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Im Katastrophen-Keller

Stadtarchiv zeigt die Geschichte Reutlingens

„Feuer, Wasser, Krieg und andere Katastrophen“ – unter diesem Motto gab das Reutlinger Stadtarchiv am Samstag Einblicke in die größeren und kleineren Katastrophen der Achalmstadt.

05.03.2012
  • MARTIN TRÖSTER

Reutlingen. Die Pfade der Geschichte sind verzweigt, verschlungen, ja manchmal kaum ergründlich. In Reutlingen sind sie zuerst einmal schmal. So schmal, dass man manchmal kaum durchkommt, in diesen engen Gängen des Reutlinger Stadtarchivs. Doch es lohnt sich: unter kaltem, hellem Röhrenlicht, konstanter Luftfeuchtigkeit und Temperaturen von 18 bis 20 Grad atmen die Besucher mit dem Geruch von altem, trockenem Papier den Hauch der Jahrhunderte. In Lederbänden oder nachkriegs-bürokratischen Pappschubern steht das gebündelte Werden und Wirken Reutlingens und seiner Bürger seit 1298.

Davon konnte sich am Samstag jeder überzeugen, der sich zum bundesweiten Tag der Archive im Reutlinger Rathaus in die Tiefe begab und sich vom Stadtarchivar Heinz Alfred Gemeinhardt und seinen Mitarbeitern durch die Bestände führen ließ – oder an Fotopräsentationen, Lesungen und Filmvorführungen teilnahm.

Der vom Bund deutscher Archivarinnen und Archivare koordinierte Tag stand dieses Jahr unter dem Motto „Feuer, Wasser, Krieg und andere Katastrophen“ – Schreckensthemen, von denen auch das Reutlinger Stadtarchiv einige auf Lager hat: so waren es laut einer Pressemitteilung des Reutlinger Rathauses nicht zuletzt „Unfälle, Epidemien, Feuersbrünste oder mit Waffengewalt ausgetragene Konflikte“, die im Stadtarchiv die Regale füllen.

Gerade die Feuersbrünste und der Zweite Weltkrieg haben nicht nur der Stadt, sondern auch ihrem Gedächtnis, dem Stadtarchiv, heftig zugesetzt: Vor allem während des berüchtigten Reutlinger Stadtbrandes von 1726, der zwar kaum Menschen, dafür aber knapp 80 Prozent der Stadt verschluckte, und bei den alliierten Bombardements zum Ende des Weltkrieges wurden große Teile des schon im Spätmittelalter angelegten Archivs vernichtet.

Erhaltene Notizen zum Wiederaufbau und Stiche mit wehklagenden Bewohnern aus dem 18. Jahrhundert, die den Stadtbrand hilflos zusehen müssen, zeugen noch heute vom Erlebten und vom Bewältigen der Katastrophe: „Je mehr leidende Zuschauer auf die Bilder genommen wurden, desto mehr hat man sich da wohl bei auswärtigen Geldgebern an Zuwendungen erhofft,“ vermutet Stadtarchiv-Mitarbeiter Roland Brühl, der die Stücke behutsam und in weißen Handschuhen zur Ansicht serviert.

Fünf Regalkilometer und eine Million Bilder

Stadtarchiv zeigt die Geschichte Reutlingens
Gedächtnis der Jahrhunderte: Zum Tag des Archivs öffnete das Reutlinger Stadtarchiv unter der Leitung von Heinz Alfred Gemeinhardt (Foto) seine Pforten. Bild: Haas

Das zweite große Desaster ließ sich schon fotografieren – aus der Luft: Gestochen scharfe Aufnahmen des völlig demolierten Stadtzentrums mit fein säuberlich gestapelten Schutthaufen zeugen im Sommer 1946 vom gewaltigen Ausmaß der Bombenschäden. Trotz dieser Katastrophen gehört das Reutlinger Stadtarchiv mit beachtlichen fünf Regalkilometern – alle Archivmaterialien nebeneinandergereiht – zu den größten Kommunalarchiven in Baden-Württemberg.

Etwa 250 Meter davon macht allein die Fotosammlung aus, die mit etwa einer Millionen Einzelexemplaren eine der größten städtischen Fotosammlungen Deutschlands ist und teils überregionale Bedeutung hat. So zeigt Roland Brühl unter anderem den Fotoband eines frühen Reutlinger Hobbyfotografen und Soldaten des Ersten Weltkrieges, in dem er seine Kriegseindrücke an der Ost- wie der Westfront festhielt. Dadurch erhält man noch heute eine plastische Vorstellung davon, was es heißt, wenn ein kleines Städtchen in den Strudel der Weltgeschichte gerissen wird.

Dagegen schilderten vor allem Fotos aus der Nachkriegszeit kleineren Katastrophen wie Überschwemmungen oder die ersten Reutlinger Autounfälle.

Den Aufschwung der Achalmstadt in der Nachkriegszeit und der Stolz auf das Erreichte schildert der Archivfilm „Ein südwestdeutsches Industriezentrum“ von 1955, der in fanfarenhaftem Wochenschau-Stil und überschwänglichen Sprech von der „Weltbedeutung unserer Industrie“ tönt und ein bisschen klingt wie „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen.“ Sicht- und hörbar genervt zerpflückt die etwas launige Fernsehproduktion „Reutlingen – eine Stadt wie jede andere auch“ von 1964 diese Wiederaufbau-Euphorie.

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05.03.2012, 12:00 Uhr

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