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So modern wie nostalgisch

Stadtmuseum: Stadtansichten und Einsichten von 1950 bis heute

„Stadtbild-Weltbild“ hieß letztes Jahr eine Ausstellung im Stadtmuseum, die Tübinger Stadtansichten des 16. bis 19. Jahrhunderts präsentierte. Die gestern eröffnete Schau „Ansichten–Einsichten“ knüpft hier an und zeigt Stadtansichten von 1850 bis heute.

26.09.2010
  • Peter Ertle

Tübingen. Drei Gründe sprachen dafür, die Zäsur um 1850 herum anzusetzen: Erstens ermöglichten die mit Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzenden Stadterweiterungen neue Blicke. Zweitens begann mit der 1861 erfolgten Anbindung an das Eisenbahnnetz der Tourismus im modernen Maßstab, auch kamen viel mehr Studenten nach Tübingen – die nach Motiven verlangende Souvenir- und Postkartenkultur bekam ganz neue Dimensionen. Und drittens fand die rasch sich ausbreitende Fotografie neue Motive und sorgte überdies dafür, dass die Malerei eigene Wege ging.

Wobei die Behauptung „Neue Technik – neue Motive“ nur bedingt zutrifft, und zwar eher, was neue Architektur und den industriellen Komplex angeht. Egeria, die neu gebauten wissenschaftlichen Gebäude, die Kliniken – das wurde sehr wohl fotografiert, aber kaum gemalt. Was die Fotografien des Tübinger Stadtbilds betrifft, fällt eher auf, wie sehr die Motive genau diejenigen der Malerei kopieren. Weil die Malerei so Blick-prägend war. Weil man mit eben diesen Motiven besser Geld verdienen konnte. Die Ausstellung hat einige dieser Motiv-Dopplungen nebeneinander gehängt, zum Vergleich.

Gab es auch wenig neue Motive, so gab es doch neue Malstile, die manchmal so gravierend sind, dass man sie dann doch wieder als neues Motiv, neuen Blick bezeichnen muss. Inwieweit dies nun als Reaktion auf den Abbild-Realismus der Fotografie verstanden werden muss, wird nie ganz zu klären sein. Man kann die Fotografie ja nicht probeweise aus der Kunstgeschichte streichen, um zu sehen, wie sich Malerei und grafische Verfahren ohne sie entwickelt hätten. Wie auch immer: Theodor Werners kühl, glatt, klobig und geheimnisvoll künstlich hingestelltes „Tübingen“ aus dem Jahr 1926 ist ein sensationell aus dem Rahmen fallender Blick auf Neckarbrücke und Stiftskirche. Ähnlich auffallend Erich Heckels frühes und spätes Tübingen-Porträt. Oder die fünf Mischtechniken des heute in den Staaten lebenden, ehemaligen Tübingers Bernd Haussmann, fünf abstrakte Variationen des immergleichen Hölderlinturm-Motivs.

Bis heute regiert der Blick auf Neckarfront und Hölderlinturm, auf Schloss und Stiftskirche. Wo sind die neuen Wahrzeichen? In der Kategorie stadtbildprägende Aushängeschilder tat sich wenig. Waldhäuser-Ost, wiewohl von Weitem zu sehen, springt einem mitnichten aus dem Postkartenständer entgegen. Und wiewohl mehrfach ausgezeichnet, gibt es kein Französisches Viertel in der Schneekugel. Aber die Neckarfront in der Schneekugel, ausgestellt in einer Vitrine.

Überhaupt bietet diese Schau zahlreiche Objekte, oft aus dem Souvenir-Sektor: Tübingen auf dem Pfeifenkopf. Auf dem Bierkrug. Auf einer Lutschpastillendose der Trappschen Apotheke. Sogar „Tübinger Zwieback“ gab es. Das Spannende bei der Stadtbild-Weltbild-Ausstellung war, wie der Blick des jeweiligen Malers, oder der in ihn eingegangene Blick der jeweiligen Epoche das jeweilige Tübingen-Bild prägte. Das gilt zwar auch für die nunmehrige Folgeausstellung, doch ist hier eine Interpretation dominierend, und ihre psychologische Genese liegt auf der Hand: Je technischer, moderner und komfortabler die Stadt wurde, desto mehr nehmen nostalgische Blicke auf kleine, romantische, „unaufgeräumte“ Winkel, Gässchen, Dächer und krumme Häuser zu.

Eingang in die Ausstellung fanden übrigens auch Firmen-Briefköpfe, die oft das entsprechende Gebäude mustergültig abbilden, einige „Kuriosa“ wie etwa Neckarfront mit Tiger und Kamelen, zwei kurze Filme, in denen Aufnahmen aus dem Tübingen des Jahres 1922 solchen aus dem Jahre 2009 gegenübergestellt werden. Und, natürlich, auch Sepp Bucheggers Karikaturen gehören zu den Stadtansichten 1850 bis heute.

Der Katalog, in dem ein Dutzend Fachleute einzelne Aspekte des Themas in soziologischen, kultur- und kunsthistorischen Artikeln betrachten, stellt – wie schon der Katalog der vorhergehenden Stadtbild-Weltbild-Ausstellung – eine vollständige Auflistung des Stadtmuseum-Bestands an Stadtansichten dar.

Info: Die Ausstellung „Ansichten – Einsichten – Tübinger Stadtansichten von 1850 bis heute“ ist bis zum 14. November zu sehen, Di-So 11-17 Uhr.

Stadtmuseum: Stadtansichten und Einsichten von 1950 bis heute
Gustl Illenbergers Radierung „Tübingen“ aus dem Jahre 1950: Schon damals sehr nostalgisch und noch um einiges krummer als die Wirklichkeit.

Stadtmuseum: Stadtansichten und Einsichten von 1950 bis heute
Tübingen – auch auf dem Bierkrug.

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26.09.2010, 12:00 Uhr

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