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Stadtmuseum prüft Bestände auf NS-Raubkunst - und wird fündig
Wiebke Ratzeburg
Die Nolde-Leiche im Keller

Stadtmuseum prüft Bestände auf NS-Raubkunst - und wird fündig

Findet sich in den Städtischen Sammlungen Nazi-Raubkunst? Der Verdacht ist jedenfalls begründet genug, um die Bestände des Stadtmuseums gezielt und gründlich zu durchforsten. Bevor dort aber eine frisch bewilligte Provenienzstelle eingerichtet wird, ergibt eine erste TAGBLATT-Recherche: die Suche lohnt sich. Denn zumindest eine Grafik von Emil Nolde stammt ziemlich sicher aus dunkler Quelle. Sie wurde einst als „entartete Kunst“ aus einem deutschen Museum entfernt.

20.12.2014
  • Wilhelm Triebold

Tübingen. Auslöser waren zwei Judaica aus dem Nachlass des Hebräisten Prof. Otto Michel. Vor allem die Thora-Rolle im Fundus des Stadtmuseums sorgte für gehörigen Wirbel, bis sie vor fast drei Jahren dem Enkel des jüdischen Stifters übergeben wurde.

Das Tübinger Stadtmuseum hat sich daraufhin, ermuntert auch von interessierter Bürger-Seite, bei der Berliner Arbeitsstelle für Provenienzforschung um Gelder für einen befristeten wissenschaftlichen Forschungsauftrag bemüht. „Wir können das aus eigener Kraft nicht stemmen“, sagt Wiebke Ratzeburg, die Museums-Chefin.

Allerdings profitiert das Haus bereits von einer städtisch finanzierten Stelle, auf der sich seit April die Mitarbeiterin Leila Sayer-Degen um das Depot kümmert. Sie recherchiert schon mal ein bisschen vor. Im ersten Quartal 2015 soll dann die jetzt bewilligte Zeit-Stelle mit einem ausgewiesenen Wissenschaftler (oder einer Wissenschaftlerin) besetzt werden, die sich aufs Thema Raubkunst und Provenienz spezialisiert haben.

„Schon der Antrag war ein kleines wissenschaftliches Opus“, erinnert sich Ratzeburg. Sie ist „froh, dass wir das gekriegt haben. Der politische Wille ist jetzt da.“ Denn über Jahrzehnte waren gerade die Raubkunst-Geschäfte der Nachkriegsjahre eher tabu. „Bislang ging es um 33 bis 45. In der Nachkriegszeit ist aber auch viel passiert.“

Zum Beispiel in Tübingen: In Ermangelung einer präsentablen städtischen Kunstsammlung beschaffte der damalige Kulturamtsleiter Rudolf Huber, anfangs noch mit Rückendeckung des Gemeinderats, über die 1950er-Jahre zahlreiche Grafikblätter der Klassischen Moderne: Eine ansehnliche Kunstsammlung, zumeist im Stuttgarter Kunstkabinett Ketterer zu Spottpreisen erworben. Barlach, Baumeister, Beckmann, Dix, Feininger, Grosz, Heckel, Kirchner, Klee, Kollwitz, Nolde, Pechstein, Schlemmer – die großen Namen sind allesamt vertreten.

Als Kronjuwel schimmerte damals, allerdings mehr im Verborgenen, ein heute äußerst wertvolles, geheimnisvolles Hinterglasbild von Heinrich Campendonk. Es wurde vor über 12 Jahren, mitsamt einiger Künstlergrafiken, von einem Mitarbeiter des Stadtmuseums entwendet und verscherbelt.

Heute umfasst die „Sammlung Huber“, wenn man sie so nennen mag, noch 184 Blätter (meistens Druckgrafik), sowie drei Plastiken und zehn Beispiele altdeutscher Kunst. Auf TAGBLATT-Anfrage vermag Ratzeburg zwar noch kein konkretes Beispiel für NS-Raubgut im Tübinger Bestand zu geben. Sie verweist lieber auf die Arbeit, die erst noch aufgenommen werden müsse, sowohl an Hubers Kunst-Kollektion als auch an einigen der Professoren-Nachlässe im Stadtmuseum. Eine erste TAGBLATT-Stichprobe ergibt allerdings: das Stadtmuseum hat mindestens eine Raubkunst-Leiche im Keller.

Besonders begehrenswert fand der Museumsdieb 2002 offenbar Motive des ebenfalls als „entartet“ verfemten Emil Nolde: Gleich fünf Mal schlug der Langfinger zu, und das wenigste fand später den Weg zurück nach Tübingen. Doch am interessantesten Nolde-Blatt vergriff sich der Mitarbeiter nicht – an der ungewöhnlichen Tusche-Arbeit „Mit Garben beladener Wagen“, das der Künstler um 1910 geschaffen haben muss.

