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Stadtbahn oder eine echte Fahrradstadt?
So geht’s auch: Tschechischer E-Bus auf der Neckarbrücke. Bild: Stegert.
Podiumsdiskussion

Stadtbahn oder eine echte Fahrradstadt?

Über das Für und Wider der Verkehrsmittel wurde am Mittwoch lebhaft diskutiert.

21.10.2016
  • Philipp Koebnik

Mobilität 2030 – Mehr als nur Stadtbahn!“, hieß der „Tübinger Themen“-Abend am Mittwoch im Gemeindehaus Lamm. Obwohl Moderator Reinhard von Brunn (Tübinger Liste) betonte, dass es weniger um die geplante Regio-Stadtbahn gehen solle, war es schließlich doch das Millionen-Projekt, worüber die meisten der rund 60 Besucherinnen und Besucher diskutierten.

„Jede Generation muss neu entscheiden: Wie wollen wir leben“, sagte Frank Heuser, Kreisvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), der einige grundsätzliche Überlegungen vortrug. So falle der Durchgangsverkehr in Tübingen (B27 und B28) mit zehn Prozent kaum ins Gewicht. „In Tübingen sind vor allem Tübinger unterwegs.“

Allerdings seien einige Hauptverkehrsachsen überlastet, etwa die Herrenberger Straße, die Westbahnhofstraße, die Hechinger Straße und die Mühlstraße. Das bringe vielerlei Probleme mit sich. „Der ausufernde Autoverkehr bremst alle Verkehrsteilnehmer aus“, sagte Heuser. Das gelte auch für die Ampelanlagen, die fast ausnahmslos wegen des Autoverkehrs nötig seien. Autos verursachten außerdem Lärm und belasteten die Luft mit Feinstaub. Beides mache langfristig krank. Und: Um ein Auto abzustellen, etwa in einem Parkhaus, brauche man zehnmal so viel Platz wie für ein Fahrrad.

Radwege sollten sichtbar sein, forderte Heuser, und „nicht hinter Büschen verlaufen“. Die Autos müssten dann jedoch langsamer fahren. Der ÖPNV in Tübingen sei während der Hauptzeiten überlastet, kritisierte er. Außerdem sei die Anbindung ans Umland unzureichend. Neben Wetterschutz für alle Bushaltestellen forderte Heuser, das Gehwegenetz alters- und behindertengerecht zu gestalten. Denn: „Der Verkehr sollte für alle Menschen angenehm sein.“

Für die Regio-Stadtbahn warb Ulrich Weber, Geschäftsführer der Landesgruppe Baden-Württemberg des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen. Mit der Regiobahn könne man die Leute „abgreifen, bevor sie mit dem Auto in die Stadt fahren und die Straßen verstopfen“. Eine Bahn könne außerdem mehr Menschen transportieren, als Busse das könnten. Städte wie Karlsruhe und Freiburg hätten es mit vergleichbaren Projekten vorgemacht – überall seien die Fahrgastprognosen „deutlich übertroffen“ worden.

Harald Boog, Technischer Werkleiter des Städtischen Verkehrsbetriebs Esslingen, berichtete von den Erfahrungen mit Hybridbussen. Die Stadt hatte nach dem Zweiten Weltkrieg Oberleitungsbusse eingeführt, die sie in den 1970er Jahren um Dieselmotoren ergänzte. Seit Mai dieses Jahres gibt es eine kleine Flotte von Hybridbussen, die statt eines Dieselmotors eine Batterie haben. Leise und ohne die Luft zu verpesten fahren sie durch Esslingen – mal mit Oberleitung, mal mit Batterie.

Die neuen Fahrzeuge bewältigen Steigungen von sieben bis acht Prozent und verbrauchen nur rund ein Drittel der Energie eines Dieselbusses. Die Batterie speichert einen Großteil der Bremsenergie, lädt sich also während der Fahrt immer wieder auf. Ein weiterer Vorteil: „Wir können dort mit Batterie fahren, wo Oberleitungen als störend empfunden werden“, so Boog. Allerdings ist ein solcher Bus mit derzeit einer Million Euro etwa dreimal so teuer wie ein Dieselbus. „Tübingen versteht sich als Fahrradstadt, aber in letzter Zeit ruht man sich auf den Lorbeeren aus“, monierte Andreas Oehler vom Vorstand des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Tübingen. Er kritisierte, dass die Möglichkeiten, Fahrräder im Bus mitzunehmen, nicht ausreichten und dass es zu wenige Stellplätze gebe. Wenn Tübingen, so wie Kopenhagen dies tue, mehr Pendler aufss Rad bringen wolle, brauche es sichere Abstell-Stationen, besonders am Europaplatz. Die Konzentration auf die Stadtbahn könne auf Kosten Verkehrsteilnehmer gehen. Zudem wäre nichts gewonnen, so Oehler, „wenn alle Studierenden vom Rad auf die Stadtbahn umsteigen, während der Autoverkehr so bleibt, wie er ist“.

In der anschließenden Diskussion plädierten unter anderem die Stadträte Christoph Lederle und Christoph Joachim (beide AL/Grüne) für die Regio-Stadtbahn. Nur sie könne für Entspannung sorgen in „Nadelöhren“ wie der Mühlstraße und auf dem Schnarrenberg. Nicht zuletzt könnten Tausende Pendler aus dem Steinlachtal so schnell und bequem zu den Kliniken gelangen.

Das Esslinger Projekt sei „sehr interessant für uns“, sagte Lars Hilscher, Verkehrsplaner bei den Tübinger Stadtwerken. Allerdings: Diesel sei zwar ein Auslaufmodell, doch könnten Elektro-Busse bislang die Steigungen in Tübingen nicht bewältigen und verfügten zudem über eine zu geringe Reichweite. Und Boog gab zu bedenken: Wenn die Stadtbahn gebraucht werde, um die vielen Menschen zu den Kliniken zu bringen, sei die Frage der Bus-Antriebsart nachrangig.

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21.10.2016, 01:00 Uhr

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