Fischer ist am 22. Mai 1886 in Reutlingen geboren. Das Stadtarchiv erinnert anlässlich seines 125. Geburtstages an den bedeutenden Kunsthistoriker, der zunächst Museumsleiter in Stuttgart und später in Basel war.

07.06.2011
  • Nicole Linke

Reutlingen. Gezeigt werden in der Vitrinen-Ausstellung vor allem Dokumente und Fotografien aus Fischers reichhaltigem Nachlass, der sich zu einem wesentlichen Teil in der Obhut des Stadtarchivs befindet und zu diesem Anlass inhaltlich erschlossen worden ist.

Otto Fischer entstammte einer alteingesessenen Reutlinger Kaufmannsfamilie. Das Fischersche Geschäftshaus für Porzellan, Kurzwaren und Spielsachen stand bis in den 1920er Jahre an prominenter Stelle am Marktplatz (heute Firma Breuninger). Die Familie selbst wohnte in der Gartenstraße 11, wo Otto Fischer am 22. Mai 1886 als ältestes von drei Kindern des Kaufmanns und späteren Kommerzienrates Ernst Fischer (1854 – 1922) und dessen Frau Anna, geborene Linder (1856 – 1937), das Licht der Welt erblickte.

Otto Fischer war ein temperamentvolles Kind. So „bedichtete“ die spätere Schriftstellerin und Völkerkundlerin Elisabeth Gerdts-Rupp, die mit den Fischers weitläufig verwandt war, ihren Jugendfreund Otto folgendermaßen: „Andre necken, ärgern, plagen, das erfüllt ihn mit Behagen. [...] auch die Rupplein oft bedrohen, dass sie vor dem Schlingel flohen, dieses und noch andres mehr, das ergötzt den Schlingel sehr.“

Nach dem Besuch der Elementarschule und des Gymnasiums in Reutlingen kam Otto Fischer mit 14 Jahren auf ein Internat in Bad Kreuznach. 1904 begann er zunächst ein Jurastudium, wechselte jedoch nach einem Semester zu Kunstgeschichte und Archäologie. Er studierte in Tübingen, München, Wien und Berlin.

Einen lebendigen Eindruck seiner zahlreichen Studienreisen geben die im Stadtarchiv verwahrten Briefe an seine Mutter aus den Jahren 1906 und 1907. Wie engagiert sich der Student seinen kunsthistorischen Forschungen widmete, zeigt etwa eine Schilderung vom Oktober 1906: So kletterte er in einer Hallstatter Kirche auf den Altar, um von dort die Gemälde noch gründlicher studieren zu können, wurde dann allerdings „vom Pfarrer mit Polizeigewalt zur Kirche hinausgeworfen“.

Mit gerade 21 Jahren promovierte Otto Fischer über die altdeutsche Malerei in Salzburg. Sein Doktorvater war der international berühmte Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin. Wie Wölfflin pflegte auch Otto Fischer zeit seines Lebens Umgang mit bildenden Künstlern. So wurde er 1911 als einziger Kunsthistoriker Mitglied der „Neuen Künstlervereinigung München“, die sich um den Maler Wassily Kandinsky gebildet hatte.

1921 wurde Otto Fischer zunächst die Stelle des Hauptkonservators, dann die des Direktors des Museums der Bildenden Künste Stuttgart, der späteren Staatsgalerie, anvertraut. Hier präsentierte er 1924 eine viel beachtete, aber auch umstrittene „Ausstellung neuer deutscher Kunst“. Erstmals seit 1912 wurde mit dieser Schau eine breite Übersicht über die deutsche Moderne geboten – unter anderem mit Arbeiten der Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde oder Oskar Kokoschka.

Die Ausstellung erfuhr von Seiten der Kunstkritik und der örtlichen Presse Zustimmung, wurde jedoch von zahlreichen Bürgern abgelehnt. Zudem fühlten sich einheimische Künstler übergangen. Es kam zu Parlamentsdebatten, in denen Otto Fischer öffentlich gerügt und in seinen Entscheidungen als Museumsdirektor eingeschränkt wurde. Ende 1925 ergriff Otto Fischer die Gelegenheit zu einer Forschungsreise durch China, Japan, Java und Bali. Als einer der ersten deutschen Kunsthistoriker überhaupt beschäftigte er sich eingehend mit der ostasiatischen Kunst. So hatte er sich bereits 1913 mit einer Arbeit über die chinesische Kunsttheorie habilitiert.

Als Kunstfreund in China und Japan

Die Erlebnisse auf dieser Studienreise veröffentlichte Otto Fischer 1939 und 1941 in zwei Reisetagebüchern. Im Reutlinger Stadtarchiv befindet sich das knapp 600 Seiten starke handschriftliche Manuskript zu den 1939 erschienenen „Wanderfahrten eines Kunstfreundes in China und Japan“.

Nach seiner Rückkehr wurde Otto Fischer 1927 als Direktor an das Kunstmuseum Basel, der Heimatstadt seiner Mutter, berufen. Gleichzeitig übernahm er eine Professur für Kunstgeschichte an der dortigen Universität. Die Tätigkeit in Basel bildete den Höhepunkt seiner beruflichen Laufbahn. Unter seiner Ägide wurde 1936 der Neubau des Kunstmuseums eröffnet. In dem Jahrzehnt seines Direktorats legte er nicht zuletzt mit dem Erwerb zeitgenössischer Kunst das Fundament der heute hoch angesehenen modernen Abteilung.

Wegen eines Herzleidens zog sich Otto Fischer 1938 aus dem öffentlichen Dienst zurück und ließ sich in Ascona im Tessin nieder. Er verstarb mit 62 Jahren am 9. April 1948 in Basel. Beigesetzt wurde Otto Fischer im Familiengrab auf dem Reutlinger Friedhof Unter den Linden.

Info: Die Vitrinenausstellung, die das Reutlinger Stadtarchiv anlässlich des 125. Geburtstags von Otto Fischer zusammengestellt hat, kann während der Öffnungszeiten des Rathauses besichtigen werden.

Stadtarchiv erinnert an Museumsleiter Otto Fischer
Otto Fischer mit seinem Sohn Ernst um 1930 in Basel.Bild: Stadtarchiv

Stadtarchiv erinnert an Museumsleiter Otto Fischer

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07.06.2011, 12:00 Uhr

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