Mit diesem Bild, im Unterschied zur überwiegende Zahl an Druckgrafik ein Unikat, hat es eine besondere Bewandtnis. Es gehörte dem Kunsthistoriker, Museumsdirektor und Expressionismus-Experten Walter Kaesbach, der es 1922 mit rund 100 weiteren Werken seiner Heimatstadt Mönchengladbach überließ. Dort wurde begonnen, eine kleine, feine Kunstsammlung aufzubauen, bis im Frühjahr 1938 die Nationalsozialisten nahezu alle öffentlichen deutschen (und bald darauf auch die privaten) von sogenannter „entarteter Kunst“ säuberten. Auch Mönchengladbach.

Einer von vier Kunsthändlern, die hauptsächlich vom NS-Staat mit der Verwertung der einkassierten, als unwert verstandenen Kunst betraut wurde, war der Güstrower Bernhard A. Böhmer. Ein zweiter hieß Hildebrand Gurlitt, der den Schwabinger Raubkunstschatz anhäufte. Auch Böhmer behielt einiges an Raubkunst für sich. Doch im Unterschied zu Gurlitt brachte er sich und seine Frau 1945 um.

Die Provenienz (also die Herkunftsgeschichte) der Nolde-Zeichnung mit dem Heuwagen lässt sich nun in groben Zügen rekonstruieren. Das Mönchengladbacher Kaesbach-Geschenk wurde dort gleich nach Weihnachten 1937 beschlagnahmt, zusammen mit anderen Werken etwa von Nauken und Rohlfs. Offensichtlich hatte Böhmer dieses Nolde-Bild aber nicht im Auftrag der Nazis veräußert, denn nach dem Selbstmord 1945 fand es sich im Nachlass. Bevor über 600 Kunstwerke ins Kulturhistorische Museum nach Rostock geschafft wurden, wo sie heute noch das umfangreichste Konvolut ehemals beschlagnahmter „entarteter“ Kunst in Museumsbesitz bilden, verschwand der Nolde.

Böhmers Schwägerin, auch Vormund des minderjährigen Boehmer-Sohnes, wollte ihn rechtzeitig verkaufen, um über die finsteren Zeiten vor der Währungsreform zu kommen. Dabei geriet sie an den gelernten Werbemaler Albert Daberkow, der mit einem Teil der heißen Ware in den Westen übersiedelte. Von dort aus belieferte Daberkow die Auktionshäuser, darunter den äußerst entgegenkommenden Robert Norman Ketterer und sein Stuttgarter Kunstkabinett.

Hier schließt sich der Kreis. Das Beschlagnahmeinventar für „entartete Kunst“ weist für eine Ketterer-Auktion des Jahres 1952 die Einlieferung von Noldes Tusche-Blatt aus, das dort „Heuernte mit Windmühle“ heißt. Verkäufer war Daberkow, weswegen der Zusatz „veruntreuende Einlieferung“ den Ärger wiedergibt, den sich das Auktionshaus damit einhandelte: Die Böhmer-Erben waren dem Zwischenhändler auf die Schliche gekommen, der nun Raubkunst auf eigene Rechnung verscherbeln mochte.

Wie auch immer: Noldes „Heuernte mit Windmühle“ und Garbenwagen wechselte an jenem Versteigerungstag den Besitzer – „Standort unbekannt“, vermerkt das Internet-Inventar. Das lässt sich jetzt ändern: Auf der Stuttgarter Auktion hob ein Herr Huber aus Tübingen die Hand. Und heute ist Noldes Bild in den Städtischen Sammlungen des Stadtmuseums zu orten.

Stadtmuseum prüft Bestände auf NS-Raubkunst - und wird fündig
In Tübingen heißt dieser Nolde: „Mit Garben beladener Wagen“. Und früher? „Heuernte mit Windmühle“.Bilder: Stadtmuseum

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Rudolf Huber

Die Arbeitsstelle für Provenienzforschung (AfP) ist zur Zeit bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin angesiedelt und soll im kommenden Jahr in eine neue Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste überführt werden. Seit ihrer Gründung vor sechs Jahren hat sie für 109 langfristige und 61 kurzfristige Projekt Fördergelder in Höhe von rund zwölf Millionen Euro bereitgestellt.
In diesem Jahr lagen dem Beirat 26 Anträge vor, die sich mit NS-Raubgut in deutschen Museen, Bibliotheken oder Archiven befassen. Förderbedarf: 2,5 Millionen Euro. 20 Vorhaben wurden bewilligt. Alle Förderzusagen werden allerdings wegen der anstehenden Gründung des Deutschen Zentrums Kulturverluste auf ein Jahr beschränkt, so auch der Antrag aus Tübingen, der ursprünglich auf zwei Jahre angelegt ist. Neben größeren Institutionen wie der Kunsthalle Bremen, der Bayerischen Staatsbibliothek oder dem Centrum Judaicum, deren Provenienz-Projekte fortgeführt werden, kommen kleinere Häuser wie das Bernrieder Buchheim Museum der Phantasie (dort ist der ehemalige Tübinger Kunsthallen-Kurator Daniel Schreiber Chef) und eben das Tübinger Stadtmuseum erstmalig zum Zug.

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20.12.2014, 12:00 Uhr

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